14.11.12

Nach Dschabiri-Tod

Israel bombardiert 100 Ziele im Gaza-Streifen

Nach dem Tod des Hamas-Militärführer Ahmed Dschabiri eskaliert die Lage im Gazastreifen. Israel mobilisiert Reservesoldaten. Die Hamas droht, "die Tore zur Hölle" seien geöffnet.

Von Michael Borgstede
Foto: dpa
Destroyed Hamas site after an Israeli air strike
Ein in Flammen aufgehendes Hamas-Fahrzeug. Israel kündigt weitere Aktionen gegen die Islamistenorganisation an

Ist das im Gazastreifen nun schon ein Krieg? Israels Verteidigungsminister Ehud Barak geht der Frage bei einer kurzen Pressekonferenz am Mittwochabend aus dem Weg: Israel sei nicht an einem Krieg interessiert, sagt er nach einer Sondersitzung des Kabinetts.

Aber der andauernde Raketenbeschuss der vergangenen Tage habe nach einer "scharfen und entschiedenen" Reaktion verlangt. "Wir befinden uns am Anfang der Aktion, nicht am Ende", sagt er noch. Das klingt nicht so, als werde es dieses Mal mit einigen Luftangriffen auf die Abschussvorrichtungen getan sein.

Die Armee hat die ersten Reservesoldaten mobilisiert, die israelische Marine soll erste Ziele in Gaza beschossen haben und die Luftwaffe hat innerhalb weniger Stunden mehr als 20 Ziele bombardiert. In den Städten und Dörfern im Grenzgebiet heulen im Minutentakt die Sirenen - die Hamas versucht zurückzuschlagen.

Seit Mitternacht 100 Ziele angegriffen

In der Nacht zum Donnerstag hat die israelische Luftwaffe ihre massiven Luftschläge im Gazastreifen fortgesetzt. Eine Armeesprecherin sagte, etwa 100 Ziele seien seit Mitternacht angriffen worden. Die palästinensische Nachrichtenagentur Safa berichtete, seit Beginn der Militäroperation am Mittwoch seien elf Palästinenser getötet und mehr als 100 verletzt worden. Bei einem Angriff auf Kirjat Malachi wurden drei Israelis getötet.

Unter den getöteten Palästinensern seien den Angaben zufolge auch zwei Kinder und eine schwangere Frau gewesen. Israel warf nach Medienberichten Flugblätter über dem Gazastreifen ab, die Zivilisten dazu aufriefen, sich zu ihrem eigenen Schutz von Waffenlagern fernzuhalten.

Obama unterstützt Israel

US-Präsident Barack Obama hat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi über die Lage im Nahen Osten gesprochen.

Dabei habe Obama seine Unterstützung für das Recht Israels auf Selbstverteidigung bekundet, teilte das Weiße Haus mit. Er habe die Regierung in Jerusalem allerdings auch dazu aufgefordert, zivile Opfer bei den Militäroperationen zu vermeiden.

Islamisten verlieren Militärführer

Am Mittwochnachmittag um 16.06 Uhr hatte die Islamistenorganisation ihren Militärführer verloren. Auf einem von der israelischen Armee veröffentlichten Filmausschnitt kann man Ahmed Dschabiris Tod aus der Luft mitverfolgen: Immer geradeaus fährt das Auto, an einem sich langsam bewegenden Kleinbus und einem geparkten Wagen vorbei.

Mitten auf einer leeren Kreuzung explodiert der Wagen, Metallteile fliegen Meter durch die Luft, die Fensterscheiben eines benachbarten Hauses zerbersten.

Jener Mann, der die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit geplant und an zahlreichen weiteren Terroranschlägen beteiligt war, ist tot. Sein Sohn und ein Bodyguard sollen bei dem Anschlag ebenfalls ums Leben gekommen sein.

Empfindlicher Verlust

Für die Issedine-al-Kassam-Brigaden, den militärischen Flügel der Hamas, ist Dschabaris Tod ein empfindlicher Verlust. Israel habe für sich "die Tore der Hölle geöffnet", heißt es in einer ersten Reaktion der Organisation.

Die Drohung hat man in Jerusalem schon öfter gehört, doch die plötzliche Tötung von Dschabari birgt unzweifelhaft die Gefahr der Eskalation. Gerade hatten ägyptische Vermittlungsbemühungen zu einem fragilen Waffenstillstand geführt, der Raketenbeschuss israelischer Städte hatte abgeebbt.

Nun schrillen wieder die Sirenen in Sderot, Beer Scheba und Aschkalon. Man könne sich aber nicht von den Launen der Hamas abhängig machen, sagt Bildungsminister Gideon Saar. Auch die Schule wird am Donnerstag in Teilen des Landes mal wieder ausfallen.

11.000 Raketen seit 2001 aus Gaza

Seit 2001 sind 11.000 Raketen aus Gaza nach Israel abgefeuert worden. Die meisten der primitiven Geschosse richten zwar wenig Schaden an, versetzen die Bevölkerung aber in Angst und Schrecken und machen ein normales Leben unmöglich. Die jüngste Eskalation beginnt vor vier Tagen mit einem Mörserangriff auf ein israelisches Militärfahrzeug, dass sich 35 Meter auf der israelischen Seite der Grenzbefestigung bewegt.

Vier Soldaten werden verletzt. Auf die israelischen Luftangriffe folgen wiederum palästinensische Raketenangriffe: Etwa 160 Raketen schlagen daraufhin im Süden des Landes ein. Israel will nun klar stellen, dass es diese Situation nicht weiter hinnehmen wird.

Der Anschlag auf Dschabari war nur der Anfang der Militäraktion mit dem Namen "Verteidigungspfeiler". Weitere Ziele der etwa zwei Dutzend Luftangriffe waren Polizeistationen der Hamas, Raketenabschussvorrichtungen, Führer des militärischen Flügels des Organisation und Waffenlager.

Israel will vor allem die begrenzten Bestände der aus dem Iran an die Hamas gelieferten Fajr-5-Raketen zerstören. Mit einer Reichweite von bis zu 75 Kilometer könnten sie Sprengköpfe bis in den Großraum Tel Aviv tragen - der israelische Albtraum. Beruhigend versichert Verteidigungsminister Barak nun zwar, der größte Teil der Bestände sei bereits vernichtet worden, doch in den Bunkern von Gaza wird derzeit gewiss auch über den Einsatz dieser schlagkräftigen Waffe beraten.

Keine Eskalation erwünscht

Zwar haben beide Seiten eigentlich kein Interesse an einer Eskalation der Situation: Die Hamas weiß, dass sie einer militärischen Auseinandersetzung mit der israelischen Armee nicht gewachsen ist und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu möchte sich im Wahlkampf zwar gern als hart durchgreifender Terroristenjäger gerieren, einen möglicherweise verlustreichen Krieg mit Bodentruppen in Gaza wird er sich kaum wünschen.

Doch weil die Hamas die israelische Reaktion auf ihre Provokationen schon des öfteren sehr falsch eingeschätzt hat und der Wahlkampf in Israel alles noch unberechenbarer macht, scheint momentan alles möglich: Eine Eskalation mit vereinzeltem Raketenbeschuss Tel Avivs und einer darauf unvermeidlich folgenden israelischen Bodenoffensive in Gaza ebenso wie ein recht schnelle Beruhigung der Situation.

Nicht einmal die Armeeführung scheint derzeit genau zu wissen, wie es weiter gehen soll. "Wir haben ein grünes Licht für alles, was notwendig ist, um die Bedrohung zu beenden", sagt Sprecher Joav Mordechai. "Wir werden sehen, wie die Sache sich entwickelt."

Quelle: mit dpa/dapd
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