14.11.12

Petraeus-Affäre

Die Generäle und der ungeschützte E-Mail-Verkehr

Die Affäre um den Ex-CIA-Chef entpuppt sich als bizarre Geschichte um Eifersucht und Banales. Die Sicherheit war aber wohl kaum gefährdet.

Von Ansgar Graw
Foto: dpa

John Allen (l.) und David Petreaus, zwei US-Generäle im Mittelpunkt eines bizarren Dramas
John Allen (l.) und David Petreaus, zwei US-Generäle im Mittelpunkt eines bizarren Dramas

Es gab Champagner und Kaviar. Butler nahmen die Wagen der Gäste vor der Tür in Empfang und fuhren sie nach der Party wieder vor. Wenn Jill und Scott Kelley in ihre prächtige Villa am Bayshore Boulevard in Tampa luden, dann atmete die gesamte Stadt den Flair von rotem Teppich und Hollywood-Premiere. Dabei waren die Gäste keine Leinwandstars, sondern Offiziere aus bis zu 60 Nationen vom US-geführten Zentralkommando. Gefeiert wurden "Gasparilla Partys", benannt nach dem spanischen Piraten, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Westküste Floridas unsicher machte.

Das Problem mit Gasparilla: Niemand weiß, ob der Freibeuter überhaupt je lebte. Die Existenz von Gastgeberin Jill Kelley, die in der Affäre um den Rücktritt von CIA-Chef David Petraeus berühmt wurde, ist zwar unstrittig, doch auch im Leben der Lady ist vieles undurchsichtig und scheint anders als in ihrer Selbstdarstellung oder ihrem Bild in den Medien.

"Gelangweilte Salonlöwin"

Als sich Jill Kelley am Sonntag von Journalisten vor ihrem Haus belästigt wähnte, wählte sie den Notruf 911. Als Honorarkonsulin genieße sie "Unverletzlichkeit", sagte die mit einem Chirurgen verheiratete Mutter zweier Kinder und erwähnte auch etwas von "diplomatischem Schutz". Doch der Titel der Honorarkonsulin Südkoreas gewährt keinerlei diplomatischen Status. Daneben führt die 37-Jährige, mutmaßlich wegen ihrer ausgeprägten Gastfreundschaft gegenüber der Generalität, den ebenso unbezahlten und inoffiziellen Titel einer "Ehrenbotschafterin" der Koalitionskräfte in Afghanistan.

Sie sei eine "reiche, gelangweilte Salonlöwin", ist im Hintergrund zu hören, und gelegentlich unterschlage sie im Gespräch den einschränkenden Zusatz "Ehren-", wenn sie sich als "Botschafterin" vorstelle. Dabei steht selbst das "reich" infrage. Die Tochter libanesischer Einwanderer hat gemeinsam mit ihrem Mann mindestens neun Prozesse verloren, in denen es vor allem um Immobilien und Geld ging. Die Villa ist 1,5 Millionen Dollar wert, aber das Ehepaar hat mehr als zwei Millionen Dollar Schulden wegen eines Bürogebäudes in ihrem Besitz, das nun auf die Zwangsvollstreckung wartet. Steuererklärungen weisen Einkünfte von jährlich rund 175.000 Dollar aus, was für den aufwendigen Lebensstil kaum ausreicht.

Nachdem Petraeus seinen Posten als CIA-Chef aufgegeben hatte wegen seiner Affäre mit seiner Biografin Laura Broadwell, galt die mit ihm befreundete Kelley als mutmaßliche Geliebte zumindest eines anderen Vier-Sterne-Generals, John R. Allen. Doch die 20.000 bis 30.000 Seiten E-Mail-Konversation zwischen Kelley und Allen, die das FBI auf ihrem Computer entdeckte, scheinen das bislang nicht zu bestätigen. Was zunächst als "teilweise unziemlich" bezeichnet wurde, reduziert sich letztlich möglicherweise auf das Kosewort "Sweetheart", mit dem Allen die attraktive Frau mindestens einmal anredete. Das ist üblicherweise für Ehepartner vorbehalten und verletzt zweifellos die Etikette des sittenstrengen Militärs.

Nationale Sicherheit wohl kaum gefährdet

Aber reicht das, um eine Frau dem Verdacht eines außerehelichen Verhältnisses auszusetzen? Bislang kann man Kelley nur vorwerfen, dass sie ungeschützten E-Mail-Verkehr hatte. Zunächst war Kelley Opfer, als sie von Broadwell anonyme E-Mails erhielt. Darin warf ihr die Petraeus-Geliebte vor, Generäle zu verführen. Mutmaßlich nahm die 40-jährige Broadwell Kelley als Nebenbuhlerin wahr. Kelley schaltete das FBI ein, das Broadwell als Absenderin der E-Mails entlarvte und dabei über deren Verhältnis mit dem CIA-Chef stolperte. Über Broadwell wiederum heißt es, sie habe auch Allen in Kabul anonyme E-Mails zugeschickt, in denen sie Kelley als "Verführerin" denunzierte.

Was also ist wem bislang konkret vorzuwerfen? Petraeus hatte eine außereheliche Affäre, die nicht strafbar ist, aber aus deren Bekanntwerden er die Konsequenz des Rücktritts zog. In der Nacht auf Dienstag filzten FBI-Agenten das Haus der Familie Broadwell in Charlotte (North Carolina) und stellten Computer, Festplatten und Unterlagen sicher. Dabei soll es sich um eine Art Privatarchiv des Generals gehandelt haben, das er seiner Biografin für ihr Buch über sich und über den Afghanistan-Einsatz zur Verfügung gestellt hatte. Ob er damit gegen interne Vorschriften verstieß, wird untersucht. Die nationale Sicherheit gefährdete Petraeus aber wohl kaum mit diesem Vorgehen.

"Danke, Sweetheart"

Allen versichert weiter, kein Verhältnis mit Kelley gehabt zu haben. Die Korrespondenz mit der Party-Dame, die auf bis zu 30.000 Seiten anwuchs, weil Inhalte über die "Antwort"-Funktion mehrfach angehängt und damit wiederholt wurden, wird ausgewertet. Bislang ist nur bekannt, dass Kelley ihm beispielsweise schrieb, sie habe ihn im Fernsehen gesehen und er sei "toll" gewesen – woraufhin er sich mit jenem "Thanks, Sweetheart" revanchierte. US-Verteidigungsminister Leon Panetta lobt die Arbeit von Allen und sprach ihm sein Vertrauen aus.

Broadwell, die von Eifersucht getriebene Petraeus-Geliebte, mag eine Stalkerin sein – aber wirklich "bedrohlich" waren ihre anonymen E-Mails offenkundig nicht. Und sollte sie von Petraeus klassifiziertes Material bekommen haben, scheint sie es nicht genutzt zu haben.

Petraeus machte einen Fehler, als er einen besonders trickreichen Weg ersann, um mit Broadwell zu kommunizieren. Weil er als Geheimdienstprofi weiß, wie leicht sich E-Mails abfangen lassen, legte er unter Pseudonym ein Gmail-Konto an. Darin schrieben beide ihre Mails, verschickten sie aber nicht, sondern beließen sie im "Entwürfe"-Fach. Der jeweils andere griff dann mit den gleichen Nutzerdaten auf das Fach zu und las den Entwurf. Dieses konspirative Gebaren ließ bei den FBI-Ermittlern den Verdacht aufkommen, ein Dritter habe ein E-Mail-Konto des CIA-Chefs gehackt.

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