12.11.12

Petraeus-Affäre

"Mrs. X" und die nationale Sicherheit in Libyen

Die Geliebte von CIA-Chef Petraeus verschickte Droh-Mails an Jill Kelley, eine Freundin der Familie, auch eine Geliebte? Derweil werden Spekulationen über "die echten Gründe" für den Rücktritt laut.

Von Ansgar Graw
Foto: REUTERS

Jill Kelley, eine gute Freundin von CIA-Chef Petraeus, vor ihrem Haus in Tampa, Florida
Jill Kelley, eine gute Freundin von CIA-Chef Petraeus, vor ihrem Haus in Tampa, Florida

Die attraktive Mittdreißigerin verließ ihr Haus in South Tampa (Florida), ignorierte die Journalisten auf der Straße, stieg in ihr Auto und fuhr wortlos davon. Aber sie übermittelte Agenturen ein kurzes schriftliches Statement. "Unsere Familie und die Familie von General Petraeus sind seit fünf Jahren befreundet. Wir respektieren seine Privatheit und die seiner Familie, und wir erbitten dasselbe für uns und unsere drei Kinder", war darin zu lesen.

Die Frau, die den Medien am Sonntagabend auswich, ist Jill Kelley, 37, eine ehrenamtliche Verbindungsfrau zum Zentralkommando der US-Spezialkräfte, und sie brachte den Stein ins Rollen, der letztlich zum Rücktritt von CIA-Chef David Petraeus führte.

Kelley, in früheren Artikeln "Mrs. X" genannt, hatte das FBI eingeschaltet, weil sie anonyme E-Mails erhielt, in der ihr eine "außereheliche Beziehung" vorgeworfen wurde. Als Absenderin entlarvt wurde die 39-jährige Paula Broadwell, Autorin einer sehr wohlwollenden Petraeus-Biographie.

Rätsel um anonyme E-Mails

Die Ermittlungen enthüllten schließlich ein außereheliches Verhältnis Broadwells mit Petraeus, der seit 38 Jahren verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder ist. Broadwell ist ebenfalls verheiratet und die Mutter zweier kleiner Söhne.

Der genaue Inhalt von Broadwells anonymen E-Mails an Kelley ist unbekannt. Aber offenkundig betrachtete die taffe Soldatin und Triathletin Kelley als Nebenbuhlerin um die Gunst des Generals – während die Frau aus Florida versichert, über eine persönliche Freundschaft hinaus keine Beziehung zu Petraeus gehabt zu haben.

Nach Informationen des "Wall Street Journal" erhielt Kelley seit Mai fünf bis zehn anonyme Nachrichten mit beleidigendem Inhalt. Als die FBI-Agenten die E-Mails zurückverfolgten, stießen sie auf das Eigenheim von Paula Broadwell und ihren Mann in Charlotte, North Carolina.

Spuren verwischt

Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Hinweis darauf, dass Petraeus von dem Fall betroffen war. Auch nachdem sich die FBI-Ermittler mit staatsanwaltlicher Genehmigung Zugang zum E-Mail-Konto von Broadwell verschafften, tappten sie zunächst weiter im Dunkeln.

Denn Petraeus hatte sich unter einem Pseudonym ein Gmail-Konto zugelegt, um mit Broadwell kommunizieren zu können. Auf diesem Konto wurden offenkundig E-Mails "mit eindeutig sexuellem Hinweis" ausgetauscht.

FBI-Agenten fanden erst nach einiger Zeit den Klarnamen von Broadwells Liebhaber heraus. Die offiziellen E-Mail-Adressen von Petraeus und sein CIA-Account seien zu keinem Zeitpunkt ausgespäht worden, wird versichert.

Geheime Informationen

Zusätzliche Aufregung entstand, als die FBI-Agenten im September Broadwells Computer untersuchten und darin auf als geheim klassifizierte Unterlagen stießen. Petraeus, der erst etwa anderthalb Wochen vor dem Wahldienstag vom FBI auf die Ermittlungen angesprochen wurde, hat versichert, diese Dokumente stammten nicht von ihm.

Das hat Broadwell intern bestätigt. Angesichts ihrer Recherchen zu Themen der Terrorbekämpfung und ihrer vorzüglichen Kontakte in den militärischen Bereich ist es durchaus vorstellbar, dass sie weitere Quellen für derartige Materialien hat.

Politisches Erdbeben in Washington

Petraeus, der wegen seines vier Sterne und seinem Nachnamen in Militärkreisen als "P4" firmiert und wiederholt als möglicher republikanischer Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde, hatte vergangenen Freitag sein Amt aufgegeben. In diesem Zusammenhang gestand er seine außereheliche Affäre ein und löste damit ein politisches Erdbeben in Washington nur drei Tage nach der Wiederwahl von Präsident Barack Obama aus.

Erst im Juni vergangenen Jahres war Petraeus für das Amt des CIA-Direktors benannt worden. Der vormalige Oberkommandierende der Streitkräfte im Irak und in Afghanistan (dort verantwortete er auch die Isaf-Kontingente) übernahm im September 2011 die Führung des Geheimdienstes.

Am Mittwoch und Donnerstag wird der Geheimdienstausschuss des Senats zum Teil hinter verschlossenen Türen die Hintergründe des Falles erfragen. Vor allem wird es dabei um den möglichen Bruch von Geheimhaltungsvorschriften gehen. Petraeus wird bislang kein dienstliches Fehlverhalten vorgeworfen.

Sollte sich herausstellen, dass er Broadwell klassifiziertes Material zugänglich gemacht hat, bliebe fraglich, ob dadurch die "nationale Sicherheit" gefährdet wurde und er sich lediglich eines geringfügigen Verstoßes gegen interne Vorschriften schuldig gemacht hat. Das Verhältnis des CIA-Chefs mit Broadwell soll bereits vor vier Monaten beendet worden sein.

Republikaner wussten früher etwas

Aber für heftige Irritationen sorgt die Tatsache, dass Republikaner im Kongress schon Ende Oktober aus dem FBI heraus über die außereheliche Affäre von Petraeus informiert wurden – lange vor dem Weißen Haus und obwohl Seitensprünge nun einmal nicht strafbar sind. Möglicherweise sollte die "Grand Old Party" mit Wahlkampfmunition gegen die Regierung Obama versorgt werden.

Ein FBI-Mitarbeiter kontaktierte mit diesen Informationen zunächst den republikanischen Abgeordneten Dave Reichert aus Washington (State) und ließ sich vermitteln an Eric Cantor, den Mehrheitsführer der Partei im Repräsentantenhaus.

Cantor wiederum wandte sich an die FBI-Spitze, von wo er den in solchen Fällen üblichen Hinweis erhielt, man könne die Information "weder dementieren noch bestätigen". Cantor verzichtete darauf, sein Wissen im Wahlkampf auszuschlachten.

Eine Frage der Ehre

Der Geheimdienstkoordinator des Weißen Hauses, James Clapper, wurde erst am Dienstagnachmittag, also am Wahltag, über die FBI-Ermittlungen informiert. Obama erfuhr davon am folgenden Tag.

An jenem Mittwoch traf er auch Petraeus, der ihn um seine Entlassung bat. Der CIA-Direktor ist offenkundig der Ansicht, nachgeordnete Geheimdienstler hätten wegen derartiger Affären zumindest interne Probleme bekommen.

Als CIA-Direktor müsse er ein Vorbild sein – eine Frage der Ehre. Das ließ nur seinen Rücktritt zu. Die Indiskretion aus der Bundespolizei dürfte bei der Senatsanhörung eine wichtige Rolle spielen. Ausgeschlossen wird nicht, dass Petraeus trotz seines Rücktritts zur Aussage vorgeladen wird.

Spekulationen über Rücktritt

Weil sich viele Beobachter nicht vorstellen können, dass ein CIA-Chef "wegen rein privater Verfehlungen" den Schlapphut an den Nagel hängt, schießen Spekulationen über "die echten Gründe" ins Kraut. So heißt es, Petraeus habe gehen müssen wegen der noch laufenden Ermittlungen über den Tod von vier US-Diplomaten am 11. September im libyschen Bengasi.

Dort soll der CIA versagt haben bei der Gefahrenanalyse im Vorfeld der terroristischen Attacke. Auch danach hielten CIA-Agenten viele Tage lang die falsche Version aufrecht, die Gewalt sei spontan entstanden aus Protesten gegen ein anti-muslimisches Video, das in den USA produziert wurde.

Doch so peinlich mögliche Fehler der CIA für die Regierung Obama auch sein mögen: An den Fakten ändert es nichts, ob Petraeus trotz seines Rücktritts noch einmal in den Ausschuss vorgeladen wird und Rede und Antwort stehen muss, oder ob sein bisheriger Stellvertreter, der amtierende CIA-Chef Mike Morrell, die Senatoren über eventuelle Versäumnisse der CIA informiert.

Quelle: dapd
10.11.12 1:01 min.
Der CIA-Chef David Petraeus hat überraschend sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Der ehemalige Vier-Sterne-General und Isaf-Kommandeur gab eine außereheliche Affäre als Begründung an.
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