11.11.12

Affäre um CIA-Chef

Broadwell und "Mrs. X" buhlten um die Loyalität von P4

Die E-Mails an die "dritte Frau" brachten das FBI auf die Spur der Affäre von CIA-Chef Petraeus und der Biografin Broadwell. Doch es gab schon vorher einen Hinweis. Vermutlich von Broadwells Ehemann.

Von Ansgar Graw
Foto: AFP

Der zurückgetretene CIA-Chef David Petraeus und seine Biografin und Geliebte Paula Broadwell. Sie führte ihre Interviews gern beim gemeinsamen Joggen
Der zurückgetretene CIA-Chef David Petraeus und seine Biografin und Geliebte Paula Broadwell. Sie führte ihre Interviews gern beim gemeinsamen Joggen

Von seiner Frau und der Liebe auf den ersten Blick zu ihr, damals, vor vier Jahrzehnten, schwärmte er in hohen Tönen. Aber draußen im Feld, wo er mitunter 16 Monate am Stück von seiner Familie getrennt war, wusste er sich zu behelfen: Nachdem CIA-Chef David Petraeus am Freitag wegen einer Affäre mit seiner Biografin als CIA-Chef zurückgetreten ist, sorgt nun eine geheimnisvolle "dritte Frau" für neue Spekulationen über das Privatleben des 60-jährigen Generals – und über mögliche Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften.

Diese dritte Frau löste die Untersuchungen des FBI aus, in deren Fokus zur Überraschung der ermittelnden Beamten plötzlich der Direktor des US-Geheimdienstes geriet. "Mrs. X", wie wir sie nennen wollen, schaltete die Bundesbehörde vor mehreren Monaten ein, weil sie sich durch E-Mails "belästigt" und gar "bedroht" fühlte. Deren Absender war Paula Broadwell, die 39-jährige Soldatin und Journalistin, die im Januar ein sehr wohlwollendes Buch über den Vier-Sterne-General veröffentlicht hatte ("All In: The Education of General David Petraeus").

Die FBI-Agenten verfolgten zunächst im Netz die Spuren von Broadwell, einer mit einem Radiologen verheirateten Mutter zweier kleiner Söhne. Dabei stießen sie zu ihrer Verblüffung auf E-Mails des CIA-Direktors. Zunächst fürchteten sie, einen Hacker-Angriff auf das private G-Mail-Konto von Petraeus aufgedeckt zu haben. Vier-Augen-Gespräche mit Broadwell und Petraeus enthüllten dann das über längere Zeit bestehende Liebesverhältnis zwischen beiden. Ausgeräumt wurde dadurch die Sorge, dass das Konto des Generals geknackt worden war.

Inhalt der E-Mails unbekannt

Was Broadwell in ihren E-Mails an Mrs. X schrieb, ist unbekannt. Aber in Sicherheitskreisen heißt es, offenkundig "wetteiferten beide Frauen um die Loyalität" des Generals. Handelt es sich bei Mrs. X um eine weitere Geliebte von Petraeus? Zumindest ging Broadwell davon offenkundig aus.

Der General, wegen seines Namens und der vier Sterne auch "P4" genannt, hat mit seiner Frau Holly zwei erwachsene Kinder: Die Tochter Anne, die in Europa Sprachen lernte, und den Sohn Stephan, der Computerwissenschaften und Chinesisch studierte, dann aber Fallschirmjäger wurde wie der Vater und in Afghanistan zum Einsatz kam.

Seitensprünge sind nicht strafbar. Nach dem strengeren US-Militärrecht können außereheliche Affären ein Vergehen darstellen, "wenn sie die Streitkräfte in ein schlechtes Ansehen rücken". Das lässt sich über diesen Fall bislang sicher nicht sagen. Hinzu kommt, dass Petraeus aus der Army ausscheiden musste, bevor er im September 2011 CIA-Direktor wurde.

Gescheitert an moralischen Kriterien

Aber Petraeus, der über die Parteigrenzen hinweg hohes Ansehen als genialer Stratege ebenso erworben hat wie als unverwüstlicher und mutiger Kriegsheld, sah sich offenkundig gescheitert an moralischen Kriterien, die er bei anderen, vor allem aber bei sich selbst anlegte. Der Soldat in ziviler Verwendung war immer als Asket wahrgenommen worden, der alle Loyalitäten einzuhalten schien: Gegenüber dem Commander-in-Chief, ob er George W. Bush oder später Barack Obama hieß, gegenüber dem Pentagon, vor allem aber gegenüber den Soldaten, die ihm anvertraut waren, und gegenüber seiner Familie.

Am Mittwoch, nur einen Tag nach dessen Wiederwahl, suchte Petraeus Obama im Weißen Haus auf und bat um seine Entlassung. Obama, der erst Stunden zuvor von seinen Mitarbeitern über die FBI-Untersuchungen und die Affäre des CIA-Chefs informiert worden war, lehnte zunächst ab. Am Freitag rief er Petraeus dann an und stimmte dem Ersuchen zu – "dankenswerterweise", wie der General in der schriftlichen Erklärung zu seinem Ausscheiden aus dem Amt schrieb.

Paula Broadwell, die Geliebte des Generals, stellt sich in ihrem Twitter-Account als Sicherheitsexpertin, Sportlerin ("Läuferin, Skifahrerin, Surferin"), Frau und "Mutter!", mit Ausrufzeichen, vor – und außerdem als "Frauenrechtsaktivistin". In ihrer Petraeus-Biografie schreibt Broadwell, sie habe den General erstmals getroffen, als er im Frühjahr 2006 einen Gastvortrag in Harvard hielt.

Liegestützen und Triathlon

Weil sie an der Elite-Universität gerade Material für ihre geplante Promotion über "Counterterrorismus" sammelte und wie Petraeus West Point absolviert hatte, wurde sie von der Universitätsleitung zum Dinner mit dem prominenten Redner geladen. Man tauschte E-Mail-Adressen aus. Im folgenden Jahr wurde Petraeus Oberkommandierender im Irak. Dort praktizierte er auf dem Höhepunkt der terroristischen Gewalt seine erfolgreiche Strategie zur Bekämpfung der Aufständischen. Dazu gehörten verstärkte Attacken gegen die Terroristen. Noch wichtiger aber war die Kooperation mit regionalen Clans und Führern.

Broadwell und der General sind Fitness-Enthusiasten. Die Soldatin beendete ihren West-Point-Jahrgang als "sportlichste" Absolventin, und sie sagte in einem Interview, hätte man die Männer mitgezählt, wäre sie immer noch unter den ersten fünf gelandet. Vom 20 Jahre älteren Petraeus wiederum heißt es, er sei beim Liegestützen-Wettbewerb nicht zu schlagen. Er schaffe 100 Stück in der Minute und fordere gelegentlich junge Soldaten in den Kasernen auf, an Ort und Stelle diese Kraftübungen auszuführen.

Dann lässt sich "P4" neben sie zu Boden und macht mit – er hält stets länger durch als seine Untergebenen. Als er sich vor Jahren bei einem Unfall mit dem Fallschirm das Becken zerschmetterte, entdeckten Krankenschwestern im Hospital, das der General wenige Wochen danach neben dem Krankenbett schon wieder Liegestützen absolvierte.

Der verräterische Leserbrief in der New York Times

Mit der Triathletin Broadwell begann Petraeus 2008 in Washington gemeinsame Jogging-Läufe am Potomac. Als der General im Sommer 2010 das Oberkommando über die US- und Isaf-Truppen in Afghanistan übernahm, folgte ihm die Frau aus North Dakota für mehrere Monate an den Hindukusch – offiziell, um ihre wissenschaftlichen Studien fortzusetzen. Aber nicht nur dafür. "Als ich in Kabul war, haben wir ziemlich viele Interviews beim Joggen gemacht. Es war eine gute Ablenkung vom Krieg für ihn", erzählte Broadwell im Januar in der populären "Daily Show" des Comedian Jon Stewart, wo sie ihre Biografie vorstellte.

Ihr Mann begleitete sie zu diesem Auftritt. Zwischendurch rief sie ihm ein kosendes "Honey" in den Zuschauerraum zu. Ob Mr. Broadwell zu diesem Zeitpunkt etwas von der Affäre seiner Frau wusste, ist unbekannt. Aber im Juli erschien in der "Ethik"-Kolumne von Chuck Klosterman in der "New York Times" ein anonymer Leserbrief, in dem ein Ehemann unter der Überschrift "Der Liebhaber meiner Frau" über die Affäre seiner Gattin berichtete.

Ihr Liebhaber sei ein namentlich nicht genannter "Regierungsoffizieller", dessen aktuelles Projekt "weltweit gesehen wird als eine Demonstration amerikanischer Stärke". Ob er dazu schweigen oder dies enthüllen solle, fragte der Schreiber den Sorgenonkel Klosterman. Heute spricht vieles dafür, dass Mr. Broadwell der Absender dieses Briefes war. Mutmaßlich wollte er jemandem einen Hinweis geben – vielleicht seiner Frau, vielleicht dem General.

Foto: dapd/pa/Landov

Sie wurde ihm zum Verhängnis: CIA-Chef David Petraeus muss wegen einer Affäre mit der Soldatin Paula Broadwell zurücktreten

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