10.11.12

Rücktritt

Wie Petraeus über die Affäre mit seiner Biografin stolperte

Die Beziehung zu seiner Biografin Paula Broadwell hat David Petraeus zu Fall gebracht. Dabei galt der CIA-Chef als spießig und asketisch.

Von Ansgar Graw
Foto: dapd/pa/Landov

Sie wurde ihm zum Verhängnis: CIA-Chef David Petraeus muss wegen einer Affäre mit der Soldatin Paula Broadwell zurücktreten

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"Der Liebhaber meiner Frau" ist der anonym veröffentlichte Leserbrief überschrieben, und ein Mann berichtet darin über die Affäre seiner Gattin mit einem namentlich nicht genannten und von ihm persönlich hoch geschätzten "Regierungsoffiziellen", dessen aktuelles Projekt "weltweit gesehen wird als eine Demonstration amerikanischer Stärke".

Die Bitte um beratenden Beistand, veröffentlicht am 13. Juli in der "Ethik-Kolumne" von Cuck Klosterman, dem Sorgenonkel des "New York Times"-Magazins, erscheint vier Monate später wie der Zünder zur Bombe, die nur drei Tage nach der Präsidentschaftswahl in den USA platzte: Am Freitag verkündete David Petraeus seinen Rücktritt als Chef des Geheimdienstes CIA.

Seit 37 Jahren verheiratet

Der in beiden politischen Lagern hoch angesehene Vier-Sterne-General, seit 37 Jahren verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder, gab in einem Schreiben an die Mitarbeiter der Geheimdienstbehörde eine außereheliche Affäre als Grund für seine Demission an.

Offenkundig hatte Petraeus ein Verhältnis mit seiner Biografin Paula Broadwell. Die junge Journalistin, eine Triathletin und Absolventin der Militärakademie West Point, war für Rückfragen zunächst so wenig zu erreichen wie der General. Broadwell soll das Verhältnis nach dem vor einem Jahr erfolgten Wechsel des Generals an die Spitze des CIA beendet haben. Doch Petraeus habe sie nicht verlieren wollen und weiterhin "tausende" E-Mails geschickt, behauptet der Journalist und Sicherheitsexperte Ronald Kessler.

Die Affäre geriet ins Visier des FBI, weil sie auf eine E-Mail von Petraeus an Broadwell stießen und den Eindruck erhielten, eine andere Person habe sich Zugang verschaffen wollen zu E-Mails und als geheim klassifizierten Unterlagen auf dem G-Mail-Konto des Generals.

Broadwell, deren Biografie unter dem Titel "All In: The Education of General David Petraeus" (etwa: "Alles inbegriffen: Die Ausbildung von General David Petraeus") ausgesprochen wohlwollend daher kommt, wird offenkundig nicht der Spionage beschuldigt. Es ist wahrscheinlicher, dass die verheiratete Mutter zweier Kinder auf der Suche nach journalistisch interessantem Material war.

Keine Ermittlungen

Auch gegen Petraeus wird dem Vernehmen nach nicht ermittelt. Aber das FBI hatte offenkundig den Eindruck bekommen, der General sei "abgelenkt" von der Arbeit für seinen Geheimdienst.

Am Donnerstag suchte Petraeus, einen Tag nach seinem 60. Geburtstag, den gerade wiedergewählten Präsidenten Barack Obama auf und bat um die Entbindung von seinem Amt. Am Freitag rief der Präsident den CIA-Chef an und stimmte dem Rücktritt "dankenswerterweise" zu, schreibt Petraeus in seiner Erklärung, in der er sich "schlechtes Urteilsvermögen" bescheinigt und seine außereheliche Affäre als "inakzeptabel" bezeichnet "sowohl für einen Ehemann wie auch für den Vorgesetzten einer solchen Behörde wie der unseren".

Es ist allerdings davon auszugehen, dass Obama nicht erst am Donnerstag von der Affäre erfuhr. Petraeus wurde von FBI-Agenten bereits vor zwei Wochen, vor einem Flug nach Kairo zu Gesprächen mit hochrangigen ägyptischen Politikern und Sicherheitsbeamten, mit Fragen zu seinem Verhältnis konfrontiert. Wenn das FBI untersucht, ob sich der CIA-Direktor erpressbar machte, muss zumindest der Geheimdienstkoordinator im Weißen Haus, James Clapper, informiert werden. Aber offenkundig sollte die Affäre nicht die Endphase des Wahlkampfes belasten.

Stratege und asketischer Spießer

Gleichwohl war in den vergangenen Wochen in Washingtoner Kreisen spekuliert worden, dass Petraeus bald seinen Schlapphut an den Nagel hängen müsse. Doch dabei ging es nicht um eine Affäre des Mannes, der als genialer Stratege und als stahlharter Krieger, aber auch immer ein wenig als asketischer Spießer wahrgenommen wurde.

Vielmehr wurde ein Rücktritt für möglich gehalten wegen der Rolle, die die CIA im Vorfeld der Gewalt gegen die US-Vertretung im libyschen Bengasi am 11. September spielte. Dabei waren vier US-Diplomaten getötet worden, unter ihnen Botschafter Chris Stevens. Die Obama-Administration hatte die Attacke tagelang auf spontane Unruhen wegen eines Mohammed-kritischen Videos zurückgeführt, obwohl es von Beginn an klare Hinweise auf eine vorbereitete Attacke von Al-Qaida-nahen Terroristen zum Jahrestag des 11. September 2001 gab. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die CIA im Vorfeld und bei der Aufklärung des Angriffs versagte.

Der Rücktritt führte umgehend zu Spekulationen, dadurch sollte Petraeus' Aussage am Donnerstag vor dem Geheimdienst-Ausschuss des Senats über die Terrorattacke in Bengasi verhindert werden. Doch dafür gibt es kein spezielles Motiv. Über die Tätigkeit und Verantwortung der CIA wird sein bisheriger Stellvertreter Mike Morrell ebenso Auskunft geben können.

Der Inhalt dieser Aussage mag die Regierung Obama in Schwierigkeiten bringen. Aber eine persönliche Schuld über seine Verantwortung als bisheriger CIA-Chef hinaus wird Petraeus an den Vorgängen in Libyen nicht gegeben.

Vor 37 Jahren heiratete David Petraeus Hollister "Holly" Knowlton, die einer alten Soldaten-Dynastie entstammte. Ihr Ururopa kämpfte im Bürgerkrieg und in Indianerkriegen, ihr Urgroßvater im amerikanisch-spanischen Krieg, der Großvater in beiden Weltkriegen. Ihr Vater schließlich war Superintendent der Militärakademie West Point. Dort lernte David Petraeus, damals Kadett der Eliteanstalt, die College-Studentin 1973 kennen.

Eigentlich hatte Holly auf Vorschlag ihrer Mutter einen anderen Kadetten, einen Freund der Familie, zu einem Football-Spiel begleiten sollen. Weil dieser Soldat aber kurzfristig absagte, bat die Mutter um einen anderen Begleiter für ihre Tochter. Dazu wurde Petraeus benannt. Aus dem überraschenden Blinddate entwickelte sich rasch eine Beziehung. Der ambitionierte Kadett heiratete schließlich die Tochter seines damaligen Chefs. Das Ehepaar hat zwei erwachsene Kinder, eine Tochter, Anne, und einen Sohn, Stephan. Auch Stephan begann eine Karriere beim Militär und diente in Afghanistan.

Typisches Leben einer Soldatenfrau

Holly Petraeus führte das typische Leben einer Soldatenfrau. Der General war seit 2001 über fünfeinhalb Jahre im Ausland stationiert, vor allem im Irak und in Afghanistan. Die Eheleute waren oft über viele Monate am Stück getrennt. Sie habe ihn öfter im Fernsehen gesehen als leibhaftig, ließ Holly Petraeus einmal wissen. 24-mal zog die Familie binnen 37 Jahren um, rechnete "USA Today" nach.

Dem Militärwesen blieb Holly Petraeus eng verbunden, als ihr Mann im August 2011 dort ausschied und die CIA übernahm. Sie kümmerte sich um die Familien von Soldaten und half Heimkehrern aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak, neue Arbeit zu finden und finanzielle Engpässe zu überwinden. Die damalige Verbraucherschützerin der Obama-Administration, Elizabeth Warren, die am Dienstag in den Senat gewählt wurde, ernannte Holly Petraeus 2011 zur Beauftragten für zivile und vor allem finanzielle Belange von Armeeangehörigen.

David Petraeus war vor Jahren als möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner für die diesjährige Wahl gehandelt worden. Manche unkten, Obama habe den General in seine Regierung eingebunden, um einen Herausforderer zu verhindern, der weit über die USA hinaus vor allem wegen seiner erfolgreichen Strategie gegen die Aufständischen im Irak als begnadeter Soldat gerühmt wird.

Als wenn sie "mit dem Briefträger schlafe"

In dem Brief an den Ethik-Kolumnisten Klosterman fragte der gehörnte Ehemann übrigens, ob er das Verhältnis aufdecken und dessen Beendigung erzwingen solle. Oder ob er die Situation zumindest für die nächsten ein oder zwei Jahre ertragen müsse, bis das wichtige "Projekt" des Regierungsoffiziellen erfolgreich abgeschlossen sei.

Chuck Klosterman riet, der Betrogene solle mit der Situation umgehen, als wenn seine Frau "mit dem Briefträger schlafe". Und er wundere sich zudem, dass der gehörnte Gatte dieses Thema in einer Kolumne in der "New York Times" anspreche.

"Ich habe ein wenig den Eindruck, Sie schreiben diesen Brief, weil Sie wollen, dass bestimmte Personen diese Kolumne lesen und daraus schlussfolgern, um wen es geht und was sich hinter verschlossenen Türen abspielt ". Und das, so Klosterman, "ist auch nicht ethisch".

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