08.11.12

Merkels Wutanfall

"Da ist ihr der Gaul durchgegangen"

Was die Kanzlerin den Griechen schon immer mal sagen wollte: Merkels wütender Rundumschlag gegen Kritik an ihrer "blinden Austeritätspolitik" verblüfft selbst ihren Biografen.

Foto: dapd
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Bundeskanzlerin Angela Merkel neben dem Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, in Brüssel

Für Angela Merkels Verhältnisse war es eine regelrechte Explosion. Sachlich zwar, aber mit einer feurigen Leidenschaft vorgetragen, dass sich ihre Zuhörer ungläubige Blicke zuwarfen. "Da ist ihr einfach der Gaul durchgegangen", staunt Gerd Langguth, Politologe in Bonn und Verfasser einer Biografie der Bundeskanzlerin. Er sagt allerdings auch: "Es war richtig, dass Merkel aus ihrer Haut gefahren ist." Schließlich sei sie in Griechenland mit Nazi-Parolen und Hakenkreuzen konfrontiert worden. "Dass sie da auch mal aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht, das finde ich eher positiv."

Was war passiert? Am Mittwochabend sprach die Kanzlerin vor dem Europäischen Parlament, erstmals seit dem 27. Juni 2007. Damals gratulierten ihr die Abgeordneten zur erfolgreichen deutschen Ratspräsidentschaft. Das war vor Lehman. Vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Vor Griechenlands Sturz in den Schuldenstrudel. Seitdem sind 1.965 Tage vergangen. Damals tauchte das Wort "Krise" in Angela Merkels Redemanuskript kein einziges Mal auf. Am Mittwoch erwähnt es die Kanzlerin in einer halben Stunde 23 Mal. Ergänzt um "Regelverstöße", "Schuldenstände", "Strukturanpassungen" und "Konsolidierungsmaßnahmen".

Merkel platzt der Kragen

Seit dem 27. Juni 2007 ist verdammt viel Zeit vergangen, in der sich verdammt viel Wut in dieser sonst so beherrschten Frau mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aufgestaut hat. Wut über den Vorwurf, sie habe die Finanzmärkte leichtfertig gewähren lassen, Europa sehenden Auges in die Krise und jetzt auch noch die Griechen ins Elend geführt. Es nagt an ihr, etwas braut sich zusammen, und als der x-te Abgeordnete an diesem stürmischen Herbstabend im Saal 2Q2 des Brüsseler Parlamentsgebäudes der Kanzlerin "blinde Austeritätspolitik" vorwirft, platzt ihr der Kragen.

Es trifft: die Griechen. Merkel holt tief Luft und ledert los gegen die Verantwortlichen, nein, die Verantwortungslosen in Athen: "Griechenland ist in Schwierigkeiten geraten, als das Defizit 15 Prozent betragen hat. Da ist keine Troika da gewesen, da hat niemand Auflagen gemacht, und die internationalen Investoren haben sich entschieden, Griechenland zu erträglichen Preisen kein Geld mehr zu leihen. Das war die Ausgangsbasis."

"Ich werde da sehr leidenschaftlich!"

Einmal in Rage, lässt die Kanzlerin zur Verblüffung der rund 200 Parlamentarier und Journalisten im Saal alle Zurückhaltung fahren. Es trifft: wieder die Griechen. "Man muss ihnen sagen: Es ist nicht in Ordnung, dass ich jedes Mal einen Streik mache, wenn eine Privatisierung erfolgen soll; es ist nicht in Ordnung, dass ein Eisenbahnsystem durch die Fahrkartenpreise nicht mal so viel einbringt, dass man davon die Beschäftigten bezahlen kann; es ist nicht in Ordnung, wenn die Regierungsministerien nicht miteinander zusammenarbeiten; es ist nicht in Ordnung, wenn man ein Steuersystem hat, aber keine Steuern zahlt."

1.965 Tage Wut brechen sich Bahn durch die stickige Luft des Sitzungssaals, für Merkel muss sich das in diesen Tagen anfühlen wie eine frische Brise. Wie eine Angeklagte im Gerichtssaal saß die CDU-Chefin zuvor brav nickend und langmütig auf dem schmucklosen Podium, umringt von vielen kritisch bohrenden Parlamentariern und wenigen wohlwollend gesinnten Parteifreunden.

Viele Vorwürfe der EU-Parlamentarier

Auftritt der Anklage, vertreten vom Fraktionschef der europäischen Sozialdemokraten, Hannes Swoboda: "Sie verlangen mit Unterstützung der Troika etwas, was sie in Deutschland nie verlangen würden: nämlich die Zerstörung von sozialen Netzen!" Dann der Vorwurf der Linke-Abgeordneten Gabi Zimmer: "Austerität tötet! Was nützt uns Wettbewerbsfähigkeit, wenn dabei Menschen zugrunde gehen?" Und die Grünen-Vorsitzende Rebecca Harms legt noch einen drauf, spricht von der Knechtung Unschuldiger und Merkels griechischer "Schande".

Dann ist die Angeklagte dran. Merkel schnappt sich das Mikro und beginnt ihre Verteidigungsrede. Wer bestreite, dass die Schuldigen für das griechische Drama in Griechenland selbst zu suchen seien, der "versündigt sich an den Gewerkschaftern und Arbeitnehmern in Europa. Ich werde da sehr leidenschaftlich!" Ja, es sei schmerzhaft, was den Griechen abverlangt werde. Ja, es sei hart. Und ja, es sei nicht immer fair, weil die Vermögenden mit ihrem Geld "längst über alle Berge" getürmt seien. Aber Deutschland habe auch durch dieses Tal der Tränen gemusst.

"Mir ist kein Fall bekannt, wo sie so heftig zugelangt hat"

Merkel erzählt nun von Hartz IV, von Sozialprotesten, Wutbürgern, der Abwahl-Quittung für Rot-Grün nach dem Schock der Agenda 2010. Der Vergleich hinkt ein wenig, weil die Deutschen von weiter oben und nicht ganz so tief fielen, obgleich tief genug. Aber die Bundesrepublik, führt Merkel mit abwechselnd erhobenem Zeigefinger und beschwörend auf die Brust gepresster Hand fort, ernte dafür heute die Erfolge. "Wir haben fünf Jahre abwarten müssen, dann haben sich die Wirkungen eingestellt."

Am Ende bekommt die Kanzlerin für ihren couragierten Auftritt auch Applaus aus den nicht-konservativen Fraktionsreihen. Merkel bedankt sich herzlich "für den lebendigen Nachmittag" und fügt hinzu: "Hier zu streiten ist fast so schön wie zuhause im deutschen Parlament."

Selbst ihren Biografen Gerd Langguth hat sie am Mittwoch überrascht. "Mir ist kein anderer Fall bekannt, wo sie so heftig zugelangt hat, was einen Mitgliedsstaat angeht", sagt der Mann, der sich seit Jahren mit der Privatperson und Kanzlerin Angela Merkel beschäftigt. Aber inhaltlich seien ihre Vorwürfe ja auch nicht ganz unberechtigt. "Und wenn man nur alles mit diplomatischen Formulierungen übertüncht, dann wirkt das auch nicht gerade glaubwürdig."

Quelle: dpa/ank
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