01.11.12

Breezy Point

Keine einzige Gebäudestruktur mehr, nur schwarze Asche

New York am Tag nach "Sandy": Keine Zeitung vor der Haustür, mit Wasser vollgelaufene Tunnel, die Taxis leer und die Busse kostenfrei. Im Stadtteil Queens gibt es geradezu apokalyptische Brandschäden.

Foto: DPA

Die US-Air-Force dokumentiert mit Luftbildern die Schäden vor der Küste New Yorks. Hier ein Vergnügungspark, der keiner mehr ist.

9 Bilder

Die "New York Post" brachte eine lustige Fotomontage: Die Freiheitsstatue hielt statt ihrer Fackel einen Regenschirm in der Hand. Darunter stand, New York habe heute wegen schlechten Wetters geschlossen. Dieser Witz war aber schon am Dienstag höchstens zu einem Viertel wahr.

Erstens brauchte die Freiheitsstatue keinen Regenschirm; es hat kaum Niederschläge gegeben, während "Sandy" über New York hinwegbrauste und eine Schneise der Zerstörung schlug. Die Überschwemmungen (etwa der New Yorker U-Bahn) rührten von Meerwasser her, das der Wind bei Flut vor sich hertrieb – nicht von schweren Regenfällen.

Zweitens und viel wichtiger: New York hatte am Tag nach dem Sturm keineswegs geschlossen. Jedenfalls nicht im Ganzen und überall. Bei Food Emporium in der Upper East Side, einem Lebensmittelgeschäft, konnte man wie an jedem Tag Milch, Eier, Brot und Käse bekommen, und die Kunden zeigten keine Anzeichen von Panik, sie tätigten keine Hamsterkäufe. Nur Kartoffelchips waren vorübergehend nicht zu haben.

Ein Zeichen der Krise: Die "New York Times" lag am Dienstagmorgen nicht bei uns vor der Haustür. Von all den Wegen, die Manhattan mit New Jersey verbinden, hatte nur der Lincoln-Tunnel geöffnet – dort drüben in New Jersey stehen aber die Druckereien.

U-Bahnen liegen im gesamten Stadtgebiet lahm

Am Mittwoch kämpfte sich die Sonne durch die Wolken, ein schöner klarer Herbsttag brach an. Der Autoverkehr klang in der Upper East Side wieder ganz normal. Schon am Vorabend wurden – das muss eigentlich als Wunder verbucht werden! – leere Taxis gesichtet.

Die Busse nehmen Fahrgäste vorübergehend unentgeltlich mit. Man muss also nicht beim Einsteigen sein gelbgoldenes Kärtchen in den Entwertungsschlitz stecken, sondern wird freundlich durchgewinkt. Die U-Bahnen allerdings liegen im gesamten Stadtgebiet lahm – Gott allein weiß, wie lange noch.

Das ist übrigens die einzige Nachwirkung des Hurrikans "Sandy", unter der alle New Yorker gleichermaßen leiden; ganz gleichgültig, wo sie wohnen, und unabhängig davon, wie gut sie versichert sind.

Natürlich hat dieser Ausfall des U-Bahn-Systems gravierende Folgen: Wie soll jemand, der weit draußen in Brooklyn oder Queens wohnt, jetzt zu seinem Arbeitsplatz in Midtown Manhattan gelangen? Es gäbe in der ganzen Stadt nicht genug Parkplätze, wenn die Angestellten in den Außenbezirken alle in ihre Autos steigen würden.

Wirtschaft wird schleppend wieder in Gang kommen

Das Wirtschaftsleben dieser Stadt wird also über die nächsten Tage und Wochen nur schleppend wieder in Gang kommen. Die Börse war am Mittwoch schon wieder für den Handel geöffnet. Ansonsten gab es am Tag danach beachtliche Schäden zu besichtigen. Am schlimmsten hat es ein Viertel mit dem romantischen Namen Breezy Point (Windige Spitze) getroffen.

Technisch gesehen gehört Breezy Point zu Queens; wenn man auf der Landkarte nachschaut, gehört es zu Far Rockaway – das ist die breite Sandbank, die dem Flughafen John F. Kennedy vorgelagert ist. Im Sommer ein schöner Ort zum Baden; die meisten Leute, die dort das ganze Jahr über wohnen, gehören der Mittelklasse an – viele Feuerwehrleute, viele Polizisten. Sie genießen, dass sie am Strand leben und doch per Subway gut mit der Großstadt verbunden sind, die nördlich von ihnen liegt.

In Breezy Point sind infolge des Hurrikans 111 Häuser niedergebrannt. Auf Fotos sieht es aus wie in Hiroshima nach der Explosion der Atombombe: Keine einzige Gebäudestruktur ist mehr zu erkennen, nur schwarze Asche. Hier und da ragt noch ein angekohltes Brett in die Höhe. Wahrscheinlich wurde das Feuer durch einen Kurzschluss ausgelöst, dann sprang es von Haus zu Haus – und die Feuerwehr konnte nichts tun.

Die Straßen hatten sich in Flüsse verwandelt, sie standen unter zwei Meter Wasser, die roten Feuerwehrautos kamen nicht durch. Selbstverständlich verfügt die Feuerwehr auch über Motorboote, aber für die war das Wasser wiederum zu flach. Zwölf Stunden lang dauerte das Drama, 200 Feuerwehrleute waren beteiligt. Als sie endlich durchkamen, waren sie mit dem nächsten Problem konfrontiert: Der Wasserdruck in den Feuerhydranten war viel zu niedrig.

Wie mit einem Gartenschlauch gegen einen Großbrand

Kurz und schlecht, es war so, als würde jemand mit einem Gartenschlauch gegen einen Großbrand vorgehen. Immerhin scheint niemand bei dem Unglück ernsthaft verletzt worden zu sein. In Breezy Point sind keine Todesopfer zu beklagen. Insgesamt hat der Hurrikan "Sandy" nach jüngsten Angaben des TV-Senders 50 Menschenleben in acht amerikanischen Bundesstaaten gefordert. Allein die Hälfte der US-Toten sei im Staat New York zu beklagen. In der Stadt New York selbst sollen es 18 sein, hatte Bürgermeister Bloomberg zuvor gesagt.

Es waren Leute, die nur mal schnell mit dem Hund nach draußen gehen wollten – so wie die 24-jährige Jessie Streich-Kest und ihr Freund Jacob Vogelman, 23 Jahre alt. Die beiden waren mit Max unterwegs, einem weißen Pitbullterrier. Sie gingen in Brooklyn die Ditmas Avenue entlang, eine Allee voll schöner, alter viktorianischer Häuser, an der Eichen, Ahorn- und Lindenbäume stehen.

Der Sturm entwurzelte drei von ihnen innerhalb einer halben Stunde; ein Baum begrub das junge Paar unter sich. Ihre Leichen wurden am Dienstagmorgen gefunden.

Die meisten der Opfer des Sturms wurden von Ästen oder Bäumen erschlagen, es gibt aber auch noch entsetzlichere Geschichten. Eine 23-Jährige namens Lauren Abraham ging montags in der Sturmnacht nach draußen, um eine herabgefallene Stromleitung zu fotografieren, die noch Funken sprühte.

Sie kam mit dem Strom in Kontakt. Sie fing Feuer. Ein halbes Dutzend Zeugen sagte später aus, die junge Frau habe eine halbe Stunde lang gebrannt, ehe Polizei und Feuerwehr anrückten.

Heldentaten in der Schreckensnacht

Zum Glück gibt es nicht nur entsetzliche Geschichten von diesem Hurrikan zu erzählen. Es gab auch Helden, während draußen "Sandy" tobte. An erster Stelle sind hier die Krankenschwestern des Langone Medical Centers zu nennen, eines Krankenhauses, das zur New York University gehört. Diese Klinik musste evakuiert werden, als der Strom ausfiel – auch die zu früh geborenen Babys, die in Brutkästen lagen.

Die Krankenschwestern wickelten die Babys in Decken und trugen sie die Treppen hinunter; mindestens vier von ihnen mussten die ganze Zeit über beatmet werden. Die Krankenschwestern bewältigten dies, indem sie Plastiktüten zusammendrückten, die Sauerstoff in die kleinen Lungen pressten.

Ein weiterer Held ist Cory Brooker, der Bürgermeister der Stadt Newark in New Jersey, der persönlich unterwegs war, um Obdachlose auf den Straßen aufzulesen und sie in sichere Unterkünfte zu geleiten.

Unterdessen wird gemeldet, dass sämtliche New Yorker Flughäfen – John F. Kennedy, La Guardia und Newark – wieder geöffnet haben. Oberhalb der Südspitze von Manhattan, aber auch in weiten Teilen von Brooklyn und Queens herrscht längst wieder Alltag.

Und jene, die behaupten, "Sandy" sei der schlimmste Hurrikan, der je New York verwüstet habe, verfügen offenbar über ein schwaches Gedächtnis: Der große Hurrikan des Jahres 1938 kostete nicht etwa 40, sondern 700 Menschenleben.

Er zerstörte 4500 Häuser und Farmen, beschädigte 15.000 weitere Gebäude und riss rund zwei Milliarden Bäume aus. Der East River trat damals über seine Ufer, nördlich der 59.Straße und in der gesamten Bronx gab es keinen Strom mehr.

Verglichen mit damals ist New York heute – auch wenn das angesichts der Bilder der Zerstörung seltsam klingen mag – beinahe glimpflich davongekommen.

Lesen Sie in den Minutenprotokollen nach, was an Tag 1, Tag 2 und Tag 3 von "Sandy" geschah.

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