27.10.12

Ethnische Unruhen

Tausende in Birma flüchten zu überfüllten Lagern

Nachdem in den vergangenen Tagen Dutzende Menschen bei Zusammenstößen zwischen Buddhisten und der muslimischen Minderheit der Rohingya ums Leben kamen, sind jetzt Massen auf der Flucht.

Quelle: Reuters
30.10.12 1:22 min.
Nach den Unruhen zwischen buddhistischen Rakhines und muslimischen Rohingyas herrschen weiter Spannungen zwischen den Volksgruppen. Viele der muslimischen Einwohner mussten vor den Angriffen fliehen.

Neue ethnische Unruhen im Westen von Birma haben die Flüchtlingskatastrophe in der Region verschärft. Die jüngsten Gefechte zwischen Buddhisten und der muslimischen Minderheit hätten in den vergangenen Tagen fast 6000 weitere Menschen vertrieben, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Samstag mit. Die Flüchtlinge, überwiegend muslimische Rohingya, strömten zu ohnehin völlig überfüllten Lagern im Bundesstaat Rakhine.

In den vergangenen Tagen wurden in Rakhine bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Buddhisten und Muslimen nach jüngsten Behördenangaben mindestens 67 Menschen getötet. Fast 3000 Häuser wurden angezündet. UNHCR-Sprecherin Vivian Tan sagte, in und um die Flüchtlingslager der Hauptstadt des Bundesstaates, Sittwe, gebe es 3200 Neuankömmlinge. "2500 weitere sind unterwegs."

Ein Sprecher der Regierung von Rakhine, Hla Thein, sagte, rund 6000 Flüchtlinge seien in Sittwe mit dem Schiff angekommen. Die Regierung wolle sie anderswo unterbringen. Dies sei aber schwierig, weil immer mehr Menschen ankämen. Bewohner eines Camps am Rande von Sittwe berichteten, Sicherheitskräfte hinderten die Flüchtlinge am Zugang zum Lager.

Seit Juni mindestens 150 Menschen getötet

Win Myaing, ein anderer Regierungssprecher in Rakhine, sagte, die Behörden hätten die Lage in der Region unter Kontrolle. Nachdem Sicherheitskräfte aufgestellt worden seien, sei es "ruhig". Zuvor hatte der Sprecher gesagt, die meisten der Todesopfer hätten bei den Kämpfen Stichwunden erlitten. Die Armee habe in die Menge schießen müssen, nachdem Warnschüsse nichts genützt hätten, fügte er hinzu.

In einem Krankenhaus von Sittwe wurden zudem 27 Buddhisten behandelt, die meisten von ihnen wegen Schussverletzungen. Einige Männer berichteten, die Armee habe auf sie gefeuert, um sie am Zugang zu Dörfern der Rohingya zu hindern.

Die Lage in dem westlichen Küstenstaat hatte sich nach Zusammenstößen im Juni, die bereits 75.000 Menschen in die Flucht trieben, zunächst wieder beruhigt. Doch vor einer Woche flammte die Gewalt erneut auf. Seit Juni wurden amtlichen Angaben zufolge mindestens 150 Menschen beider Religionsgruppen getötet, die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. Auslöser der Unruhen im Juni waren Berichte über die Vergewaltigung und Tötung einer Buddhistin durch Muslime. Wütende Buddhisten griffen daraufhin einen Bus voller Muslime an und schlugen zehn der Insassen tot.

Eine der am stärksten verfolgten Minderheiten

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) forderte die birmanische Regierung auf, die Rohingya vor "bösartigen Angriffen" zu schützen und allen Menschen in der Region zu helfen. Die Regierung müsse zudem die Probleme bei den Wurzeln packen. "Wenn die Behörden nicht auch die Ursachen der Gewalt angehen, wird es wahrscheinlich noch schlimmer werden", sagte Phil Robertson, der stellvertretende Asien-Direktor von HRW. Amnesty International forderte die Regierung auf, dem "Kreislauf von Gewalt und Diskriminierung" ein Ende zu setzen.

Die Bevölkerung in Birma ist zu 89 Prozent buddhistisch. Nur rund vier Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens. Die 800.000 Muslime in Rakhine gehören zur Volksgruppe der Rohingya. 1982 wurde der muslimischen Minderheit durch eine Gesetzesänderung die birmanische Staatsbürgerschaft aberkannt; seitdem gelten sie als "Bengalis" und als illegale Einwanderer aus Bangladesch. Sie sind staatenlos und in ihren Rechten erheblich eingeschränkt.

Die UN sieht die Rohingya als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt an. Am Freitag warnten die Vereinten Nationen, dass der ethnische Konflikt einen Rückschlag für die weltweit gelobten Reformbemühungen Birmas bedeuten könnte.

Quelle: AFP/KNA/dpa/smb
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