Libanon
Stellvertreterkrieg entlang der Glaubenslinien
Nach der Trauerfeier für den Geheimdienstchef gab es in Beirut Feuergefechte. Die Ausschreitungen zeigen, dass der Konflikt im Nachbarland Syrien auch den Libanon in einen Strudel der Gewalt treibt.
Um zehn Uhr morgens begannen die Razzien. Die libanesische Armee suchte in verschiedenen Vororten von Beirut nach den Urhebern der Feuergefechte, die bis spät in die Nacht in der libanesischen Hauptstadt zu hören waren. Sechs Menschen waren verletzt worden, als Bewohner von sunnitischen und schiitischen Stadtteilen mit Maschinengewehren und Panzerabwehrraketen aufeinander schossen.
Die Scharmützel brachen wenige Stunden nach den Trauerfeierlichkeiten für Brigadegeneral Wissam al-Hassan aus. Der Leiter der Internen Sicherheitskräfte (ISF) war am vergangenen Freitag durch eine gewaltige Autobombe getötet worden. Im Laufe seiner Beerdigung am Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts hatte es bereits gewaltsame Konfrontationen zwischen Polizei und Demonstranten gegeben.
"Das Ausmaß hat beispiellose Höhen erreicht"
Die Protestierer machten Syrien für die Ermordung von al-Hassan verantwortlich. Einige Hunderte von ihnen versuchten, das Büro des Premierministers Naschib Mikati zu stürmen.
"Unser Land geht durch eine entscheidende und kritische Phase", ließ die Armeeführung am Montag verlautbaren. "Das Ausmaß der Spannungen in einigen Regionen hat beispiellose Höhen erreicht." Für viele sind diese "Spannungen" ein Indiz dafür, dass der bewaffnete Konflikt im Nachbarland Syrien auf den Libanon übergreift und ihn in einen Strudel der Gewalt treibt.
"Natürlich denkt man unwillkürlich an den Bürgerkrieg, der 15 Jahre dauerte und unser Land völlig zerstörte", sagt Raffy, ein Informatikstudent aus Beirut. "Das ist nicht mehr aus dem Kopf der Libanesen herauszubekommen, dass die Religionsgruppen wieder aufeinander losgehen könnten."
In zwei politische Lager gespalten
Mit Religion haben die nächtlichen Scharmützel von Beirut nichts zu tun. Der Libanon ist in zwei politische Lager gespalten, die sich seit Jahren nicht ausstehen können, aber in denen alle Konfessionen vertreten sind. Die Ermordung des ISF-Chefs al-Hassan ist ein Anlass ihren Disput wieder einmal mit Waffengewalt auszutragen.
Al-Hassan war ein enger Vertrauter von Saad Hariri, dem vormaligen Premierminister und Galionsfigur des Oppositionsbündnisses 14. März. Eine pro-westliche Fraktion, vorwiegend an Frankreich und die USA ausgerichtet, die die syrischen Rebellen im Kampf gegen Präsident Bashar Assad unterstützt. "Die Regierung soll resignieren", forderte Nohad al-Mashnouq.
"Sie repräsentiert das syrische Regime und schützt die Politik des Irans im Libanon." Das führende Mitglied des 14. März meinte damit in erster Linie die radikal-schiitische Hisbollah, die innerhalb des Kabinetts von Premierminister Naschib Mikati eine prägende Rolle spielt und auf Seiten der syrischen Armee kämpfen soll.
Über Tripoli läuft der Waffenschmuggel
In Tripoli, das im Norden des Landes, unweit der syrischen Grenze liegt, ist die Situation anders als in Beirut. Hier wird ein Stellvertreterkrieg entlang von Glaubenslinien ausgetragen. Hier gab es bei Kämpfen mindestens drei Tote. Seit Monaten liefern sich zwei rivalisierende Stadtteile, das alawitische Schabal Mochsen und das sunnitische Viertel Bab al-Tabbaneh, immer wieder schwere Gefechte.
Tripoli ist ein Zentrum des konservativen sunnitischen Islams, in dem es 3500 extreme Salafisten geben soll. Über Tripoli läuft der Waffenschmuggel zu den "sunnitischen Brüdern", den Rebellen, die Assad und sein Regime stürzen wollen.
Die 50.000 Alawiten, die zu einer schiitische Glaubensrichtung innerhalb des Islams gehören, gelten als Ungläubige. Ihre erklärte Allianz zum syrischen Regime tut ein Übriges. "Diese Leute sind alles Terroristen, die ihre Waffen direkt aus Damaskus bekommen", sagt Abu Mounir, ein sunnitischer Milizenführer aus Bab el-Tabbaneh.
"Was passiert, wenn es eine Welle von Attentaten gibt?"
In seinem Haus im obersten Stock steht eine Sandsackbarrikade mit dem Blick auf das Viertel der Alawiten. "Wir schießen von hier aus auch mit Panzerabwehrraketen", gibt Abu Mounir unumwunden zu. Er und seine Leute werden vom Oppositionsbündnis 14. März finanziell unterstützt.
Bisher ist der Stellvertreterkrieg auf die beiden Stadtteile in Tripoli beschränkt geblieben. "Ich frage mich nur", sagt der Informatikstudent Raffy, "was wird passieren, wenn es jetzt eine neue Welle von weiteren Attentaten gibt?"
















