13.10.12

Kuba-Krise

Castro warb im Machtkampf mit den USA sogar SS-Leute an

Archivfunde beim BND und in Moskau zeigen: Die Kuba-Krise war weitaus gefährlicher als bisher bekannt.

Foto: picture alliance / dpa

Kubas Staatschef Fidel Castro (l.) mit dem russischen Premier Nikita Chruschtschow (r.) 1963 in Moskau. Das Leben Castros ist geprägt vom Kampf gegen die Großmacht USA
Kubas Staatschef Fidel Castro (l.) mit dem russischen Premier Nikita Chruschtschow (r.) 1963 in Moskau. Das Leben Castros ist geprägt vom Kampf gegen die Großmacht USA

Nie stand die Welt so nahe vor einem Atomkrieg wie Ende Oktober 1962. Die Sowjetunion hatte Mittelstreckenraketen auf Kuba stationiert und bereitete sie zum Abschuss vor, in Washington planten US-Generäle Luftschläge gegen diese Stellungen und eine anschließende Invasion der Insel.

Kurz vor dem 50. Jahrestag der Kuba-Krise erstmals veröffentlichte Dokumente zeigen, dass die Lage noch viel brisanter war als bisher vermutet. Denn Fidel Castro spielte sein eigenes Spiel, das die ohnehin schon höchst gefährlichen Spannungen zwischen den USA und der UdSSR zusätzlich hätte eskalieren lassen können. Auf dem Höhepunkt der Krise, am 26. Oktober 1962, erfuhr der Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach, dass Castro ehemalige Angehörige der Waffen-SS anwerben lasse.

Sie würden beauftragt, als Instrukteure für das kubanische Militär in die Karibik zu kommen. Ebenfalls gesucht würden frühere Offiziere der deutschen Fallschirmjäger und technischer Truppen, also Pioniere. Der angebotene Sold sei rund viermal so hoch wie das Durchschnittskommen in Deutschland: Umgerechnet 1000 DM in kubanischer Währung, vor allem aber weitere 1000 DM in jeder beliebigen westlichen Währung und einzuzahlen auf ein beliebiges europäisches Bankkonto sollten die deutschen Söldner bekommen.

Bis zum Zeitpunkt des Berichtes seien vier ehemalige SS-Leute auf das Angebot eingegangen, wenngleich nur zwei nachweislich Kuba erreichten. Bodo Hechelhammer, der Leiter der Arbeitsgruppe Geschichte im BND, bilanziert in dem Bericht: "Offenkundig zeigte die kubanische Revolutionsarmee wenig Berührungsängste vor Personal mit NS-Vergangenheit, wenn es der eigenen Sache diente."

4000 belgische MPs

Doch Castro wollte offenbar nicht nur Erfahrungen deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg nutzbar machen, sondern versuchte zusätzlich, sich in Europa Waffen zu beschaffen. Über den Waffenhändlerring der beiden Rechtsextremisten Otto Ernst Remer und Ernst-Wilhelm Springer versuchte die kubanische Regierung, 4000 belgische Maschinenpistolen zu kaufen, und zwar via Westdeutschland.

Der BND meldete das der Bundesregierung und teilte mit: "Seit 25. Oktober 1962 sind Maßnahmen eingeleitet, die einen exekutiven Zugriff dieser Waffensendung zur Folge haben." Der naheliegende und wahrscheinliche Schluss ist, dass Castro sich aus der völligen Abhängigkeit von sowjetischen Waffen und Ausbildern befreien wollte. Das aber hatte nur Sinn, wenn er eine eigene Politik verfolgen wollte.

Nicht nur über die Kontakte des kommunistischen Regimes nach Europa war der BND den jetzt veröffentlichten Dokumenten zufolge bestens informiert. Offenbar hatte der Nachrichtendienst dank verschiedener leistungsfähiger Quellen in der Karibik auch sonst erstaunlich oft zutreffende Meldungen über die insgeheim vollzogene Aufrüstung. Schon seit einiger Zeit ist im Bundesarchiv in Koblenz eine Ausarbeitung aus dem Jahr 1962 bekannt; jetzt kommen viele der ursprünglichen Meldungen hinzu. Sie können auf der Website des BND heruntergeladen werden.

Spätestens im Juni 1962 erkannten die Auswerter des BND, dass die laufende Aufrüstung Kubas von einem rein defensiven Charakter umgestellt wurde auf Angriffsfähigkeit. Nun wurden erstmals Baustellen als mögliche Stellungen für Offensivraketen erkannt.

Zur gleichen Zeit ging die CIA nach Aktenlage davon aus, nach Kuba würden nur konventionelle Waffen gebracht, keine Atomwaffen. Am 12. September 1962 unterrichtete der deutsche Nachrichtendienst das Bundeskanzleramt, dass seit Ende Juli etwa 15 sowjetische Schiffe mehr als 5000 Soldaten, vor allem Techniker und Ausbilder, nach Kuba gebracht hätten.

Neun Tage später hieß es dann: "Bis Ende November werden auf Kuba Raketen-Abschussbasen einsatzbereit sein."

Zu dieser Zeit waren die Überwachungsflüge der CIA ausgesetzt; zwischen Ende August und Mitte Oktober flog aus technischen Gründen sowie wegen schlechten Wetters keine einzige U-2 über die Karibikinsel. Angesichts dessen gewinnt eine indirekt überlieferte Aussage des sowjetischen Spitzenpolitikers Anastas Mikojan zusätzliche Wahrscheinlichkeit. Danach stammte die erste Information der westlichen Regierungen über die Stationierung atomarer Waffen auf Kuba vom Bundesnachrichtendienst.

Die Informationen, die der BND dann während der eigentlichen Krise, also zwischen der Entdeckung der Raketenstellungen auf Luftaufnahmen am 15. Oktober sowie der Information Kennedys am folgenden Morgen und dem Einknicken Nikita Chruschtschows 13 Tage später, lieferte, gehen nicht wesentlich über die bereits aus US-Akten bekannten Details hinaus.

Castro schreibt scharfen Protestbrief

Bemerkenswert ist dennoch, wie umfassend offenbar eigene Quellen den Dienst des einstigen Wehrmachtsgenerals Reinhard Gehlen informierten. Aus Ost-Berlin zum Beispiel erreichte den BND am 31. Oktober 1962 die Meldung, dass Castro einen scharfen Protestbrief gegen das Einknicken nach Moskau geschrieben habe. Der kubanische Revolutionsführer habe sich auch geweigert, die schweren sowjetischen Waffen zurückzugeben. Diese Information wird jetzt durch Dokumente aus einer anderen Quelle bestätigt. Sie zeigt auch, dass die Kuba-Krise mit Chruschtschows Ankündigung am Morgen des 28. Oktober 1962, die offensiven Atomraketen abzuziehen, keineswegs beendet war.

Das belegen Dokumente aus dem Privatbesitz Mikojans. Sie wurden jetzt von dem unabhängigen Forschungsinstitut National Security Archive an der George Washington University in Washington D.C. veröffentlicht, dem der verstorbene Sohn Mikojans das Material vermacht hatte. Auf Anordnung von Chruschtschow war Mikojan nach Castros Brandbrief Richtung Kuba gereist und blieb fast drei Wochen.

Die bislang völlig unbekannten Unterlagen, darunter mehrere Telegramme und das Protokoll eines vierstündigen Gesprächs zwischen Mikojan, Castro und "Che" Guevara am 22. November 1962, zeigen, dass Castro selbst extrem wütend war. Er warf seinem Gast direkt vor, Kuba verraten zu haben: "Wir übernahmen das Risiko und glaubten, das sozialistische Lager würde für uns ebenfalls das Risiko übernehmen. Wir haben uns auf einen Nuklearkrieg vorbereitet, falls die Sowjetunion angegriffen wird. Jetzt sehe ich, dass die Sowjetunion das nicht für uns getan hat."

Der Revolutionsführer gab den sowjetischen Mannschaften der Raketenregimenter die Schuld an der Entdeckung durch die USA. Sie hätten nicht genug getan, um die Raketen zu tarnen. Außerdem hätten sie frühzeitig die US-Aufklärer abschießen sollen. Mikojan, der Castros Zorn zu dämpfen versuchte, räumte das ein und schob die Verantwortung auf die Offiziere vor Ort: Anders als vom "Genossen Chruschtschow angeordnet", hätten die Bauarbeiten nicht nur nachts stattgefunden.

Der Kubaner ließ auch durchblicken, dass er mit den einsatzbereiten Raketen anderes im Sinne gehabt hätte als Chruschtschow. Mit der Bekanntgabe wären die Raketen zum klassischen Mittel der atomaren Abschreckung geworden. Castro hingegen hielt Mikojan vor, die Kubaner hätte dauerhafte Verstecke bauen können, vermeintliche Fabriken zum Beispiel. Die Ställe von Geflügelfarmen hätten sich gut geeignet, die Raketen in liegender Position zu verbergen. Offenbar bevorzugte der Revolutionär versteckte Erstschlagswaffen.

Kuba als Atommacht?

Das Hauptinteresse Castros war aber, die taktischen sowjetischen Atomwaffen auf der Karibikinsel zu behalten. Präsident Kennedy hatte anlässlich der offiziellen Aufhebung der Seeblockade am 20. November 1962 gesagt, es gebe keine Nuklearsprengköpfe mehr auf Kuba. In Wirklichkeit lagen in der Verfügungsgewalt des sowjetischen Generals Issa Plijew jedoch fast 100 Atombomben für Kurzstreckenraketen, Kanonen und Flugzeuge. Plijew hatte die Anweisung, im Falle einer US-Invasion die sowjetischen Stellungen notfalls mit diesen Waffen zu verteidigen.

Castro verlangte jetzt, diese hochgefährlichen Bomben in kubanische Hände zu übergeben; sein Regime wäre damit die erste Atommacht in Lateinamerika geworden. Doch das wollten die Sowjets auf gar keinen Fall, denn sie hielten den Revolutionär für unberechenbar.

Mikojan erfand deshalb sogar ein gar nicht existentes Gesetz, dem zufolge sowjetische Atomwaffen nicht an andere Staaten weitergegeben werden dürften. Schließlich musste Castro einknicken, um nicht die Unterstützung Moskaus zu gefährden. So endete auch die zweite, die sowjetische Kuba-Krise glimpflich.

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