14.10.12

Pakistan

Der feige Taliban-Feldzug gegen ein Mädchen

Die junge Pakistanerin Malala Jusufzai wollte einfach nur ihre Schule abschließen. Fanatiker hatten etwas dagegen und schossen ihr in den Kopf. Ihr Schicksal hat in Pakistan etwas in Bewegung gesetzt.

Foto: dapd

Kurz nach dem Attentat: Die 15-jährige Pakistanerin Malala Jusufzai ist auf dem Nachhauseweg von aufständischen Taliban angeschossen worden.

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Um keinen unnötigen Verdacht zu erregen, geht Malala immer allein zur Schule, ohne ihre Eltern. Sie packt morgens ihren bunten Rucksack mit Schulbüchern und dem Heft, in das sie in feiner Handschrift ihre Hausaufgaben eingetragen hat. Wenn sie das Haus ihrer Eltern verlässt, tut sie das mit leichtem Schritt.

Malala ist eine gute, eine wissbegierige Schülerin. In ihrem Land erfordert es Mut, die Schule zu besuchen. Fast musste sie dafür sterben.

Dass der Schulweg zur tödlichen Gefahr werden kann, hat viel mit dem Ort zu tun, in dem Malala lebt. Sie ist im Swat-Tal geboren, einer pakistanischen Natur-Oase, die in jedem anderen Land der Welt die Touristen zu Tausenden anziehen würde. Rund vier Autostunden nördlich der Stadt Peschawar fließen blaue Bäche durch grüne Täler, umrahmt von Bergen, die sich hoch in den Himmel recken.

Mit einem Paradies aber hat das Gebiet hier wenig gemein. Die afghanische Grenze ist nicht weit, seit Jahren schwappt der Terror von dort herüber – und mit ihm die Taliban.

Am vergangenen Dienstag war Malala auf dem Heimweg in der Stadt Mingora, als sie eine Gruppe Männer nach ihrem Namen fragte. "Malala", habe sie gesagt, berichten ihre beiden Schulfreundinnen. Dann eröffneten die Männer das Feuer. Zwei Kugeln trafen die 14-Jährige, eine im Kopf, die andere am Rücken.

Angriff offenbar gezielt erfolgt

Offenbar war der Angriff gezielt erfolgt. Wenig später bekannte sich ein lokaler Arm der selbst ernannten Gotteskrieger zu der Tat, die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP). Was rückte ein 14-jähriges Mädchen ins Visier radikaler Islamisten?

Man habe sie für ihre Kritik an den Milizen töten wollen, erklärte ein Sprecher der Dachorganisation. Sie sei zu säkular, zu pro-westlich gewesen.

Malala hat sich seit ihrem elften Lebensjahr für das Recht von Mädchen auf Bildung eingesetzt. "Als ich sie kennenlernte, war sie ein scheues Kind von elf Jahren", erinnert sich Adam B. Ellick, ein US-amerikanischer Dokumentarfilmer. Er war 2009 im Swat-Tal mit seiner Kamera unterwegs, als die Taliban ein Schulverbot für Mädchen erließen. Sechs Monate lang begleitete er Malala und ihre Familie.

"Malala ist etwas Besonderes"

Für das Mädchen schien mit dem Schließen ihrer Schulpforten die Welt unterzugehen: Keine Bücher mehr, kein Stillen der Neugierde. "Die anderen Mädchen auf der Welt dürfen jeden Tag zur Schule gehen, uns hier in Swat bleibt nur die Angst davor, dass uns die Taliban mit Säure bespritzen", sagt sie traurig in Adams Kamera. Dabei wolle sie doch, wenn sie groß ist, Ärztin werden. Die letzten Worte gehen in ihren Tränen unter.

Auch für ihren Vater Ziwadin bedeutete das Verbot eine Katastrophe, er ist Leiter der letzten noch offenen Mädchenschule im gesamten Swat-Tal – und nach dem Erlass ohne Einkommen und ohne Zukunft. Jeden Abend verbreiten die Taliban nun Todesdrohungen über das Radio, tagsüber köpfen sie missliebige Bewohner auf öffentlichen Plätzen.

Aber Ziwadin Jusafzai ist keiner, der klein beigibt. Er will sich nicht einschüchtern lassen, glaubt daran, dass Mädchen ein Recht auf Bildung haben. In diesem Geist hat er auch seine kleine Tochter erzogen.

"Ich erinnere mich daran, dass Malala noch wach bleiben und mit den Erwachsenen über Politik sprechen durfte, als ihre beiden Brüder schon längst ins Bett geschickt worden waren", sagt Adam B. Ellick. "Malala ist etwas Besonderes", sagt ihr Vater im Film, "ich habe mich in sie verliebt, als ich sie das erste Mal sah."

"Die Taliban können mich nicht aufhalten"

Die Überzeugungen des Vaters sind dem kleinen Mädchen in Fleisch und Blut übergegangen. "Die Taliban können mich nicht aufhalten, nicht verhindern dass ich lerne", sagt sie am zweiten Tag ihres Schulverbots trotzig. Sie sitzt zu Hause auf ihrem Bett und schreibt über das unsägliche Verbot in einem Blog im Landesdialekt Urdu, den die BBC veröffentlicht.

Adam hatte ihr seinen alten Computer geschenkt, mit dem sie sich ins Internet einwählen kann. Für ihr Engagement erhält sie sogar einen Menschenrechtspreis. Gemeinsam mit ihrem Vater trifft Malala den damaligen US-Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke.

Von denen, die mehr Einfluss haben als sie, verlangt sie Einsatz. "Bitte sorgen Sie dafür, dass ich wieder lernen darf und die Taliban nicht alles zerstören", sagt sie mit fester Stimme zu Holbrooke, während Adams Kamera läuft.

Im Mai 2009 schließlich startet das pakistanische Militär eine Offensive, mit massiven Luft- und Bodenangriffen sollen die Taliban aus dem Swat-Tal vertrieben werden. Die Bewohner, auch Malala und ihre Familie, fliehen vor den Gefechten. Adam und seine Kamera folgen ihnen ins Exil nach Peschawar. "Über die Zeit sind die Familie und ich Freunde geworden", sagt er. Malalas Mutter aber darf er nie filmen, da ist Ziwadin streng.

"Er ist ein komplexer Charakter, einerseits sehr liberal und weltoffen, andererseits auch religiös und traditionellen Werten verhaftet", so Adam. Nur bei Malala scheinen seine Regeln Ausnahmen zu kennen.

"Der Film hat ihr Selbstbewusstsein eingebracht"

Als die pakistanische Regierung das Ende der Offensive erklärt, kehrt die Familie ins sehnlichst vermisste Swat-Tal zurück. Die Mädchenschule öffnet ihre Tore wieder – und Malala will nicht mehr länger Ärztin werden. "Um etwas zu bewegen, muss man in die Politik", sagt sie nun. Adam bemerkt ihre Veränderung, "sie war viel ernster geworden".

Während der Vater darauf bestand, dass ein paar Aufrechte das Swat-Tal verteidigen müssten, habe Malala erstmals Zweifel geäußert. "Mein Vater ist zu optimistisch über die Lage hier, die Taliban-Kommandeure leben noch", sagt sie im Film. Tatsächlich erhält die Familie Drohungen, wiederholt sogar. Aber das Swat-Tal verlassen, das will ihr Vater Ziwadin nicht.

Was Adam heute vor allem beschäftigt ist die Sorglosigkeit, mit der Ziwadin über die Drohungen gegen ihn und seinen möglichen Tod sprach. "Malala aber habe ich nie gefragt, ob auch sie bereit ist zu sterben", sagt Adam nachdenklich am Telefon. Die Frage nach seinem Anteil an ihrem Schicksal lastet schwer auf ihm: "Der Film hat ihr Selbstbewusstsein eingebracht – und Feinde."

Tausende sind auf die Straßen gegangen

Jetzt liegt das schwer verletzte Mädchen in einer Spezialklinik in Rawalpindi, die Ärzte haben zuvor eine der Kugeln aus ihrem Körper entfernt. Der behandelnde Neurochirurg bezeichnet ihren Zustand als "sehr kritisch". Aber er geht davon aus, dass sie überleben wird. Adam hält Kontakt zu ihrem Vater, der im Krankenhaus bei seiner Tochter wacht.

"Die Operation hat sie gut überstanden, aber es gibt widersprüchliche Informationen darüber, wie viel Schaden ihr Gehirn genommen hat", sagt der Filmemacher. Was die Ärzte schon sicher wissen, ist, dass Malala nicht mehr dieselbe sein wird, wenn sie erwacht.

Das Attentat hat in Pakistan für große Empörung gesorgt, Tausende sind aus Solidarität auf die Straßen gegangen. Auch die Provinzregierung im Swat-Tal hat die Wut zur Kenntnis genommen, am Freitag vermeldete die Polizei die Festnahme dreier Verdächtiger. Die Männer werden derzeit verhört, erklärte der Polizeichef des Swat-Tals.

Unbestreitbar hat der feige Angriff auf die 14-jährige Aktivistin etwas in Bewegung gesetzt in Pakistan. Schon 2009 hatte das Schicksal eines jungen Mädchens, das im Swat-Tal öffentlich von den Taliban ausgepeitscht worden war, die Entschlossenheit der Regierung gestärkt, endlich gegen die Islamisten vorzugehen.

Was folgte, war die Militäroperation, die zunächst Tausende Bewohner und schließlich auch die Taliban aus dem Tal vertrieb. Offensichtlich aber erobern die Gotteskrieger ihr Rückzugsgebiet zurück. Ob der barbarische Anschlag auf Malala die Pakistaner nun erneut zu einem entschlosseneren Vorgehen gegen die Terroristen bewegen kann?

"Vorbild für das ganze Land"

Bislang jedenfalls tat die Regierung wenig mehr, als das hinterhältige Attentat auf die kleine Aktivistin zu verurteilen. Die Behandlung des Mädchens wird nun direkt von der pakistanischen Armee überwacht, Generalstabschef Aschfaq Parvez Kayani besuchte die Patientin persönlich und bezeichnete sie als eine "Ikone der Freiheit". Pakistans Außenministerin Hina Rabbani Khar spricht von ihr als einem "Vorbild für das ganze Land".

Ein kleines Mädchen bietet den bösen bärtigen Männern die Stirn – wohl ein unwiderstehliches Narrativ für jeden Politiker. Der Preis, den Malala für ihr Engagement bezahlen muss, ist freilich hoch. Und während sie noch immer um ihr Leben ringt, befindet die Regierung darüber, wie viel Einsatz sie für Malalas Traum von einem offenen, freien Pakistan aufzubringen bereit ist.

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