08.10.12

Schwierige Minderheit

Ungarns Kampf gegen die Armut der Roma

Aus Angst vor einer sozialen Explosion ist die Regierung aktiv geworden: Im Kern geht es darum, den Roma nach Jahren der Armut mehr Selbstbewusstsein und ausreichend sinnvolle Arbeit zu geben.

Von Boris Kálnoky
Foto: Péter Lakatos

Eigenengagement: Bau eines gemeinsamen Badehauses in Hétes, wo die Wohnungen keine WCs haben. Aktivistin Kriszta Bodis (h.) gilt als Retterin des Dorfes
Eigenengagement: Bau eines gemeinsamen Badehauses in Hétes, wo die Wohnungen keine WCs haben. Aktivistin Kriszta Bodis (h.) gilt als Retterin des Dorfes

Zoltán Balog streift die Anzugjacke ab, löst seine Uhr vom Handgelenk und legt sie neben sich auf den Tisch. Die ganze Körpersprache signalisiert: Hier ist einer, der zupackt, und Zeit ist kostbar. Wofür er Minister ist, ist auf deutsch kaum wiederzugeben, "emberi eröforrások" heißt das Ressort, "menschliche Kraftquellen". Von allen Ministern der ungarischen Regierung hat er die schwierigste Aufgabe: Er soll das Romaproblem in den Griff bekommen, eine wesentliche Quelle des neuen Rechtsextremismus. "Es ist die Schicksalsfrage schlechthin für unser Land" sagt er.

Wenn es nicht gelingt, die Roma zu integrieren, droht eine soziale Explosion. Rechtsextreme "ungarische Garden" sind zwar verboten, aber unter immer neuen Namen weiter aktiv. Bei den Roma wiederum gibt es erste Anstalten, als Gegenwehr eine "Roma-Garde" zu gründen.

"Ich habe schon länger gewarnt, dass es so kommen wird", sagt Balog. "Die Roma-Milizen sind zwar bis jetzt eher ein Facebook-Phänomen, aber informell haben sie sich längst mobilisiert. Wenn die Rechtsextremen irgendwo auftauchen, dann sind rasch immer auch ein paar Hundert wehrhafte Roma zur Stelle."

Die Angst vor einer unkontrollierbaren Eskalation ist groß, bei den Roma, bei den Magyaren, und offenbar auch bei der Regierung. Es ist der Grund, warum Budapest während seiner EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr – erstmals in Europa – eine schlüssige Roma-Strategie durchsetzte. Seither versucht man im eigenen Land zu zeigen, wie es funktionieren kann.

Regeln sind hart, aber wirkungsvoll

Die Regierung hat ein großes Arbeitsbeschaffungsprogramm aufgelegt, "denn man muss die Roma in die Arbeitswelt integrieren, und der freie Markt kann das nicht leisten", sagt Balog. Bislang nehmen 80.000 Roma teil, nicht zuletzt deswegen, weil die Sozialhilfe (rund 80 Euro im Monat) nun davon abhängig ist, dass man mindestens 30 Tage im Jahr arbeitet.

Das ist der eine Aspekt der neuen Roma-Politik: harte Regeln. Eine andere sieht den Verlust des Arbeitslosengeldes vor, wenn die Kinder die Schule schwänzen. Brutal, aber wirkungsvoll: "Die Fehlquote ist seither um 80 Prozent gesunken." Auch die Kriminalität ist rückläufig, seit die Regierung eine von den USA übernommene Politik verfolgt – wer dreimal bei Straftaten erwischt wird, und seien sie noch so klein, der kommt ins Gefängnis.

Die Arbeitsprogramme sind verflochten mit berufszentrierten Ausbildungen in regionalen Bildungszentren, TKKI genannt. "Am Ende muss sich die Sache am freien Markt tragen, die Menschen müssen berufliche Fähigkeiten erwerben", sagt Balog. Damit die Roma besser mit den Behörden und den neuen Regeln zurechtkommen, "haben wir 1000 Roma-Frauen als Sozialvermittlerinnen ausgebildet. Sie sollen eine Brücke zwischen den Roma-Gemeinschaften und den Behörden werden."

Linke Menschenrechtlerin und rechter Roma-Minister

Zuweilen muss Balog gegen Widerstände in der eigenen Regierung kämpfen. "Ein Jahr lang habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Geschichte der Roma in den Lehrplan der Schulen aufgenommen wird", sagt er. Erst Als Ministerpräsident Viktor Orbán ein Machtwort sprach, indem er Balog vom Staatssekretär zum Minister beförderte und damit auch die ganze Romapolitik auf eine höhere Ebene hob, lenkte das Bildungsministerium ein.

Alles in allem erfordere eine erfolgreiche Politik die Einbindung aller Ebenen, sagt Balog, "Zentralregierung, Ortsverwaltungen, zivile Organisationen, und die Wirtschaft". Um das Ausmaß des Problems zu verstehen, müsse man zu den Roma gehen. "Gehen Sie nach Ózd", sagt Balog, "da komme ich selbst her. Gehen sie zu Kriszta Bodis."

Eine bemerkenswerte Empfehlung, denn Balog gehört zur im Westen gern verschrienen konservativen Regierung, und Kriszta Bodis, Schriftstellerin, Dokumentarfilmerin, ist eine bekannte linke Menschenrechtlerin. Die beiden sind aber auf derselben Wellenlänge, wenn es um die konkrete Sache geht. Ihre Zusammenarbeit belebt die gesamte Romapolitik.

20 Jahre lang tat keine Regierung etwas für die Roma

Ózd ist einer der trostlosesten Orte im trostlosen Osten des Landes. Das Stadtbild dominieren düstere Industrieruinen. Zu kommunistischen Zeiten, aber auch schon davor war hier ein großes Stahlwerk. Um die Fabrik herum wuchs der Ort. "Die Leute erinnern sich daran wie an eine goldene Zeit", sagt Kriszta Bodis. "Alle hatten Arbeit, Ungarn und Roma kamen ganz gut miteinander aus."

Sie hat rote Struwelpeterhaare, blaue Scheinwerferaugen, und wenn sie redet, hört sie so bald nicht auf – ein wenig wie Balog. Seit sechs Jahren verbringt sie die Hälfte ihrer Zeit hier in Ózd bei den Roma, die andere Hälfte in Budapest. "Ich kam 1998, um einen Dokumentarfilm zu machen", sagt sie. "Und dann immer wieder. Mit der Zeit begriff ich, dass wir mit Filmen nichts verändern. Um etwas zu ändern, muss man mit diesen Menschen leben."

Nach der Wende war das Kombinat geschlossen worden, im Zuge der Liberalisierung verloren fast sämtliche Roma (und viele Nichtroma) ihre Arbeitsplätze. In ganz Ungarn, ein Land von zehn Millionen Einwohnern, wurden damals auf einen Schlag rund 1,5 Millionen Menschen arbeitslos. Eine Million davon, so Balog, sind es bis heute geblieben, vor allem die am wenigsten gebildeten, also die Roma. 20 Jahre lang hat keine Regierung versucht, die Lage zu ändern. 20 Jahre ohne Arbeit bedeutet, dass man stehlen muss, um zu überleben, dass die Familien und Gemeinschaften zerbrechen.

Sackgasse des Lebens

Wir fahren in eine Roma-Siedlung, in der bislang keine Regierung, keine Nichtregierungsorganisation etwas unternommen hat. "Damit ihr die Ausgangslage versteht", sagt Bodis. Kaputte Häuser, aus den Ruinen der einstigen Kirche sind die Fensterrahmen und Türen herausgebrochen worden, für Brennholz.

Vor dem einen kleinen Laden lungern ein paar Gestalten, ein sturztrunkener Mann, der weiter trinkt (es ist Mittag) und seine kleine Tochter, schmutzverkrustet, ein Stück Weißbrot in der Hand; ein paar verhärmte Frauen und Männer mit harten Gesichtern, die von der Sackgasse des Lebens künden.

Plötzlich fasst sich eine Frau ein Herz: "Entschuldigung – sind Sie nicht Kriszta Bodis?" Ihr Ruf ist hier in aller Munde, sie gilt als Retterin der Nachbarsiedlung Hétes. Rasch ist sie umringt, alle fragen: Wann beginnt sie auch hier? "Ich kann nichts versprechen", sagt sie, "ich sehe es mir nur an, aber das Wichtigste liegt an euch: Ihr müsst euch zusammentun, wieder eine Gemeinschaft werden."

Das Wunder von Hétes

Ein paar Kilometer weiter, ein paar Dutzend Häuser entlang einer staubigen Straße, die sonst nirgendwohin führt. 400 Roma leben hier in Hétes, 42 Häuser, 86 Haushalte. Die Häuser hier sind in besserem Zustand, auf der Straße ist unbekümmertes Leben, Kinder spielen, Frauen unterhalten sich, auf den Gesichtern fehlt die Härte, die vorhin so spürbar war.

Ein Wunder sei hier passiert, sagt Erika (alle Roma-Namen von der Red. geändert) , eine Frau in ihren Dreißigern. "Noch im Januar sah es so aus, dass wir alle rausgeschmissen und die Häuser abgerissen werden." 20 Jahre lang hatte die gesamte Siedlung Strom geklaut, nun hatte die Stadtverwaltung genug davon, schaltete den Strom ab, und schickte die Polizei, um die Wohnungen zu räumen. In Panik riefen die Bewohner Bodis an. Die eilte herbei, verteilte erst einmal Kerzen, und rief Balog an.

Der Minister intervenierte bei der Stromgesellschaft. Am Ende kam ein Kompromiss heraus: Die Roma von Hétes verpflichteten sich, keinen Strom mehr zu klauen, einen Teil ihrer Schulden abzustottern, und die Stromgesellschaft installierte neue Stromzähler – man muss aber den Strom vorab zahlen. Hétes ist damit die wahrscheinlich erste Roma-Siedlung in Ungarn, deren Einwohner freiwillig Strom bezahlen. Wer dennoch klaut, wir von den Roma selbst zur Rechenschaft gezogen.

Renovierungsabreiten gegen Stromschulden

Was die Schulden betraf, da hatte Bodis eine Idee. Sie überredete die Ortsverwaltung, dass die Roma von Hétes im Rahmen des neuen staatlichen Arbeitsprogramms ihre eigenen, heruntergekommenen Häuser renovieren sollten, die der Stadt gehören. Das Baumaterial finanzierte das Open Society Institute von Georg Soros, der Wert der Reparaturen wurde den Roma auf ihre Stromschulden gutgeschrieben, und für die Arbeit erhielten sie einen bescheidenen Monatslohn.

Die Menschen in Hétes stahlen jahrzehntelang nicht nur Strom, sondern auch das Holz aus den Wäldern, um damit zu heizen. Ganze Waldflächen wurden so im Laufe der Jahre vernichtet, zur besonderen Wut der magyarischen Bürger. Nun aber schlug einer der Roma vor, die Leute von Hétes die Forstarbeiten übernehmen zu lassen, also Unterholz lichten, totes Holz aufsammeln, und so an Brennholz kommen, ohne zu stehlen.

Sollte jemand dennoch stehlen, wollen ihn die Roma selbst bestrafen. Diesen Geistesblitz leitete Bodis an Balog weiter – ob nun deswegen oder unabhängig davon, "Forstarbeiten" mit kostenloser Holznutzung sollen nun landesweit zu einem Element des Beschäftigungsprogramms werden. Nur in Hétes ist die Sache noch nicht vorangeschritten – bis jetzt kein Einlenken der Ortsverwaltung und Waldeigentümer.

Neues Lebensgefühl lässt Gesellschaft zusammenrücken

Péter Kovács beäugte Bodis anfangs wie viele andere argwöhnisch. "Ich verstand nicht, was die hier will", sagt er. Zugegeben, es war schwer zu verstehen. Nach ihren ersten Besuchen als Dokumentarfilmerin versuchte sie, einen Kunst-Workshop für die Kinder zu organisieren. Ihre Budapester Künstlerfreunde sagten erst zu, dann aber ab, sie stand allein da und improvisierte irgendwas.

Sie gab aber nicht auf, und in den folgenden Jahren wurde die Roma-Siedlung tatsächlich zum Schauplatz für Aktivitäten um Foto, Film, Theater und Malerei mit namhaften Künstlern. "Wir kamen plötzlich in Kontakt mit Leuten, die wirklich etwas Besonders waren – und wir bekamen dadurch das Gefühl, dass wir auch etwas Besonderes sein können", sagt Kovács.

Mit diesem neuen Lebensgefühl wuchs die durch Armut und Bitterkeit zerfallene Gemeinschaft wieder zusammen, gemeinsam legte man Gemüsegärten an, eine Art Dorfplatz, und ein kollektives "Badehaus", denn die Häuser in Hétes haben weder Bad noch WC, noch gab es bisher Waschmaschinen. Geld kam von den Maltesern und der Soros-Stiftung.

Romasiedlungen sollen Orte des Aufbruchs werden

Es ist aber vor allem der mentale Wandel, der Balog dazu bewog, Hétes als Pilotprojekt für seine Romastrategie zu unterstützen, für ähnliche Projekte in Dutzenden anderer Siedlungen. "Der Plan ist, die Projekte auf den Weg zu bringen, und wenn dann schon etwas steht, EU-Gelder zur Weiterfinanzierung zu beantragen", sagt er.

Bodis schreibt derweil an einem Handbuch, wie man Romasiedlungen zu Orten des Aufbruchs machen kann. "Letztlich hängt alles daran, wie die Menschen an sinnvolle Arbeit kommen", sagt sie. Deshalb will die Regierung die Steuergesetze ändern: "Wer in den Problemregionen im Osten investiert und Arbeitslose einstellt – also im Zweifel Roma –wird dann steuerlich begünstigt", sagt Balog.

Dass in der Romapolitik ein neuer Wind weht, der aus Ungarn kommt, ist nicht nur in Elendssiedlungen sichtbar. Die ranghöchste Roma-Funktionärin bei den Vereinten Nationen ist Rita Izsák, die Leiterin des UN-Minderheitenforums – eine ungarische Romni. Die ranghöchste gewählte Roma-Politikerin ist ebenfalls eine ungarische Romni, die Abgeordnete des Europaparlaments Livia Jarokai.

Und es gibt neuerdings eine europäische Vereinigung der Roma-Sicherheitsbeamten – gegründet vom stellvertretenden Pressesprecher der ungarischen Polizei, György Makula, selbst ein Roma. "Die Polizei bemüht sich aktiv, junge Roma für den Dienst zu interessieren", sagt er. Auch das gehört zur neuen Roma-Strategie.

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