06.10.12

Balkankrise

"Es lebe der Krieg", riefen die aufgeputschten Massen

Vor 100 Jahren scheiterten Europas Diplomaten beim Versuch, den ersten Balkankrieg zu verhindern. Doch gelang es ihnen noch, den Konflikt regional zu begrenzen - anders als zwei Jahre später.

Foto: picture-alliance / akg-images

Der Krieg als Sammelobjekt: Der Ausbruch des ersten Balkankrieges im Oktober 1912 wurde in Deutschland und anderen Ländern Europas zum Motiv für Zigaretten-Werbematerial. Der bevorstehende Kampf galt als etwas Edles
Der Krieg als Sammelobjekt: Der Ausbruch des ersten Balkankrieges im Oktober 1912 wurde in Deutschland und anderen Ländern Europas zum Motiv für Zigaretten-Werbematerial. Der bevorstehende Kampf galt als etwas Edles

Hektik herrscht im Auswärtigen Amt. Täglich laufen etliche Telegramme ein: aus Wien und London, aus Paris und St. Petersburg, aus Sofia und Konstantinopel. Europas Diplomaten sind höchst beunruhigt. "Lage nach wie vor sehr kritisch", heißt es etwa aus der bulgarischen Hauptstadt. "Situation am Balkan sehr gefährlich", wird einen Tag später aus Bukarest telegrafiert. Staatssekretär Alfred von Kiderlen-Wächter, der deutsche Außenminister, fordert alle Mächte öffentlich zu einer Politik der Neutralität auf. Was macht Europas Außenpolitiker so nervös?

Es ist Anfang Oktober 1912, und man schaut gebannt in den Südosten des Kontinents. Das Osmanische Reich befindet sich seit 250 Jahren im stetigen Niedergang, unter anderem wegen um sich greifender Korruption. Der Vielvölkerstaat war und ist unfähig, sich aus eigener Kraft zu modernisieren. Die Schwäche des Reiches, das metaphorisch der "kranke Mannes am Bosporus" genannt wird, nutzten seine christlichen Untertanen auf dem Balkan: Im Fahrwasser des Nationalismus erkämpften zuerst die Griechen, dann die Serben und Bulgaren im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit.

Dennoch herrscht der Sultan in Konstantinopel vor hundert Jahren noch immer über beträchtliche Gebiete Europas. Um die Türken von dort zu vertreiben, schließen Griechenland, Serbien und Bulgarien sowie das kleine Montenegro im März 1912 ein Militärbündnis, den "Balkanbund". Seitdem reizen sich beide Seiten gegenseitig, rasseln mit ihren Säbeln und provozieren einander. Nun, vor 100 Jahren, droht das "Pulverfass Balkan" hochzugehen.

Europa ist uneins

"Nur ein geschlossenes Auftreten der europäischen Mächte könnte den bevorstehenden Krieg verhindern, doch das angeblich ganz einige Europa in seiner Vermittlungsfunktion ist ein Trugschluss", schreibt das "Berliner Tageblatt" am 7. Oktober 1912. Tatsächlich nützt das aufgeregte Vermitteln der europäischen Mächte am Ende nichts, denn nur einen Tag später brechen erste Kämpfe zwischen Montenegro und dem Osmanischen Reich aus.

Diplomatie ist eine undankbare Aufgabe: Wenn sie gelingt, fällt das nicht weiter auf. Scheitert sie, erscheinen all die Botschafter, Attachés und Referenten als Versager. Das war, wie ein Blick in die Bestände des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes in Berlin zeigt, vor hundert Jahren kaum anders als heute, da Europa gegenüber der diktatorischen Regierung Syriens nicht zu einer einheitlichen Haltung findet.

Wenn die Völkergemeinschaft schon heute nicht mit einer gemeinsamen Stimme spricht – wie hätte dies 1912 gelingen sollen, am Vorabend des Ersten Weltkrieges? Schließlich ist die Interessenlage der einzelnen Staaten sehr unterschiedlich: Russland und Österreich versuchen, gegeneinander ihren Einfluss auf dem Balkan auszubauen. Großbritannien und das Deutsche Reich wollen dagegen eine weitere Schwächung des Osmanischen Reiches verhindern. Schließlich haben beide Mächte erhebliche wirtschaftliche Interessen in der Region.

Es geht um Landgewinn

Trotz dieser schlechten Ausgangslage gelingt es den Diplomaten der europäischen Großmächte, sich auf eine gemeinsame Note zu einigen. Insbesondere der französische Ministerpräsident und Außenminister Raymond Poincaré tut sich bei den Verhandlungen als "ehrlicher Makler" hervor, als neutraler Vermittler. Den Begriff hatte Reichskanzler Otto von Bismarck bei der internationalen Balkankonferenz in Berlin 1878 geprägt, und wie der deutsche Regierungschef 34 Jahre zuvor strebt nun der Franzose eine politische Lösung des aktuellen Konfliktes an. Er kann sich sogar eine erneute Balkankonferenz vorstellen.

Doch ist der Krieg überhaupt noch zu verhindern? Ein türkischer Diplomat sagte dem deutschen Botschafter in Konstantinopel: "Es geht den Balkanstaaten nicht um Reformen in Mazedonien, sondern um Landgewinn, den niemals geschickt geführte Diplomatie, sondern nur ein glücklicher Krieg ihnen verschaffen könnte." In den Straßen Athens, Belgrads und Sofias herrscht Kriegsbegeisterung, nicht anders am Bosporus. Hier skandieren aufgeputschte Massen lauthals: "Es lebe der Krieg!"

Davor versagt jedes Bemühen, den Frieden zu bewahren: Am 8. Oktober 1912 überschreiten Soldaten aus Montenegro ohne vorherige Kriegserklärung die Grenze zum Osmanischen Reich. Zehn Tage später folgen die Verbündeten des Balkanbundes und attackieren die schwächelnde Großmacht von mehreren Seiten. Es ist der Auftakt zu einem mit äußerster Härte und archaischer Gewalt geführten Krieg. Die Angreifer sprechen von einem "Kreuzzug": Sie wollen Rache nehmen für verlorene Schlachten im Mittelalter.

Eine neue, furchtbare Waffe

Militärtechnisch dagegen wird auf modernste Weise gekämpft: Zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte werden Flugzeuge zur Aufklärung eingesetzt. Die neue Waffe Maschinengewehr anonymisiert das Töten und lässt die Zahl der Gefallenen schnell in die Hunderttausende steigen. Granatensplitter fügen vielen Kämpfern schwerste Körperschäden zu.

Acht Monate dauern die Schlachten, dann kann Großbritannien einen Vertrag zwischen den Kriegsparteien vermitteln. Doch der Frieden erweist sich als brüchig: Nur wenige Wochen vergehen, bis die ehemaligen Verbündeten über die Kriegsbeute in Streitigkeiten geraten und den Zweiten Balkankrieg eröffnen.

Erst zwei Jahre später wird deutlich, dass die europäische Diplomatie im Herbst 1912 vielleicht doch nicht ganz wirkungslos war, obwohl sie den Balkankrieg nicht verhindern konnte. Denn vor hundert Jahren blieben die Kämpfe regional begrenzt, auf den südlichen Balkan. Im Sommer 1914, nach dem Attentat auf Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo, sollte ihr dieses Kunststück nicht mehr gelingen. Der Erste Weltkrieg war die Folge.

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