Pakistan
Kopfgeld-Minister jagt den Mohammed-Filmemacher
Der pakistanische Minister Bilour hat 100.000 Dollar für den Tod des Produzenten des Mohammed-Schmähfilms geboten. Ein persönliches Anliegen – oder der verzweifelte Versuch, mehr Anhänger zu gewinnen?
Als Pakistans Eisenbahnminister hat Ghulam Ahmad Bilour bisher nicht gerade geglänzt. Im Gegenteil: Kritiker werfen ihm vor, das marode Bahnsystem seiner Heimat ganz bewusst und zu seiner eigenen Bereicherung endgültig zugrunde zu richten.
Doch kein Skandal konnte den Namen des 73-jährigen paschtunischen Politikers bisher so in die Schlagzeilen bringen, wie sein Kopfgeld-Angebot vom Wochenende. Für den Mord am amerikanischen Produzenten des Mohammed-Schmähfilms bot er 100.000 Dollar Belohnung aus seiner eigenen Tasche an.
Er verbrüderte sich gar mit den Taliban und al-Qaida, schließlich könne man bei dieser "noblen Tat" durchaus Hand in Hand arbeiten. Und überhaupt, wenn er die Gelegenheit habe, werde er den Macher des Videos "mit meinen eigenen Händen umbringen".
Ablehnung aus Islamabad
Schnell distanzierte sich die Regierung in Islamabad von der Aussage des Ministers. Man habe "nichts damit zu tun", so der Sprecher des Premiers Raja Pervaiz Ashraf. "Dies ist nicht die Politik der Regierung." Auch Bilours Awami National Party (ANP), die zur Regierungskoalition gehört und ironischerweise als besonders säkular gilt, wies seinen Kopfgeldvorschlag weit von sich. Es handele sich um seine "persönliche Meinung".
Über Disziplinarmaßnahmen würden Regierung und Partei noch nachdenken. "Der Vorschlag von Herrn Bilour wird von der Partei zurückgewiesen, denn wir glauben an Gewaltlosigkeit und unsere Partei ist dafür bekannt", so der Parteisprecher. "Diese Angelegenheit liegt jenseits unserer Vorstellungskraft, denn sie wird den Unterschied zwischen der ANP und den Extremisten auflösen."
Als Pazifist bekannt
Dabei war Bilour bis dato selbst eigentlich als Pazifist bekannt. Der Älteste von vier Söhnen einer renommierten Unternehmerfamilie in Peschawar war Anhänger des Paschtunenführers Khan Abdul Ghaffar Khan, ein enger Freund von Mahatma Gandhi in Afghanistan, der ebenso wie dieser für den gewaltlosen Widerstand gegen die Briten eintrat.
Bilours Familie stammt aus den Stammesgebieten an der pakistanisch-afghanischen Grenze. Er trat der links gerichteten ANP in den 70er-Jahren bei. Diese steht für eine sozialdemokratische Politik, aber auch für paschtunischen Nationalismus. Für seine Überzeugung saß Bilour insgesamt viermal im Gefängnis.
Erfolgloser Minister
Der Job als Eisenbahnminister ist bereits Bilours dritter Ministerposten. Er füllt ihn nicht besonders rühmlich aus und gilt als inkompetent. Pakistan brauche überhaupt keine Eisenbahn, erklärt er öffentlich, und seine Kritiker behaupten, er wirtschafte das Bahnsystem herunter, damit die Transport-Mafia, mit der er unter einer Decke stecken soll, ihre Pfründe nicht verliere.
Mit seiner Kopfgeldidee will er offenbar, so meinen Pakistans Kommentatoren, politisch punkten. In seiner Heimat in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa sitzt der Hass auf den Westen tief, und Islamismus kommt gerade gut an.
Jetzt kennt ihn jeder
Bilour selbst gibt sich wohlmeinend. Er habe doch nur, so erklärte zumindest ein Parteigenosse im Interview mit der "New York Times", die Wut seiner Landsleute von den Straßen ablenken und dahin richten wollen, wo sie hingehöre. Vielleicht spielen auch ganz persönliche Gefühle eine Rolle: Sein Bruder Aziz soll ein Pornokino betrieben haben, das bei den Ausschreitungen in Peschawar am vergangenen Freitag niedergebrannt wurde.
Nun also ist Bilour weltweit bekannt, allerdings nicht nur als Volksverhetzer und Anstifter zum Mord. In Pakistan scheiden sich die Geister.
Lob und Kritik im Netz
In Internetforen äußern sich manche entsetzt, andere aber preisen den Minister. "Es gibt keinen anderen Weg, solche enormen Verbrecher zu bestrafen. Bilour hat getan, was jeder Moslem in so einer Situation tun sollte", schreibt ein Leser der "Express Tribune" und ein Zweiter erklärt: "Ich liebe Dich, Bilour. Obwohl Du die Eisenbahn ruiniert hast, unterstütze ich Dich für Deine ermutigende und tapfere Aussage. Allen Lesern, die Bilour der Gewaltanstiftung beschuldigen, muss ich sagen: Redefreiheit!!!"
Andere aber sind empört und beschämt: "Der Idiot muss wirklich in eine Besserungsanstalt eingeliefert werden für seinen endlosen Nonsens… Hier läuft er herum und bietet dem bereits verrückten Mob Kopfgeld an! Gott schütze uns vor solchen Psychopathen!"
Und ein Leser fordert: "Feuert ihn! Er hat unserer Nation mit seinen Worten Schande bereitet. Lebt er im 15. oder im 21. Jahrhundert?"
Harte Worte aus Washington
Washington verurteilte unterdessen die Äußerung Bilours aufs Schärfste. Sie sei "aufrührerisch und unangemessen". US-Präsident Obama und seine Außenministerin Clinton hätten den Schmähfilm bereits als "beleidigend, ekelhaft und verwerflich" gebrandmarkt, erklärte ein Mitarbeiter des Außenministeriums. Doch sei der Streifen keine "Rechtfertigung für Gewalt" und es sei wichtig, dass sich verantwortungsvolle Führer gegen Gewalt aussprächen.
Dennoch hat Bilours Idee inzwischen schon Nachahmer gefunden, berichtet der US-Fernsehsender CBS: Der islamische Kleriker Mohammad Yousuf Kasuri, Vorsitzender der Partei Jamiat Ahle Hadith in der Provinz Sindh, rief bei einer Protestkundgebung in Karatschi ebenfalls eine Belohnung von zehn Millionen Rupien, umgerechnet 80.000 Euro, für denjenigen aus, der dem Urheber des Schmähfilms "eine exemplarische Bestrafung" zufüge.















