16.09.12

Gewaltwelle

Der extremistische Furor zeigt die Bedeutung Europas

Natürlich bedeutet die EU eine Bedrohung für Steuerzahler. Ungleich teurer wäre es aber, wenn Scharfmacher Religionen missbrauchen würden.

Von Hajo Schumacher
Foto: REUTERS
Still image shows demonstrators jumping on emblem of the German embassy after breaking into the mission's compound in Khartoum
Sudanesische Extremisten stürmen die deutsche Botschaft in Khartum. Auch Euroskeptiker bekommen angesichts der Randale eine Idee davon, was in einem detonierten Haus Europa wieder los sein könnte

Zufall, dass ausgerechnet in einer Woche, da Europa einen vergleichsweise großen Schritt gemacht hat, in anderen Teilen der Welt ein Mob in ideologischer Blindheit mordet und brandschatzt?

Zufall, dass ausgerechnet deutsche Rechtsextreme den radikalislamischen Bluteifer mit albernen Filmchen anzuheizen gedenken und gleichzeitig wütend gegen Europa hetzen?

Selten wurde in wenigen Tagen so klar, was auf dem Spiel steht: Eine, vielleicht die naheliegendste Alternative zu Europa ist die Rückkehr des Mobs.

Deutschland will Europa

Es gibt viele gute Gründe, die praktische EU-Politik und ihre waghalsigen Experimente zu kritisieren. In dieser Woche ist jedoch auch klar geworden, dass eine parlamentarische Mehrheit im relativen Einklang mit dem Bundesverfassungsgericht ein gemeinsames Handeln legitimiert hat. Deutschland will Europa. Offenbar hat die Einsicht gesiegt, dass das gemeinsame Projekt größer und bedeutender ist als ein allemal kritikwürdiger Schuldenberg. Europa bedeutet einen einzigartigen zwischenstaatlichen Zukunftsentwurf für ein friedliches und halbwegs solidarisches Zusammenleben von Traditionen und Religionen, von Nationen und Regionen.

Europa ist ein wackeliges Konstrukt, aber zugleich auch ein großartiges kulturelles Projekt, das sich dem irren Treiben von Aufwieglern und Warlords entgegenstellt. Europa ist Post-Mob, zivilisatorisches Fortschrittsexperiment, sicher nicht in der Ausgestaltung, aber als Idee tatsächlich alternativlos. Die Niederländer haben mit ihrer Wahlentscheidung in dieser Woche bemerkenswerte kollektive Weisheit bewiesen. Die Scharfmacher wurden abgewählt, die versöhnlichen Kräfte gestärkt.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass in Europa, in Deutschland zumal, die Menschen bereit waren, sich für ein Schriftstück, aus religiösen Gründen oder wolkigen Werten wie "Ehre" umzubringen, gesteuert oft von Anführern, die in Krieg und Chaos die Chance witterten, ihre Macht zu vergrößern.

Serum gegen Extremismus

Wenn jetzt eine kleine Schar oftmals gedungener Randalierer mit blutigen Angriffen auf Botschaften ihr vermeintliches Recht zu artikulieren versuchen, wenn zugleich westliche Extremisten versuchen, den Furor weiter anzuheizen, dann bekommt der europaskeptische Bürger eine Idee davon, was in einem detonierten Haus Europa wieder los sein könnte.

In Jugoslawien und Irland bewiesen bis vor wenigen Jahren, dass ein Europa der Regionen und Religionen nicht Bullerbü bedeutet, sondern Mord und Totschlag. Geboren aus jahrhundertelangen Erfahrungen von Krieg und Zerstörung, gebaut auf dem Fundament der Aufklärung, bedeutet Europa das wirksamste Serum gegen Extremismus aller Art.

Natürlich bedeutet die EU eine Bedrohung für Steuerzahler. Ja, wir werden, ähnlich wie beim innerdeutschen Finanzausgleich, zahlen müssen für Länder, die allein keinen Wohlstand zustande bringen.

Ungleich teurer und grausamer wäre es, wenn mühsam eingehegte Nationalismen plötzlich wieder ungehemmt ausbrächen, wenn eiskalte Scharfmacher Religionen und Traditionen missbrauchen würden, um das europäische Wir mit einem provinziellen Ich zu zerstören.

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