14.09.12

Angriff auf Botschaft

Warum Sudans Islamisten jetzt Deutschland hassen

Die Attacke auf die deutsche Botschaft in Khartum war kein Zufall. Sudans Regierung hat offenbar mit aggressiver Rhetorik die Voraussetzungen geschaffen. Schuld soll Kanzlerin Merkel sein.

Quelle: Reuters
14.09.12 1:06 min.
Rund 5000 Menschen hatten vor der deutschen Botschaft gegen einen US-amerikanischen Film protestiert, in dem der Islam geschmäht wird. Das Gebäude in Khartum wurde dabei gestürmt und in Brand gesetzt

Die deutschen Sicherheitsbehörden waren gewarnt. Denn spätestens am Donnerstag war klar, dass Sudanesen mit großer Wahrscheinlichkeit die deutsche Botschaft in Khartum attackieren würden.

Der bekannte Scheich Mohammed Dschisuli hatte zum Sturm auf die deutsche Vertretung aufgerufen. Auch deshalb hielt sich kein Respräsentant der Bundesrepublik auf dem Botschaftsgelände auf.

Dabei ging es dem Scheich offenbar nicht nur um das islamfeindliche Schmähvideo, sondern auch um islamfeindliche Graffiti, die er an Berliner Moscheen ausgemacht haben will.

Nach dem Angriff auf die Deutschen, so befahl es der Scheich, sollte dann planmäßig die US-Botschaft gestürmt werden. Der einfache Grund: "Amerika ist seit langem der Feind des Islam". Das alles gab Dschisuli im staatlichen Rundfunk bekannt.

Ein geplanter Angriff

Auch bei einem Treffen von islamischen Geistlichen am Donnerstag war der Marsch auf die deutsche Botschaft Thema: "Morgen werden wir unseren Propheten Mohammed verteidigen. Wir werden das friedlich aber kraftvoll machen", kündigte der Generalsekretär der islamischen Gelehrten in der Region Khartum, Salat el-Din, an. Geplant seien Märsche auf die deutsche und auf die US-Botschaft.

Auch die sudanesische Zeitung "Sudan Tribune" berichtet von einem geplanten Angriff. Bei der Zusammenkunft am Donnerstag habe der Gouverneur von Khartum, Abdel Rahman al Chidir, zur Unterstützung des Propheten Mohammed aufgerufen.

Teilgenommen hätten demnach Islamistengruppen und überwiegend mit den extremistischen Salafisten verbundene Imame. Dabei hätten die Anwesenden gefordert, die Botschafter der USA und Deutschlands auszuweisen, berichtet die "Sudan Tribune" unter Berufung auf Augenzeugen.

Zudem sei entschieden worden, nach den Freitagsgebeten vor den beiden Vertretungen Demonstrationen abzuhalten. Der Aufruf zu friedlichen Protesten sei dabei von der Mehrheit der anwesenden Islamisten abgelehnt worden, hieß es in dem Bericht weiter.

Sudans Regierung kritisiert Merkel

Dabei konnten sich die Teilnehmer des Treffens auf die sudanesische Regierung verlassen. Denn die hatte zuvor schon Deutschland und Angela Merkel heftig kritisiert. Die Kanzlerin habe angeblich im vergangenen Monat anti-islamische Proteste von Rechtspopulisten gebilligt.

"Leider hat die Kanzlerin diese Angriffe auf den Islam ermöglicht", hieß es aus dem Außenministerium. Tatsächlich ist die Regierung im Sudan unter Druck. Islamisten halten dem Präsidenten Omar Hassan al-Baschir vor, religiöse Werte aufgegeben zu haben.

Das Auswärtige Amt hatte bereits am Freitag Morgen und damit vor den Protesten den sudanesischen Botschafter einbestellt und ihn unmissverständlich auf die Pflicht seiner Regierung zum Schutz diplomatischer Einrichtungen hingewiesen, wie das Ministerium erklärte.

Dennoch kam es zum kalkulierten Angriff eines offenbar gut orchestrierten Mobs. Zahlreiche Randalierer drangen am Freitag in das Botschaftsgebäude ein, zerschlugen Fenster, Mobiliar sowie Kameras und legten Feuer.

"Keinen Gott außer Allah"

Sie rissen das Botschaftswappen herunter und trampelten darauf herum. Die Angreifer hissten ein islamisches schwarzes Banner mit der weißen Aufschrift "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet".

Die Polizei griff nicht ein, als die wütende Menge in die Botschaft einbrach. Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilte den Angriff scharf und erklärte in Berlin, alle Mitarbeiter der Vertretung seien in Sicherheit. Aufgebrachte Demonstranten drangen auch auf das Gelände der US-Botschaft in Khartum vor, es waren Schüsse zu hören.

Gegen Abend eskalierten die Ausschreitungen in weiten Teilen der islamischen Welt: Demonstranten legten Feuer an der amerikanischen Schule in Tunis, auch auf dem Gelände der US-Botschaft in der tunesischen Hauptstadt brach ein Brand aus. Mindestens fünf Demonstranten wurden durch Schüsse der Polizei verletzt.

Zuvor hatten die USA bereits die Entsendung von Marineinfanteristen auch in den Jemen angekündigt, um die Sicherheit der US-Botschaft dort zu gewährleisten. Weitere Proteste gegen den Mohammed-Film gab es in Ägypten, im Jemen, in Afghanistan, Malaysia, Bangladesch, Pakistan, Libanon, im Iran und im Irak.

Keine Hinweise auf Anschläge

Am Dienstag waren bei einem Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi der amerikanische Botschafter und drei Mitarbeiter getötet worden, woraufhin Präsident Barack Obama zwei Zerstörer vor die Küste des Landes entsandte.

Am Freitag kam in der nordlibanesischen Stadt Tripoli ein Mann nach Angaben aus Sicherheitskreisen ums Leben, als Demonstranten versuchten, ein Regierungsgebäude zu stürmen. Zwölf Angehörige der Sicherheitskräfte wurden durch Steinwürfe wütender Demonstranten verletzt.

Innenminister Hans-Peter Friedrich sagte, die Bundesregierung habe keine konkreten Hinweise auf eine gesteigerte Anschlagsgefahr in Deutschland wegen des umstrittenen Films, in dem der Prophet Mohammed als Kinderschänder, Schürzenjäger und Homosexueller geschmäht wird.

Allerdings herrsche erhöhte Wachsamkeit und gesteigerte Aufmerksamkeit bei Behörden und Bürgern", sagte der Minister der "Leipziger Volkszeitung".

Scharfe Kritik von Westerwelle

Westerwelle forderte ein sofortiges Ende der Botschafts-Attacken. Die Empörung über den Film könne keine Rechtfertigung für Gewaltakte sein. "Ich verurteile diese Angriffe auf die deutsche Botschaft auf das Schärfste", betonte er in Berlin.

Von der sudanesischen Regierung verlangte Westerwelle die sofortige Wiederherstellung der vollen Sicherheit des Botschaftsgeländes, wie es internationalem Recht entspreche.

Zugleich verurteilte der Außenminister das Mohammed-Video, zeigte aber Verständnis für "die Empörung in der islamischen Welt über dieses anti-islamische Hass-Video".

Der Sudan hatte in den 90-er Jahren prominenten Islamisten wie Al-Qaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf geboten. Die Regierung versucht jedoch seit geraumer Zeit, sich von den Radikalen zu distanzieren, um ihre Verbindungen zum Westen zu verbessern.

Quelle: dapd/Reuters/WON
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