03.09.12

Afrika

Der Gorilla-Krieg in den Nebelwäldern des Kongo

Wilderer und Milizen rotten im Kongo die Berggorillas aus. Es ist ein schmutziger Krieg, dem schon 150 Menschen zum Opfer gefallen sind. Der britische Zoologe Robert Muir kämpft für die Tiere.

Foto: WILDLIFE
Berggorilla
Berggorillas die in der freien Natur leben, werden im Kongo von Wilderern bedroht

Wir haben den britischen Zoologen Robert Muir nicht ausdrücklich gefragt, wofür die Gitterstäbe zwischen Gorillas und Besuchern im Zoo gut sein sollen. Die Antwort hätte gelautet: Ein männlicher Gorilla kann zwar jeden Boxweltmeister und jeden Türsteher mit einem Handgriff zermalmen. Aber der Hauptzweck für Gitterstäbe ist nicht, dass Gorillas gefährlich werden könnten. Es ist andersherum.

Der Mensch ist für den Gorilla lebensgefährlich – durch alles, was er an Viren und Bakterien gerade so von sich hustet, niest oder pustet. Sieben Meter Abstand fordert Muir. Er muss es wissen, als Leiter des Berggorilla-Projektes der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Dieses Team kennt nur ein Ziel, ihr Einsatz ist hoch: die Rettung der letzten wild lebenden Berggorillas, die in einem Urwaldgebiet auf dem Staatsgebiet des Kongo überlebt haben.

Militärischer Einsatz für den Artenschutz

Im Interview drehte Muir das Gespräch immer wieder auf diesen Punkt: dass es nur noch wenige Berggorillas gibt, dass nicht viel zur Ausrottung fehlt, dass es massiven militärischen, zumindest bewaffneten Einsatz braucht, den Regenwald im Kongo gegen plündernde und marodierende Wilderer und Milizen zu verteidigen. 350 Berggorillas leben heute dort, als Weltkulturerbe stehen sie unter dem Schutz der Unesco.

Seit zehn Jahren tobt in den Nebelwäldern im Nationalpark der Virunga-Vulkane der größte afrikanische Bürgerkrieg. Wer hier Berggorillas schützt, begibt sich an die Front. "Meine erste Nacht im Kongo verbrachte ich mitten in einem Gefecht, das sich die beiden Parteien lieferten", sagt Muir, "über das Dach pfiffen Maschinengewehrkugeln, dazwischen hörte man schwere Waffen und Raketen. Mein Gott, wo bist du hier gelandet, dachte ich und dass gleich die Station in die Luft flöge."

Muir lebt seit acht Jahren im Kongo. Er hat in Oxford Zoologie und Anthropologie studiert. Ein neues Buch beschreibt, wie er für das Überleben der Gorillas im Kriegsgebiet kämpft.

Die Welt: Herr Muir, mehr als 150 Mitarbeiter haben im Kampf mit den Terrormilizen ihr Leben gelassen. Ist es das wirklich wert?

Robert Muir: Wenn du einem Berggorilla ins Auge siehst, ist es, als ob du ein menschliches Wesen anschaust. Du erkennst ihre Intelligenz, kannst sehen und fühlen, da steht dir ein Jemand gegenüber, eine Persönlichkeit, die sich für dich interessiert, die mehr von dir wissen will. Der dich genauso analysieren und verstehen will wie du ihn. Das ist etwas anderes als der Blick eines Hundes oder einer Katze.

Die Welt: Zwei Meter Körpergröße, 200 Kilo Lebendgewicht … standen Sie schon Auge in Auge vor einem wütenden King Kong?

Robert Muir: Wenn man einem Silberrücken begegnet, senkt man demütig den Blick und macht sich klein. Neben ihm gibt es keinen anderen Chef, das ist die Regel. Ansonsten sind Berggorillas unglaublich sanft, sehr sozial, sie tun alles für ihre Familien. Während Schimpansen viele negative, zum Teil ziemlich üble, auch die kriegerischen Seiten des Menschen widerspiegeln, scheinen Gorillas nur unsere besten Eigenschaften ausgesucht zu haben. Weltweit leben nur noch 750 Berggorillas. Wenn wir uns aus dieser Region zurückzögen, wäre das Risiko hoch, dass die Menschheit diese wunderbaren Tiere für immer verlöre.

Berliner Morgenpost: Was ist die größte Gefahr für die Berggorillas?

Robert Muir: Die lässt sich meistens nur aus der Luft erkennen. Vom Flugzeug aus sieht man die Rauchfahnen über dem Regenwald. Sie verraten, wo Banden gerade dabei sind, den Regenwald illegal zu Holzkohle zu verarbeiten. Militärs und korrupte Beamte verdienen an dem Geschäft. So schrumpft die Lebensgrundlage der Gorillas von Jahr zu Jahr. Den Menschen hier mangelt es an allem, vor allem aber auch an Brennstoff. Im Gorillawald wächst das Holz, das sie dringend brauchen. Holzfeuer sind die einzige Möglichkeit, das Trinkwasser abzukochen.

Berliner Morgenpost: Ist es fair, von diesen Menschen zu verlangen, keine Holzkohle aus Urwaldbäumen zu brennen?

Robert Muir: Genau das macht unsere Arbeit so schwierig. Die Menschen versuchen zu überleben. Wir müssen ihnen klarmachen, dass der Regenwald einen guten Teil dazu beitragen kann. Virunga ist einer der fantastischsten Nationalparks der Erde. Es gibt Vulkane, Gletscher, Sümpfe, Wälder. Er ist der einzige Platz weltweit, wo drei Menschenaffenarten leben: Berggorillas, Flachlandgorillas, Schimpansen. Bis vor Kurzem konnten Touristen kommen. 500 Dollar zahlen sie für eine Stunde mit den Gorillas. Aber als ich einen Kontrollposten einrichtete und die Holzkohle beschlagnahmen ließ, rächten sich die Holzfäller und massakrierten sieben Gorillas.

Berliner Morgenpost: Ist das so ein Moment, in dem Sie ans Aufgeben denken?

Robert Muir: Manchmal habe ich mich schon gefragt, wie lange ich noch weitermachen kann. Viele unserer Ranger sind inzwischen tot. Sie wurden während ihrer Patrouillen erschossen. Ich habe sie mit beerdigt. Immer wenn ich zweifele, dann denke ich an sie. Es sind Helden.

Berliner Morgenpost: Können Sie schießen?

Robert Muir: Ja, aber ich trage kein Gewehr bei mir. Damit unsere Ranger sich besser verteidigen können, haben wir viele zu einer Spezialeinheit ausgebildet. Der Ruf unserer Truppe ist exzellent, das reicht für viele Gangster, sofort zu flüchten, wenn wir kommen. Unser Hauptquartier ist eine Festung. Momentan kontrollieren wieder verfeindete Milizen den Park. Es ist ruhig, aber jederzeit kann es losgehen, dann bekämpft jeder jeden. Immerhin sind sich die verfeindeten Parteien darin einig, dass die Berggorillas wertvoll sind. "Wer sie tötet, wird erschossen", diesen Befehl haben jetzt die Warlords ausgegeben. Trotzdem geraten die Tiere immer wieder in die Schusslinie.

Berliner Morgenpost: Ihr schönstes Erlebnis mit einem Berggorilla?

Robert Muir: Zu beobachten, wie die Mütter sich um ihre Babys kümmern. Das hat sehr viel Menschliches. Ein Weibchen wurde von Wilderern erschossen. Sein Baby versuchte, von der kalten Brust zu saugen, und schrie. Es kam in ein Waisenheim. Wenn alles gut geht, können wir es in die Freiheit aussetzen – und es kann sogar eine eigene Familie gründen.

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