19.08.12

Polen

Tusk gerät in den Strudel eines Finanz-Skandals

Die Affäre um eine polnische Firmenpleite hat unangenehme Folgen für Donald Tusk. Der polnische Regierungschef könnte mit Insiderinformationen seine Familie vor einer Blamage bewahrt haben.

Foto: DPA
Donald Tusk
Was wusste Donald Tusk von den Vorgängen?

Die Zeit der großen Betrugsskandale schien in Polen lange vorbei – bis vor einer Woche die Danziger Firma Amber Gold zusammenbrach. 50.000 Kunden, vor allem Kleinsparer, müssen um ihr Geld fürchten, umgerechnet bis zu 20 Millionen Euro.

Nun wurden in Wohnung und Büro des Firmengründers 57 Kilo Gold sichergestellt, und es wurde Anklage gegen ihn erhoben. Damit nicht genug: Polens Premier Donald Tusk ist vom Skandal persönlich betroffen. Sein Sohn Michal war im Umfeld der dubiosen Firma aktiv. Auf den Regierungschef kommen nun unangenehme Fragen zu.

Aufstieg und Fall der Firma Amber Gold sind paradoxerweise eine Begleiterscheinung der Entwicklung in Polens relativ solidem Bankensektor. Vor und während der Finanzkrise wurden die Bedingungen für die Kreditgewährung verschärft: Wer heute weniger verdient als den Durchschnittslohn von 3750 Zloty brutto (925 Euro), darf maximal die Hälfte des Lohns für die Ratenzahlung aufwenden. Neue Kredite kann er nicht aufnehmen.

Viele versuchten, die Regelung zu umgehen: Sie wandten sich an Firmen wie Amber Gold, sogenannte Parabanken, die unkompliziert Kredite anboten. Sich selbst besorgten die Parabanken Geld, indem sie Anlagemöglichkeiten boten mit Zinsen bis über zehn Prozent.

Ihre Einlagen sind aber nicht vom Bankengarantiefonds gedeckt, auch unterliegen sie nicht der staatlichen Finanzaufsicht KNF. Sie hat seit Jahren ausdrücklich vor Amber Gold und anderen Parabanken gewarnt.

Eine Verbindung nach Deutschland

Schätzungen zufolge besitzen die Parabanken nicht einmal ein Prozent der Aktiva des gesamten polnischen Finanzsektors. Doch zahllose Kleinsparer, vor allem Rentner und Kranke, honorierten die Hausbesuche der rührigen Parabanker. Und für den 1984 geborenen Danziger Jungunternehmer Marcin Stefanski (seit seiner Heirat Marcin Plichta) ebnete die Parabank den Weg zu noch größeren Unternehmungen.

Obwohl er wegen Dokumentenfälschung und Wirtschaftsvergehen zu Bewährungsstrafen verurteilt wurde, machte er weiter. Er stieg in die Luftfahrt ein: Seine Amber Gold wurde 2011 Besitzer der neuen Billigfluglinie OLT Express. Die Abkürzung OLT kommt von Ostfriesische Lufttransport.

In der Tat gibt es eine Verbindung nach Deutschland. Auf der Internetseite der traditionsreichen ostfriesischen Fluggesellschaft, die heute OFD heißt, war noch am Sonntag zu lesen: "2011 wurde die Sparte Regionalflug an einen polnischen Investor verkauft und wird seither unter dem Namen OLT Express Germany geführt." Allerdings hat Amber Gold die deutsche OLT Express Germany in diesem Monat an die holländische Panta Holdings verkauft.

Die polnische OLT Express bot seit diesem Frühjahr Inlandsflüge an und machte damit der staatlichen LOT Konkurrenz. Im Juli stellte sie jedoch wegen finanzieller Schwierigkeiten ihren Betrieb ein und beantragte Insolvenz.

Plichta behauptete, die Finanzaufsicht, die Fluglinie LOT und weitere Akteure hätten sich gegen ihn "verschworen". Alle Kunden von Amber Gold würden ihre Einlagen zurückbekommen, versprach der Unternehmer damals.

Was wusste Vater Tusk von den Vorgängen?

Inzwischen richten sich die Scheinwerfer aber auch auf die Familie des Regierungschefs. Der 30 Jahre alte Michal Tusk, bis zum April Journalist und Luftfahrtfachmann in der Danziger Redaktion der "Gazeta Wyborcza", galt als unbescholten. Doch bereits im März, vor seinem Abschied von der Zeitung, begann er, für die Öffentlichkeitsarbeit der OLT Express tätig zu werden.

Offenbar hat er sich dabei in seinen überlappenden Loyalitäten kurzzeitig verheddert. Der Chef der Danziger Redaktion distanzierte sich – "nach sieben Jahren fast idealer Zusammenarbeit" – von seinem einstigen Mitarbeiter.

Jetzt stellt sich die Frage, was Vater Tusk von den Vorgängen wusste. Der Regierungschef beteuerte, er habe seinem Sohn geraten, sich von Personen mit problematischer Vergangenheit fernzuhalten. Das warf die Frage auf, ob er – womöglich über den Inlandsgeheimdienst ABW – besondere Kenntnisse hatte.

Tusk konterte, es habe genug frei zugängliche kritische Informationen über die Amber Gold gegeben, er könne nicht die Öffentlichkeit vor jeder Firma warnen, der er persönlich nicht vertraue. Die Boulevardzeitung "Fakt" schrieb jetzt, Tusks Frau und Tochter hätten mehrfach Dienstwagen der Regierung genutzt, der Freund der Tochter sei auf diese Weise zu einer Operation transportiert worden.

Angeblich erhebliche Geldsummen transportiert

Auch die Verbindung von Amber Gold nach Deutschland wird weiter geprüft. Am Sonntag zitierte der Nachrichtensender TVN24 aus einem Ermittlungsplan des Geheimdienstes.

Der ABW vermute, dass mit einem bestimmten Flugzeug "Flüge auf das Gebiet Deutschlands getätigt wurden, wobei angeblich erhebliche Geldsummen transportiert wurden". Im Hintergrund sei eventuell ein weiterer polnischer Geschäftsmann aktiv gewesen, dem Verbindungen zur organisierten Kriminalität nachgesagt werden.

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