16.08.12

Kanada-Reise

Angela Merkel zu Besuch beim kanadischen Querkopf Harper

Stephen Harper hat einen eigenwilligen Blick auf die Dinge – mit Kanzlerin Angela Merkel verbindet ihn trotzdem viel.

Foto: DAPD
Bundeskanzlerin Merkel besucht Kanada
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanadas Premierminister Stephen Harper im Lesesaal der Parlamentsbibliothek in Ottawa

Angela Merkel muss mittlerweile weit fliegen, um Freunde zu treffen. So hätte die Opposition unken können, denn die Kanzlerin besuchte jetzt Kanada. Doch die Opposition unkte nicht, denn sie war nicht dabei. Entgegen den Gepflogenheiten begleitete kein Parlamentarier Merkel auf ihrer kurzen Reise. Sie ist ohne große Eskorte unterwegs, aber mit einer netten Botschaft: "Angesichts vieler Probleme auf der Welt muss man aufpassen, nicht zu vergessen, Freundschaften zu pflegen."

"Nicht auf Pump"

Da ist was dran: Kanada hat seit 1945 viel für Deutschland getan, ist verlässlicher Nato- und guter Handelspartner, für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort. An dieses durchaus positive Kanada-Bild schloss Merkel gleich nach der Landung in Ottawa an. "Der Weg Kanadas – große Haushaltsdisziplin mit sehr großer Konzentration auf Wachstum und Überwindung der Krise und nicht auf Pump zu leben – kann ein Beispiel dafür sein, wie die Probleme angegangen werden", sagte sie gleich nach der Landung.

Haushaltsdisziplin? Nicht auf Pump? Das waren deutliche Signalwörter. Aus der Sprache der Diplomatie übersetzt, bedeuten sie: nicht wie die USA. Denn Merkel ist ja in der Krise nicht nur in die Rolle der Anti-Südländerin in Europa gerutscht, sondern verficht auch ein Gegenprogramm zu den Vereinigten Staaten.

Während Obama mit noch mehr Geld aus der Krise will, setzt Merkel auf Konsolidierung. Mit dieser Bemerkung hatte sie an die dunkle Seite des deutschen Kanada-Bildes angeschlossen: Deutsche, denen die USA zu dominant, zu laut, zu selbstbewusst sind, idealisieren deren Nachbar zu einem besseren Amerika.

Die Realität sieht freilich anders aus. Kanada ist – gestützt auf Reformen, aber auch auf Bodenschätze – reich und selbstbewusst geworden. Sein Ministerpräsident Stephen Harper (59) propagiert die Werte der Familie, harte Verbrechensbekämpfung und radikale Marktwirtschaft. Auch im Auftreten erinnert er eher an einen Republikaner der alten US-Schule. Im deutsch-amerikanischen Glaubenskrieg um die Euro-Rettung hat Harper Kanada auf die Seite der USA gestellt. Das ließ er unmittelbar nach Merkels Ankunft deutlich machen. Während er mit der Kanzlerin Geschenke tauschte (Eishockeytrikot der Berliner Eisbären gegen ein Paddel aus Holz) und ein zweieinhalbstündiges Gespräch im Ferienhaus führte, kritisierte sein Finanzminister Jim Flaherty Europas Umgang mit der Schuldenkrise: "Sie müssen mehr tun."

Keine neuen Milliarden

Vielleicht deshalb fielen die Freundlichkeiten am Tag darauf umso demonstrativer aus. Harper lobte mehrmals die Führungsqualitäten Merkels und erklärte, in der Euro-Krise gehe es nicht darum, eine schnelle, sondern eine nachhaltige Lösung zu finden. Dieser Auftritt wirkte, als sei es Merkel gelungen, Harper ihre Position in der Euro-Krise ein wenig näherzubringen. Auszuschließen ist das nicht. Zumal Merkel überraschend eine neue politische Initiative andeutete: Die Eingriffsrecht der EU-Kommission in überzogene nationale Haushalte, die von ihr beim Fiskalpakt noch nicht durchgesetzt werden könne, stehe "weiter auf der Tagesordnung" sagte sie.

Die beiden Politiker haben eine lange Geschichte miteinander. Im Kollegium der Führer der G-8-Staaten ist der Kanadier der am längsten amtierende– nach Merkel. Er hat schon 2007 auf dem Gipfel in Heiligendamm mit ihr im Strandkorb gesessen – als sie noch die Klimakanzlerin war, die dem damaligen US-Präsidenten abrang, den Kampf gegen die Erderwärmung "ernsthaft zu erwägen". George W. Bush ist Geschichte, Merkel regiert noch, hat aber heute andere Sorgen und die letzte Klimakonferenz geschwänzt. Kanada ist mittlerweile sogar aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen. Wenn Harper etwas nicht einsieht, dann ist nichts zu machen. Zuletzt hat er nicht eingesehen, dass Kanada dem Internationalen Währungsfonds neue Milliarden überweisen soll, weil dieser auch in der Euro-Krise agiert. Das seien doch vor allem Beratungsleistungen, argumentierte Harper. Man sehe nicht ein, Geld für Länder auszugeben, die zu den reichsten der Welt gehörten, sekundierte sein Finanzminister. Von der EU profitieren will er aber schon. Zurzeit verhandelt Kanada ein großes Freihandelsabkommen. Auch bei einem anderen Projekt Merkels, der Einführung einer Finanztransaktionssteuer, ist Harper verlässlich uneinsichtig.

Das nimmt ihm Merkel nicht krumm. Im Gegenteil: Anders als in der Innenpolitik schätzt sie im außenpolitischen Geschäft unabhängige Köpfe. Und so inspiriert sie der Konservative: Seine – etwas robuste – Strategie des Machterhalts hat sie genau beobachtet: Harper hat lange ohne Mehrheit regiert. Als ihm das Parlament dann das Vertrauen entzog, war Harper so populär geworden, dass er bei der Neuwahl eine absolute Mehrheit gewann.

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