16.08.12

Csanad Szegedi

Ungarischer Rechtsextremist entdeckt jüdische Wurzeln

Ein rechtsextremer EU-Abgeordneter steht vor dem Aus nachdem er seine jüdischen Wurzeln entdeckte. Er sei "100-prozentig ungarisch" sagt Szegedi, doch die Jobbik-Partei will sein Mandat zurück.

Foto: DAPD
Csanad Szegedi
Csanad Szegedi feiert hier noch seinen Einzug ins Europäische Parlament. Nun will seine Partei das Mandat zurück

Als aufstrebender junger Politiker der rechtsextremen ungarischen Jobbik-Partei war Csanad Szegedi berüchtigt für seine Hetze gegen Juden: Er beschuldigte sie, das Land aufzukaufen und die Nationalsymbole zu entweihen, ätzte gegen das "Judentum" der politischen Elite. Dann holte ihn eine Enthüllung vom hohen Ross des ultranationalistischen Standartenträgers: Szegedi ist selbst jüdischer Herkunft.

Nach wochenlang im Internet kursierenden Gerüchten räumte Szegedi im Juni ein, dass seine Großeltern mütterlicherseits Juden waren. Nach jüdischem Recht – das sich an der mütterlichen Linie orientiert - ist der im evangelisch-reformierten Glauben erzogene Europaabgeordnete damit ebenfalls Jude. Seitdem ist der 30-Jährige bei Jobbik in Ungnade, seine politische Karriere steht vor dem Aus. Für diesen Bericht interviewen lassen wollte er sich nicht.

Das Drama geht auf ein Gespräch des Politikers mit einem verurteilten Straftäter 2010 zurück, dass dieser heimlich aufgenommen hatte, um es nach eigener Darstellung in einem parteiinternen Machtkampf zu verwenden. Szegedi räumt ein, dass das Gespräch stattgefunden hat, behauptet aber, die Aufnahme sei verfälscht worden. Darin konfrontiert der Ex-Häftling Zoltan Ambrus Szegedi mit Beweisen für dessen jüdische Herkunft. Der Politiker hört sich echt überrascht darüber an und bietet Ambrus Geld und Gefälligkeiten an, damit er den Mund hält.

Jobbik-Partei will EU-Mandat zurück

Unter Druck geraten, gab er vorigen Monat alle Parteiämter und die Jobbik-Mitgliedschaft auf. Die Partei forderte ihn vergangene Woche zudem auf, auch sein Mandat im Europäischen Parlament niederzulegen. Jobbik nimmt nach eigener Darstellung Anstoß an Szegedis Bestechungsversuch, nicht an seinen jüdischen Wurzeln.

Szegedi wurde 2007 als Mitgründer der ultranationalistischen Ungarischen Garde bekannt, deren schwarze Uniformen und gestreifte Flaggen an die gegen Kriegsende regierenden faschistischen Pfeilkreuzler erinnern. Auf deren Konto geht der Tod tausender Juden. Insgesamt wurden im Holocaust 550.000 ungarische Juden umgebracht. Die Garde wurde 2009 gerichtlich verboten.

Szegedi gehörte da schon der Jobbik-Partei an, die 2003 gegründet und bald zur stärksten Kraft der äußersten politischen Rechten wurde. Der Jungpolitiker stieg auf und zog 2009 als einer von drei Jobbik-Abgeordneten ins Europaparlament ein. Da will er auch bleiben. "Wir haben keine andere Wahl, als ihn aufzufordern, sein EU-Mandat zurückzugeben", sagte dagegen Parteichef Gabor Vona. "Jobbik überprüft nicht die Abstammung seiner Mitglieder oder seiner Führung, sondern zieht stattdessen in Betracht, was sie für die Nation getan haben."

Langes Gespräch mit der jüdischen Oma

Szegedi steht mit seiner plötzlichen Erkenntnis nicht allein da. Im Sozialismus war der Holocaust in Ungarn tabu, und viele Überlebende zogen es vor, ihre Erfahrungen für sich zu behalten. Szegedi bekannte sich im Juni in Interviews verschiedener ungarischer Medien zu seiner Herkunft. Nach dem Treffen mit Ambrus habe er lange mit seiner Großmutter gesprochen, die aus der Vergangenheit der orthodox jüdischen Familie erzählt habe. "Erst da ist mir aufgegangen, dass meine Großmutter wirklich jüdisch ist", sagte er dem Sender HIR TV. "Ich fragte sie, wie das mit den Deportationen war. Sie war in Auschwitz und in Dachau, und sie war die einzige Überlebende im weiteren Familienkreis."

Er definiere sich selbst als jemanden mit "Abstammung jüdischer Herkunft – denn ich erkläre mich für 100-prozentig ungarisch". In dem Interview bestritt Szegedi, sich jemals antisemitisch geäußert zu haben. Etliche seiner Reden und Medienauftritte indes belegen etwas anderes. So machte er 2010 im staatlichen Fernsehen für die groß angelegte Privatisierung von Staatseigentum nach dem Ende des Sozialismus "Leute in der ungarischen politischen Führungsschicht" verantwortlich, "die sich in ihrem Judentum abgeschirmt haben". An anderer Stelle zog er über massive Immobilienkäufe her, bei denen Israelis untergebracht werden sollten, oder empörte sich über eine Entweihung von Nationalysmbolen durch jüdische Künstler und Intellektuelle.

Anfang August traf er sich mit Rabbi Schlomo Koves von der orthodoxen Chabad-Lubawitscher Gemeinde. Dabei entschuldigte er sich für Äußerungen, die die Gefühle der jüdischen Gemeinde verletzt haben könnten, und versprach Auschwitz zu besuchen. Koves sprach von einer "schwierigen und seelisch belastenden" Unterredung. Szegedi stecke mitten in einem schwierigen Prozess der Wiedergutmachung, der Selbsterkenntnis und des Lernens, der hoffentlich ein gutes Ende finden werde. "Ob das geschieht oder nicht, liegt zuerst und vor allem an ihm."

Quelle: dapd
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