14.08.12

Syrien

Türkische Stinger-Raketen für die Rebellen?

Ohne moderne Waffen könne man Syriens Diktator Baschar al-Assad nicht besiegen, klagten die Rebellen. Offenbar hat die Freie Syrische Armee nun Zugriff auf türkische Spezialwaffen – mit US-Lizenz.

Foto: REUTERS
Aleppo
Ein Heckenschütze der Freien Syrischen Armee feuert seine Waffe aus einem Fenster in Aleppo ab

Es ist eine Luft-Boden-Version einer MiG 23, die nach einem Angriff eine Schleife dreht, um erneut mit ihrer Bordkanone Stellungen der Freien Syrischen Armee (FSA) zu beschießen. Kaum hat die Maschine zum Tiefflug angesetzt, rattern 14,5-Millimeter-Flakgeschütze. Der Pilot versucht beizudrehen, aber es ist zu spät. Die MiG fängt Feuer und stürzt ab. Die Schützen der FSA rufen: "Gott ist groß! Gott ist groß." Zum ersten Mal gelang es den Rebellen, einen Kampfjet der syrischen Luftwaffe abzuschießen.

Seit die Aufständischen am 20. Juli Teile von Aleppo befreiten, begann das Regime, den Einsatz seiner Kampfflugzeuge landesweit zu intensivieren. Mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung, aber auch für die FSA. In Aleppo mussten die Rebellen den strategisch und für die Revolution symbolisch so wichtigen Stadtteil Salaheddine räumen.

Die FSA steht den Luftangriffen bisher hilflos gegenüber. Sollte sich am militärischen Ungleichgewicht nichts ändern, droht die Rückeroberung Aleppos durch die Regimetruppen von Präsident Baschar al-Assad. Dies würde den seit mittlerweile 18 Monate andauernden Bürgerkrieg auf unbestimmte Zeit verlängern.

Effiziente Waffen gegen Flugzeuge

"Wir brauchen nicht mehr Kämpfer, sondern moderne Waffen", klagte Abu Ali, ein bekannter Bataillonskommandant in Salaheddine. "Nur so gewinnen wir den Krieg in Aleppo und in ganz Syrien", sagte der 25-Jährige, der zur Heldenfigur avancierte. Trotz einer Beinverletzung und auf Krücken dirigiert er seine Kämpfer an der Front.

Auf der Wunschliste der FSA stehen Panzerabwehrraketen, vor allen Dingen jedoch effiziente Waffen gegen Flugzeuge und Helikopter.

Mit dem Beginn der "Mutter aller Schlachten in Aleppo" mehrten sich die Spekulationen über die Lieferung moderner Waffensysteme. Und nun scheint sich tatsächlich etwas getan zu haben.

"Seit langer Zeit arbeiten wir hart daran, das Nötige aus dem Ausland zu bekommen", erklärt Mahmud Scheik-Elsur, einer der einflussreichsten und aktivsten Kräfte innerhalb der FSA. "Und nun ist es so weit. Panzerabwehrwaffen und vor allen Dingen Stinger liegen in der Türkei für uns bereit."

FIM-92 Stinger sind tragbare, infrarot gesteuerte Boden-Luft-Raketen, die von der Schulter abgeschossen werden. Sie finden ihr Ziel automatisch über die Hitzeentwicklung des Objekts. Eine beliebte Waffe auch bei Terroristen, da sie neben Kampfflugzeugen oder Hubschraubern auch Passagiermaschinen vom Himmel holt.

In Afghanistan trugen Stinger entscheidend bei zum Ende der sowjetischen Besatzung (1979 bis 1989). Die afghanischen Rebellen hatten das gleiche Problem wie die FSA in Syrien: hilflos der gegnerischen Luftwaffe ausgeliefert. Die von den USA gelieferten Stinger kippten das militärische Ungleichgewicht zugunsten der Rebellen.

"Sie sind da, wurden bezahlt, Katar hat damit zu tun"

"In Syrien wird es nicht anders sein", glaubt Scheik-Elsur, der im April in sein Heimatland zurückkehrte. Nach 25 Jahren im Exil in den USA, in denen er es als Händler von Bulldozern zum wohlhabenden Geschäftsmann brachte. Der 52-Jährige hat an vielen Gefechten teilgenommen, aber er kämpft gleichzeitig an einer nicht weniger wichtigen anderen Front.

Scheik-Elsur versucht auf diplomatischer wie politischer Ebene Fäden zu ziehen. Leise im Hintergrund, auf der Suche nach Waffen und Geld. "Ach, nach London muss ich bald fahren", sagt er lapidar. "Großbritannien gibt fünf Millionen Pfund und will wissen, an wen es geht und wofür es bestimmt ist."

Woher die Stinger kommen, will der Bulldozer-Verkäufer mit Universitätsabschluss nicht verraten. "Sie sind da, wurden bezahlt, und Katar hat damit zu tun", sagt er geheimnisvoll. Viel mehr braucht der FSA-Mann nicht zu sagen. Die Türkei hat zusammen mit Saudi-Arabien und Katar eine Kommandozentrale in Adana eingerichtet, um die FSA zu unterstützen.

Die Türkei produziert unter US-Lizenz Stinger. Offiziell braucht es das Plazet aus Washington, um sie an Dritte abzugeben. Die Türkei soll im Besitz von insgesamt 850 Stück dieser begehrten Waffe sein.

Türkei drückt sämtliche Augen zu

Im Grenzgebiet zu Syrien drückt die Türkei sämtliche Augen zu. Das Gebiet ist Nachschubbasis und Rückzugsgebiet der FSA. Das türkische Militär gibt sogar Geleitschutz für Waffentransporte. "Zwei, drei Mal die Woche passieren Lkws und Kleintransporter obenhin mit Waffen voll die Grenze", berichtete ein Augenzeuge, der unerkannt bleiben will. "Und das türkische Militär eskortiert den Konvoi."

Sobald Scheik-Elsur über die Haltung westlicher Länder, insbesondere der USA, spricht, gerät er in Rage. "Wie viele Tausende von unschuldigen Zivilisten müssen noch sterben, bis man endlich handelt?" Die offizielle Richtlinie der USA im Syrien-Konflikt besagt: Hilfe für die Rebellen, ja: Und zwar Kommunikationsmittel und technisches Gerät, aber keine "tödliche Unterstützung".

Aufgebracht zeigt Scheik-Elsur auf seinem Laptop eine E-Mail vom syrischen US-Botschafter Robert Ford. "Das ist doch ein Hohn", ruft der FSA-Unterhändler und liest Passagen des Briefes des US-Diplomaten vor: "Wir unterstützen nur eine nicht gewalttätige Opposition."

Den Stinger-Coup habe man im Alleingang eingefädelt, erklärt Scheik-Elsur. "Man kann nicht immer warten und sich auf andere verlassen", betont der 52-Jährige, der aus der Stadt Hama stammt. Die Übergabe der Luftabwehrraketen sei jedoch an Bedingungen geknüpft. Die Lieferanten wollen sichergehen, dass die Stinger nicht in falsche Hände gelangen. Wie damals in Afghanistan: Nach dem Abzug der Sowjetunion mussten die USA sie zu einem Vielfachen des Originalpreises (30.000 Euro) zurückkaufen. Viele der Raketen blieben jedoch verschwunden.

Vertrauenswürdige Strukturen schaffen

"Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden wir eine Übergangsregierung präsentieren", kündigt Scheik-Elsur an. In jeder Stadt werde man zudem einen Militärrat einrichten und eine übergreifende, zentrale Kommandostelle. "Den Oberbefehl wird logischerweise der neue Verteidigungsminister haben", betont Scheik-Elsur. So will man geordnete, vertrauenswürdige Strukturen schaffen.

"Als Regierungsmitglieder kommen nur Leute infrage, die in Syrien vor Ort sind", betont Scheik-Elsur schmunzelnd. Ein Affront und Palastrevolte zugleich: der Syrische Nationalrat sitzt in Istanbul und ist damit ausgeschlossen. Nicht gerade förderlich für eine geeinte Opposition, die im Bürgerkrieg dringend gebraucht würde.

Am Dienstag beschlossen die Außenminister islamischer Länder, Syrien aus der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) zu suspendieren. "Wir stehen auf der Seite des syrischen Volkes", erklärte der tunesische Außenminister Rafiq Abdul Salam auf dem zweitägigen Treffen der Gruppe in Saudi-Arabien. Und in der jordanischen Hauptstadt Amman meldete sich der syrische Premierminister Riyad Farid Hijab zum ersten Mal nach seiner Flucht zu Wort.

"Aufgrund meiner Erfahrung und Position kann ich nur sagen", erklärte der ehemalige Vertraute Aassads, "das Regime ist moralisch, materiell und ökonomisch am Auseinanderfallen."

Assads Militär kontrolliere nur noch 30 Prozent des Landes. In Saudi-Arabien berichtete die Zeitung "al-Watan" unter Berufung auf russische Quellen, dass der jüngere Bruder des syrischen Präsidenten um sein Leben ringe. Maher habe beim Bombenattentat am 18. Juli in Damaskus beide Beine verloren.

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