11.08.12

Patzer im Wahlkampf

Mitt Romney zeigt den "nächsten Präsidenten"

Mitt Romney stolpert bei der Vorstellung seines "running mates" Paul Ryan. Dieser gilt als konservativer Finanz- und Wirtschaftsexperte.

Foto: DAPD
APTOPIX Romney 2012
Brüder im Geiste: Mitt Romney (links) will gemeinsam mit Paul Ryan im November gegen Barack Obama gewinnen

Er stand am Hafenbecken von Norfolk in Virginia, in seinem Rücken dümpelte die "U.S.S. Wisconsin", vor ihm warteten wohl weit über 1000 Menschen, und Mitt Romney verkündete an diesem Sonnabendmorgen (Ortszeit) die Personalie des Monats mit einem peinlichen Patzer:

Paul Ryan, der einflussreiche Haushaltspolitiker im Repräsentantenhaus und "einer der intellektuellen Führungspersönlichkeiten" der Partei, sei der "nächste Präsident" der USA, sagte Romney – um sich gleich darauf lachend zu korrigieren. Nein, Ryan sei natürlich sein "running mate", der Vizepräsidentschaftskandidat.

Der frisch gekürte "VeePee"-Anwärter aus Wisconsin, der das zum Museum umgebaute Schlachtschiff im Hintergrund wie einen eigens arrangierten Willkommensgruß der martialischen Art erscheinen ließ, tauchte umgehend neben Romney auf. Er sei entschlossen, bei der Reform Amerikas zu helfen, versprach der 42-jährige gelernte Marketingexperte den jubelnden Anhängern.

Favorit der Republikaner

Ryan gehörte seit Wochen zu den Favoriten für diese Position. Bereits gegen Mitternacht war die dem Vernehmen nach am 1. August getroffene Entscheidung von mehreren Medien verbreitet worden. Jene "Mitt's VP"-App, die das Team Romney zum Download anempfohlen hatte mit dem Versprechen, dadurch würden sie vor den Journalisten den Namen des "running mate" erfahren, zog erst morgens gegen acht Uhr nach.

Ryans Autorität als Finanz- und Wirtschaftsexperte ist im Kongress unbestritten. Doch gerade diese Fachkompetenz galt auch als sein größtes Handicap. Den nach seinem Autor benannten "Ryan-Plan" mit teilweise radikalen Vorschlägen der Republikaner für Etatkürzungen, Strukturreformen und Schuldenabbau hat Barack Obama als "Sozialdarwinismus" gegeißelt. Ryans Ideen seien "unsozial", so der Präsident.

Zu Ryans polarisierenden Vorschlägen gehören unter anderem Kürzungen der Gesundheitsvorsorge bei Alten und Armen. Eine demokratennahe Organisation produzierte voriges Jahr dazu einen spektakulären Fernsehspot: Ein Mann, nur von hinten zu sehen, aber Ryan erkennbar ähnlich, fährt eine Großmutter im Rollstuhl in die freie Natur.

Die alte Dame freut sich – bis sie realisiert, dass der nette junge Mann sie zur steilen Felsklippe schiebt und dort gnadenlos in die Tiefe stürzt. Der Katholik Ryan, verheiratet und Vater dreier Kinder, bietet den Demokraten, die sich im Wahlkampf als Verteidiger sozialer Sicherungssysteme zu profilieren versuchen, viel Angriffsfläche.

Romney lobte den Ryan-Plan als "wunderbar". Das sei eine Vokabel, die man nicht oft höre, und erst recht nicht, "wenn es darum geht, einen Etat zu beschreiben", mokierte sich Obama im April. Sein Team wird in den knapp drei Monaten bis zur Wahl Romney wegen seiner Nähe zum Ryan-Plan als "abgehoben von den Nöten der einfachen Menschen" zeichnen.

Romney liegt nach pannenreichen Auslandsreise hinter Obama

Der Präsidentschaftskandidat, der kurz nach einer pannenreichen Auslandsreise in den Umfragen hinter Obama zurückliegt, konnte der polarisierenden Wirkung des Ryan-Plans nicht mehr entkommen. Wohl deshalb entschloss er sich, den Plan und seinen Autor zu umarmen. Weil Ryan nun auf dem Ticket fürs Weiße Haus steht, kann er selbst künftig seine Vorschläge verteidigen und erklären.

Der Präsidentschaftskandidat und sein "running mate" ähneln sich. Beide stammen aus wohlhabenden Familien, beide sind smart, auf Effizienz konzentriert und überzeugte Anwälte einer von staatlichen Einflüssen weitgehend befreiten Wirtschaft.

Der dynamische Ryan, der als 16-Jähriger seinen Vater durch eine Herzattacke verlor und dadurch nach seinen eigenen Worten "schnell reifte", verkörpert jenen Typ Nachwuchsmanager, den Romney in seiner einstigen Zeit als Chef der Private-Equity-Firma Bain Capital gern einstellte.

Mangel an Charisma

Ryan verkörpert kein besonderes Angebot für ethnische Minderheiten oder für Frauen. Trotzdem jubelt die Parteibasis über die Entscheidung, und eine hohe Wahlbeteiligung des eigenen Lagers ist für den eher unter einem Mangel an Charisma leidenden Romney derzeit zielführender als die Suche nach zusätzlichen Wählergruppen.

Auch unabhängige Wähler dürften sich angesprochen sehen. Denn so umstritten Ryans Ideen sind, so wissen doch viele Amerikaner, dass radikale Reformen und mutige Schnitte unumgänglich sind, um die katastrophale Verschuldung von fast 16 Billionen Dollar (13 Billionen Euro) in Angriff zu nehmen. Romney hat mit der Entscheidung für Ryan die Flucht nach vorn angetreten.

Der Kandidat der Republikaner begann am Samstag eine Tour durch vier der Staaten, in denen das Rennen zwischen ihm und Obama offen ist: Virginia, North Carolina, Florida und Ohio. Die Demokraten werden vor allem in Florida auf die umstrittenen Kürzungsvorschläge Ryans hinweisen. Der Staat, in dem viele Rentner leben, könnte bei der Wahl am 6. November entscheidend sein.

Quelle: mit rtr
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