06.08.12

Syrien

Rebellen in Aleppo fürchten Assads Elitetruppen

Obwohl Assads Premier Riad Hischab sich ins Ausland abgesetzt hat, ist das syrische Regime noch nicht am Ende. Panzer und Militärkolonnen sollen auf dem Weg in die umkämpfte Stadt Aleppo sein.

Foto: REUTERS
Aleppo
Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee flüchtet vor einer Explosion in Aleppo

"Wir brauchen keine kugelsicheren Westen", sagen Deib und Mahmud überzeugt und klopfen sich beide auf die Brust. "Gott beschützt uns." Vor dem Tod haben sie keine Angst und zeigen lachend mit dem Finger in Richtung Himmel. "Wir gehen zu Allah ins Paradies."

Sie sind gerade aus Aleppo gekommen. Mit "Märtyrer, überall Märtyrer" beschreiben sie auf ihre Art die Situation in der seit mehr als zwei Wochen umkämpften Stadt. Besonders viele Tote soll es wieder einmal in Salaheddin gegeben haben. Das ist der Stadtteil im Südwesten Aleppos, in dem sich die Stellungen der Rebellen konzentrieren. Salaheddin wird von der syrischen Armee als Zugangsportal zur Rückeroberung der Stadt gesehen. Seit Beginn ihrer Offensive am 20. Juli versuchen die Regierungstruppen, dort durchzubrechen. Bisher aber noch ohne Erfolg.

"Wir schneiden Präsident Baschar al-Assad den Kopf ab", erklärt der 25-jährige Rebell Deib mit freudestrahlender Zuversicht. "Wie wir es am großen Opferfest mit den Schafen machen", fügt Mahmud nicht minder grinsend hinzu und fährt sich mit der Hand quer über den Hals.

Bis das Regime zu Fall kommt, scheint es aber noch ein langer Weg zu sein. Selbst wenn es erste Auflösungserscheinungen in der obersten Führungsriege in der Hauptstadt Damaskus gibt: Premierminister Riad Hidschab flüchtete am Montag ins Nachbarland Jordanien. Der Syrische Nationalrat (SNC) begrüßte die Entscheidung des Premiers. "Für uns ist der Rücktritt moralisch gerechtfertigt und in dieser historischen Stunde eine Verpflichtung."

Am Montagabend dementierte das russische Innenministerium die Meldung, es habe per Twitter über Assads Gesundheitszustand spekuliert. In dem Tweet war angedeutet worden, Assad sei möglicherweise tot. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte am Montag, ihm sei nichts von einem Twitter-Account auf den Namen des Innenministers bekannt. In dem Tweet war als Quelle für die Nachricht der russische Botschafter in Damaskus genannt worden. Die Botschaft wollte keine Stellungnahme abgeben.

Eliteeinheiten sind regierungstreu

Im syrischen Militärapparat sind jedoch noch keine Risse bemerkbar. Nach wie vor versucht man mit unglaublicher Beharrlichkeit und brutaler Härte, die Rebellion niederzuschlagen. Die Befehlsstrukturen der auf insgesamt 300.000 Mann geschätzten Streitkräfte funktionieren noch.

Nicht zuletzt, weil entscheidende Führungspositionen auf allen Ebenen von Alawiten besetzt sind. Eine schiitische Sekte des Islam, zu der auch Präsident Assad gehört. In Syrien sind die Alawiten, neben den Christen, eine religiöse Minderheit, bilden aber politisch, militärisch sowie ökonomisch die Führungselite des Landes. Etwas, das der sunnitischen Mehrheit stets ein Dorn im Auge war. Nicht umsonst besteht die Freie Syrische Armee (FSA) zum überwiegenden Teil aus Sunniten.

Besondere Bedeutung innerhalb der Armee kommt den Eliteeinheiten zu. Sie sind absolut regierungstreu. Dazu gehört auch die Vierte Division unter dem Kommando von Maher Assad, dem jüngeren Bruder des Präsidenten. Sie hat im vergangenen Monat den Aufstand der Rebellen im Zentrum von Damaskus binnen weniger Tage brutal niedergeschlagen. Ein Teil dieser Division soll auf dem Weg nach Aleppo sein. Zwei Militärkolonnen sollen sich noch auf dem Weg in die mit 2,5 Millionen Einwohnern größte syrische Stadt im Norden des Landes befinden, darunter zahlreiche Panzer.

Offenbar 20.000 Soldaten als Verstärkung

"Kämpfer der FSA greifen den Militärkonvoi in Idlib an", versicherte Mohammed Said, ein Sprecher des Revolutionskomitees von Aleppo. Die Stadt liegt 60 Kilometer südlich der umkämpften Industriemetropole. In Idlib wird ebenfalls seit Monaten gekämpft, aber die umliegende Region ist von der FSA befreites Gebiet. Auf der Autobahn Richtung Aleppo, die der Militärkonvoi der syrischen Armee passieren muss, haben die Rebellen mehrere Checkpoints und Stellungen eingerichtet. Damit kann die Kolonne der Regimetruppen nicht aufgehalten, aber zumindest verzögert werden.

"Die Armee ist in Aleppo in Position und wartet nur auf ihren Einsatzbefehl für die große Offensive", behauptete ein hoher Regierungsbeamter in Damaskus. Insgesamt 20.000 Soldaten soll Damaskus als Verstärkung nach Aleppo geschickt haben. Ein realistisches Ziel könnte es sein, die Stadt einzukreisen, von der Außenwelt abzuschneiden und so den Nachschub für die FSA zu verhindern. Wie bereits Anfang dieses Jahres in Homs geschehen, könnte ein wochenlanger Artilleriebeschuss folgen, bevor Bodentruppen einrücken.

Rund um Aleppo sind noch einige Militärbasen und Flughäfen unter der Kontrolle der syrischen Armee. Dort sind mehrere Divisionen mit Panzern und schwerer Artillerie stationiert. Sie sind kleine Regierungsinseln in den FSA-Gebieten und werden von den Rebellen nur sporadisch angegriffen. Aber jederzeit können die Soldaten ausrücken oder mit dem Beschuss der umliegenden Region beginnen.

Schwere Gefechte

In Aleppo ging der Angriff am Montag mit unverminderter Härte weiter. Betroffen waren die Stadtteile Salaheddin, Sukari, Hamdanieh, Ansari und al-Azemieh. Über vier Stunden fanden schwere Gefechte rund um das Stadtzentrum statt. Betroffen waren auch der Präsidentenpalast und das Justizgebäude. Die Zitadelle in der Altstadt soll von der FSA umzingelt sein.

"Nachdem es dem Regime nicht gelungen ist, die Rebellen in die Knie zu zwingen", gab der SNC bekannt, "bombardiert man nun ehemalige Regierungsgebäude." Einige davon hätten einen hohen historischen wie archäologischen Wert. Aleppos Altstadt wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt.

Besondere Probleme bereitet die syrische Luftwaffe. "Das Surren der Kampfflugzeuge hört nicht auf", berichtete Bashir Hadsch, ein Sprecher einer FSA-Brigade in Aleppo. "Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, und so Gott will, werden wir siegreich sein."

Nachdem die Kommandozentren der FSA in Aleppo lange Zeit nicht bombardiert wurden, kamen auch sie später unter Beschuss. Sie wurden daraufhin evakuiert. Aber auch die Rebellen erzielten Treffer. Eine MiG sei durch ein Flak-Geschütz angeschossen worden und brennend zum Stützpunkt zurückgekehrt.

Aber ohne moderne Flugabwehrraketen stehen die Rebellen auf verlorenem Posten. In Salaheddin müssen die Rebellen durch die Bombardierung aus der Luft täglich hohe Verluste hinnehmen. Hinzu kommt der Beschuss durch Panzer. Sie fahren nicht mehr nach Salaheddin hinein, da sie in den engen Straßen kaum manövrierfähig sind und die Armee schon einige Panzer verloren hat. Stattdessen beschießen sie das Viertel nun von außerhalb, aus sicherer Entfernung.

Gegenüber den syrischen Truppen stehen die Rebellen auf verlorenem Posten, auch wenn sich die Zahl ihrer Kämpfer nach ihren eigenen Angaben um 4000 auf nun 8000 erhöht haben soll.

Quelle: mit Reuters
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