01.08.12

Tschechien

Schweinefarm blockiert Mahnmal für Sinti und Roma

Premier Necas erklärt kurz vor dem Gedenktag für ermordete Sinti und Roma, man habe kein Geld für ein Mahnmal. Dass Tschechen ein Konzentrationslager in Lety betrieben, ist bis heute ein Tabu.

Foto: Tomas_Novak
Eintätowierte Nummer einer ehemaligen KZ-Insassin
Eine Überlebende der KZs Lety und Auschwitz zeigt die eintätowierte Nummer auf ihrem Unterarm

Sie hatten nichts anderes erwartet, die wenigen politisch engagierten Roma in Tschechien. Dennoch hinterlässt die Absage von Premier Petr Necas so kurz vor dem 2. August bei ihnen Bitterkeit. Jenes Datum bleibt für das Minderheitenvolk in ganz Europa unauslöschlich. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden in Auschwitz die letzten 2900 Sinti und Roma, die bis dahin überlebt hatten, in die Gaskammern getrieben. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten vermutlich eine halbe Million von ihnen.

Kurz vor diesem furchtbaren Jahrestag nun verkündete Necas, dass es auch unter seiner bürgerlichen Regierung keine Lösung für ein würdiges Gedenken an das Schicksal der Inhaftierten im früheren Roma-Konzentrationslager in Lety geben wird.

Der Staat habe kein Geld, um die dort in den 70er-Jahren unter den Kommunisten errichtete Schweinefarm an einen anderen Ort zu verlegen. Nur unter der Voraussetzung, dass die Mastanlage dort verschwinde, sei ein würdiges Gedenken möglich. Etliche Regierungen in Tschechien, linke wie bürgerliche, haben Änderung versprochen, aber am Ende nichts getan. Und das nicht nur wegen fehlenden Geldes.

Lety ist ein Pfahl im Fleisch der Tschechen. Er kratzt empfindlich am Mythos, sie seien immer nur Opfer gewesen. Das Konzentrationslager wurde – mit Billigung durch den deutschen "Reichsprotektor" – von ausschließlich tschechischen Mannschaften betrieben. Tschechen als Täter – das ist ein Tabu. Ein solches Tabu, dass 2005 bei der Verabschiedung einer Resolution des Europaparlaments an die Adresse Prags zur Errichtung einer Gedenkstätte die Gegenstimmen nur von tschechischen Bürgerdemokraten und einem Kommunisten kamen.

"Lediglich ein Sammellager für Arbeitsunwillige"

Präsident Václav Klaus entgegnete erbost, die EU-Abgeordneten hätten keine Ahnung, was damals in Lety tatsächlich passiert sei. In Lety habe es "kein Konzentrationslager im traditionellen Sinne" gegeben, sondern "lediglich ein Sammellager für Arbeitsunwillige". Die meisten Opfer seien dort an Typhus gestorben.

Über diese Auslassungen des Präsidenten äußerte sich seinerzeit der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, entsetzt: Klaus gehe zynisch mit Völkermordverbrechen um und verfälsche historische Tatsachen. 326 Opfer hat das KZ offiziell gefordert, 245 davon waren Kinder, die die unmenschlichen Haftbedingungen nicht überlebten. Von März 1943 an wurden zudem etwa 1300 Häftlinge aus Lety nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ins Gas geschickt. Die Zahlen sind strittig. So gab es die Anweisung, jeden Tag in Lety maximal zwei Todesfälle zu dokumentieren.

Richtig problematisch wurden Klaus' Aussagen, als sich ein Jahr darauf eine tschechische rechtsextreme Partei auf sie berief und in Lety einen Gedenkstein für "tschechische Opfer" einweihte, der das Leid der Roma an dieser Stelle vergessen machen sollte. Václav Havel hielt damals seinem Nachfolger Klaus vor, am Verhalten der Rechtsextremen eine Mitschuld zu tragen.

Die Schweinefarm steht noch immer

Besagten Gedenkstein ließ die Gemeinde später entfernen. Aber die Schweinefarm steht dort noch immer. Roma-Aktivist Cenek Ruzicka, der sich jahrelang dafür einsetzte, dass sich nicht länger Schweine dort suhlen sollen, wo einst Menschen gequält wurden, hat mittlerweile resigniert: "Die Schweinemast dort wird nie verlegt." Die tschechische Gesellschaft wolle nichts davon wissen, sagte er der "Landeszeitung Prag".

Ruzicka zufolge ist der Fall aber auch unter den Roma heftig umstritten. Es gebe viele, die sich um die Vergangenheit nicht scherten und vom Staat forderten, sich lieber mehr um die heute in Tschechien lebenden Roma zu kümmern. Da hätte der Staat in der Tat eine Menge zu tun. Roma leben am Rande der Gesellschaft, haben geringe Bildungschancen, kaum eine Aussicht auf Arbeit, gelten den meisten Tschechen per se als kriminell. Glaubt man den Umfragen zu diesem Thema, werden die Roma immer unbeliebter.

Sächsische SPD-Abgeordnete wollen helfen

Womöglich gibt es aber doch noch eine Möglichkeit, den geschundenen und ermordeten Roma von Lety Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die über die deutsch-tschechische Grenze hinaus aktive SPD-Arbeitsgemeinschaft Elbe/Labe hat die sächsischen Abgeordneten aller im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien aufgerufen, aktiv zu werden.

Gemeinsam mit der tschechischen Regierung müsse ein Finanzierungskonzept entwickelt werden, um die Verlagerung der Schweinemastanlage zu ermöglichen. Der zuständige SPD-Koordinator Klaus Fiedler sagt: "Wenn heute die wenigen Gedenkstätten, die an die Ermordung der Roma und Sinti erinnern, nichterhalten und unterstützt werden, dann ist das völlig inakzeptabel."

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