28.07.12

Syrien

Assad will sich die Loyalität der Kurden erkaufen

Während der Kampf um Aleppo tobt, verhandelt Präsident Assad offenbar über eine Autonomie mit den Kurden. Das ruft die Türkei auf den Plan: "Wir können keine Zuschauer mehr bleiben", warnt Erdogan.

Foto: DPA
Protest against Syrian President Bashar al Assad in Istanbul
Anti-Assad-Protest in der Türkei

Die Einwohner der nordsyrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo werden durch intensives Artilleriefeuer geweckt. Ohne Pause schlagen die Granaten in jene Stadtteile ein, die von der Freien Syrischen Armee (FSA) besetzt sind. Danach fliegen Kampfhubschrauber der syrischen Armee Raketenangriffe, um den Vormarsch der Panzer zu decken. Sie rollen in die südwestlich gelegenen Stadteile von Hamdanieh und Salaheddine, wo die meisten Kämpfer der FSA sich verschanzt haben. Rauchwolken über der größten Stadt Syriens zeugen von heftigen Gefechten. Es gibt viele Tote und Verletzte. Das Regime will eine Vorentscheidung im Bürgerkrieg erzwingen. Aleppo soll zum Fanal werden für die Überlegenheit und den bevorstehenden Sieg der syrischen Armee.

Doch die Rebellen in Aleppo sind zu allem entschlossen. Sie wollen diese wichtige Stadt halten und zur Basis ihres Feldzuges gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad machen. Ein Notruf ergeht an die Ärzte der Stadt, möglichst schnell und zahlreich nach Salaheddine zu kommen.

Die improvisierten Lazarette in Kellern und Wohnungen scheinen überlastet zu sein, obwohl die Rebellen seit Wochen neben Munition auch Medikamente und medizinisches Equipment in die Stadt geschmuggelt haben. "Es sind die heftigsten Kämpfe seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor 17 Monaten", behauptet das Syrische Observatorium für Menschenrechte.

10.000 Soldaten gegen 4000 Rebellen

Die erste Angriffswelle konnten die Rebellen offenbar zurückschlagen. Im Internet ist ein Video zu sehen, offenbar aus der Perspektive eines Scharfschützen der Rebellen: ein zerstörter Panzer. Mehrere Soldaten liegen leblos auf der Straße. Aleppo gleicht einer Geisterstadt. Die Einwohner fliehen, wenn sie können. In Autos oder auf Lkws. Diejenigen, die bleiben, finden etwas Schutz in Schulen, Moscheen oder Kirchen.

"Ich bitte die syrische Regierung dringend, ihre Offensive zu stoppen", sagte der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. "Die Gewalt von beiden Seiten muss aufhören, im Namen der leidenden Zivilbevölkerung Syriens." Ein Aufruf, der weder beim Regime noch bei den Rebellen Gehör findet. Beide Kriegsparteien wollen in Aleppo "die Mutter aller Schlachten" schlagen. Beide Seiten wähnen sich als Sieger des Bürgerkriegs, wenn nur die Schlacht um Aleppo gewonnen wird.

Es ist ein ungleicher Kampf: 10.000 Regierungssoldaten, darunter Eliteeinheiten der Armee mit schwerer Artillerie, Panzern und Luftunterstützung, stehen rund 4000 Rebellen gegenüber, die mit Kalaschnikows, Scharfschützengewehren sowie Panzerabwehrraketen ausgerüstet sind. Aleppo auf Dauer gegen solche Übermacht zu halten, scheint unmöglich. Die Stimmung der Rebellenkämpfer in Aleppo wechselt zwischen Euphorie und Verzweiflung. Die Kommandeure der FSA sind realistisch.

Sie wissen, dass ihre Munition endlich und die militärische Übermacht des Gegners erdrückend ist. "Wir wollen es nicht hoffen, aber die Möglichkeit besteht", gab einer zu, "dass das Gleiche wie in Homs passiert." Diese Stadt nördlich von Damaskus musste die FSA nach drei Monaten unter schweren Verlusten und vielen Toten auch in der Zivilbevölkerung aufgeben.

Erdogan fordert Eingreifen

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan forderte während seines Besuches in Großbritannien die internationale Gemeinschaft auf, endlich etwas zu tun. Man könne "nicht mehr Zuschauer bleiben" angesichts der Offensive der syrischen Truppen auf Aleppo.

Nach einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen David Cameron forderte Erdogan, dass der UN-Sicherheitsrat, die Organisation Islamischer Kooperation (OIC) und die Arabische Liga eingreifen müssten, um diese "widerwärtige Situation zu beenden".

Die Türkei ist bereits seit über einem Jahr aktiv. Sie lässt die FSA im Grenzgebiet völlig ungehindert agieren und unterstützt den Waffenschmuggel nach Syrien. In Adana wurde eine neue geheime Kommandozentrale eingerichtet, von der aus der Krieg gegen das Assad-Regime koordiniert wird – unter Mithilfe von Saudi-Arabien und Katar, die die Rebellen finanziell und mit Waffen unterstützen.

Für die Türkei steht im Syrien-Konflikt viel auf dem Spiel. Assad hat den Kurden im Norden des Landes Autonomie versprochen. Er will sich damit ihre Loyalität erkaufen. Erdogan hat klargemacht, dass sein Land das nicht dulden werde und im Falle von "Provokationen an der Grenze" auf das "natürliche Recht" der Türkei verwiesen, zu intervenieren.

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