Mladic-Prozess
"Die Alten wurden bei lebendigem Leibe verbrannt"
Zum ersten Mal wird der "Schlächter vom Balkan", Ratko Mladic, vor dem Jugoslawien-Tribunal mit Opfern konfrontiert. Elvedin Pasic überlebte als Kind ein Massaker im Norden Bosniens.
Der Frühsommer 1992 war eine glückliche Zeit für Elvedin Pasic. Er war fast 14 Jahre alt, im siebten Schuljahr und freute sich auf die Ferien. "In meiner Klasse waren Serben, Kroaten, Muslime, wir waren Freunde. Wir spielten zusammen Fußball, wir hatten Spaß." Pasic lebte in Hrvacani, einem muslimischen Dorf nordwestlich von Sarajevo.
Das Leben war in Ordnung. Bis Elvedin eines Tages Militärkonvois entdeckte: "Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Panzer und viele Soldaten", so erinnert er sich heute, etwa 20 Jahre später, im Zeugenstand des Internationalen Jugoslawien-Tribunals in Den Haag.
Der Befehlshaber jener Soldaten sitzt jetzt nur wenige Meter von Elvedin entfernt im Gerichtssaal 1. Ratko Mladic lehnt in seinem Sessel, aufmerksam hört er dem ersten Zeugen der Anklage zu, der an diesem Montagnachmittag aussagt.
450 weitere Frauen und Männer sollen in Den Haag zu Wort kommen, um nachzuweisen, dass Mladic verantwortlich ist für die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem aber für Völkermord.
Er weiß nicht, was mit seinem Vater geschah
Elvedin Pasic ist mittlerweile 34 Jahre alt und lebt in den USA. Die Erinnerungen an damals verfolgen den hochgewachsenen Mann noch immer. Denn vor den Truppen, die er damals sah floh seine Familie. Monatelang irrte sie in Bosnien umher, und glaubte im Dorf Grabovica eine Zuflucht gefunden zu haben, als das Massaker begann.
"Ich träume so oft von dieser Hand, die aus dem zweiten Stockwerk winkte, als unser Bus anfuhr." Vielleicht war es der letzte Gruß seines Vaters, vielleicht war es ein anderer der Männer, die die Serben in einer Schule eingepfercht hatten.
Pasic weiß nicht, was mit seinem Vater und seinen Onkeln geschah. Aber Berichte des bosnisch-serbischen Militärs belegen, dass 200 bosnische Muslime damals Anfang November 1992 aus Rache für den Tod eines serbischen Soldaten massakriert wurden.
Mladic hört den Schilderungen mit unbeweglicher Miene zu. Der frühere Militärchef der bosnischen Serben trägt einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine gemusterte Krawatte. Auf dem Tisch vor sich hat er seinen schwarzen Plastikaktenkoffer deponiert, darauf einen ganzen Berg Dokumente. Es sieht aus, als habe sich Mladic in seinen eigenen Schützengraben auf der linken Seite des Gerichtsaals verbarrikadiert.
Der Zeuge Pasic sitzt in der Mitte des Saals, immer wieder versagt ihm die Stimme. Tränen rinnen über seine Wangen, zwei Mal lässt der Vorsitzende Richter Alphons Orie eine Pause einlegen.
"Die Nachbarn begannen Gräben auszuheben"
"Wir wussten, dass im Frühsommer 1992 irgendetwas passierte", sagt Pasic. "Die serbischen Nachbarn begannen Gräben auszuheben. Unsere Dorfvorsitzenden gingen zu ihnen und fragten was los sei. Man sagte ihnen, es gebe keinen Grund zur Sorge."
Der Bürgerkrieg, so wie es der muslimische Junge Elvedin erlebte, kam ohne jede Vorwarnung über das Land. "Erst als der Imam in der Moschee sagte, wir sollten für Bayram, das Zuckerfest, keine Luftschüsse machen, weil die Lage angespannt sei", habe er verstanden, dass sich etwas Grundlegend verändert hatte.
Wenige Tage nach Bayram griffen die Serben Hrvacani an. Mit seiner Mutter suchte Elvedin Schutz im Keller des Nachbarn. "Es hatte alles etwas Surreales – der Boden bebte, der Lärm war ohrenbetäubend." Aus Megaphonen schallte die Ankündigung der bosnischen Serben: "Bereitet schon einmal den Kaffee für uns vor, wir werden bald bei euch sein!", erinnert sich Pasic.
Die Familie entschloss sich zur Flucht, die Monate dauern sollte. Sie harrten in der Umgebung aus, vorübergehend aufgenommen von Kroaten, die deshalb um ihre eigene Sicherheit fürchten mussten. Nur einmal, im Hochsommer, wagte Elvedin mit seiner Mutter die Rückkehr nach Hause.
Kurz vor dem Dorf hielten sie serbische Soldaten auf: "Hier gibt es nichts mehr, ihr könnt nirgendwo hin – außer in die Türkei!" Trotzdem setzten Sohn und Mutter ihren Weg fort. Vielleicht hätten sie ihn sich ersparen sollen.
"Da war nichts mehr. Alles verbrannt"
"Ich lief über den Hügel um mein Haus zu sehen. Aber da war nichts mehr. Alles verbrannt. Meinen Hund hatten sie erschossen. Alles war weg." Fünf Alte, die in Hrvacani zurückbleiben wollten, waren tot. "Bei lebendigem Leibe verbrannt. Nur einen hatten sie erschossen".
Der Befehlshaber wippt weiter auf seinem Stuhl, ab und an wischt Mladic mit einem Taschentuch über Wangen und Mund. Mit einem pinkfarbenen Textmarker streicht er Stellen in einem seiner zahllosen Papiere an.
Als Pasic von dem Moment erzählt, als seine Eltern voneinander Abschied nehmen müssen, hält er inne, tippt mit dem Brillengestell auf seine Lippen und fixiert den Zeugen.
"Mein Vater sagte zu meiner Mutter: ,Wenn ich jemals in unserer Ehe etwas falsch gemacht habe, dann verzeih' mir jetzt bitte. Ich wollte dir niemals wehtun.' Meine Mutter stieß ihn von sich, ,Sag' so etwas nicht, du wirst überleben!'"
Sie sollte ihren Mann nie wiedersehen. Elvedin floh in derselben Nacht gemeinsam mit seinem Vater, aber sie gerieten schon wenige Stunden später in einen Hinterhalt. Die serbisch-bosnischen Truppen brachten zuerst die Jungen, Frauen und Mädchen nach Grabovica.
In der Nacht kamen Militärlastwagen mit den Männern hinterher, sie wurden im Stockwerk über dem Klassenraum eingepfercht, in dem Elvedin war. "Ich habe mich nicht getraut, noch einmal zu ihm zu gehen, so wie andere ihre Angehörigen aufsuchten. Ich hatte solche Angst. Heute wünschte ich, ich hätte es getan." Er sollte seinen Vater nie mehr wiedersehen.















