01.07.12

Nachruf

Itzchak Schamir war kein Mann des Kompromisses

Der wenig charismatische Itzchak Schamir stolperte eher zufällig in die israelische Politik und war sechs Jahre lang Premierminister. Nun ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

Foto: DPA
Früherer israelischer Ministerpräsident Schamir mit 96 gestorben
Der frühere israelische Premierminister Izchak Schamir, aufgenommen am19.09.1991 in Pizgat Zeev. Schamir ist nach längerer Krankheit im Alter von 96 Jahren in Tel Aviv gestorben

Niemand spricht gern schlecht über Verstorbene, und vielleicht wäre es dem am Samstagabend in einem Pflegeheim nach langer Krankheit gestorbenen ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Itzchak Schamir eine besondere Genugtuung gewesen, all die freundlichen Worte seiner ehemaligen Erzfeinde zu hören. Ausgerechnet Präsident Schimon Peres, der als Schamirs Regierungspartner vor zwanzig Jahren kein ein einziges freundliches Wort über den Likud-Chef fand, sprach plötzlich von einem "mutigen Kämpfer für Israel", der seinem Land "Jahrzehnte lang mit äußerstem Engagement" gedient habe.

Vielleicht aber wäre es dem kleinen Mann auch etwas unangenehm gewesen. Wohltönende Worte, große Gesten – das war noch nie etwas für den 1915 in Belorussland geborenen Itzchak Jezernitsky gewesen. Schon früh trat er der zionistischen Betar-Bewegung bei und brach sein Jura-Studium in Warschau ab, um 1935 nach Palästina auszuwandern. Seine Eltern und zwei Schwestern blieben in Europa und wurden im Holocaust ermordet.

Tiefes Misstrauen gegen Araber

Schamir aber kämpfte in Palästina für einen unabhängigen jüdischen Staat. Tagsüber arbeitete er als Rechnungsprüfer, bei Nacht führte er Sabotageaktionen gegen die britische Mandatsmacht durch. Nach seiner ersten Festnahme gelang ihm die Flucht. Schamir wurde zu einem der Anführer der Untergrundorganisation Lehi und genehmigte unter anderem die Morde am Nahost-Gesandten der Vereinten Nationen, Graf Folke Bernadotte, und am britischen Nahostminister, Lord Moyne.

Wieder wurde er festgenommen, dieses Mal nach Eritrea verbannt – erneut gelang ihm die Flucht und die Rückkehr nach Israel. Von 1955 bis 1965 war er beim Auslandsgeheimdienst Mossad und erst 1973 wurde er zum ersten Mal in die Knesset gewählt.

1977 machte der erste Ministerpräsident der rechten Likud-Partei, Menachem Begin, ihm zum Knesset-Sprecher, drei Jahre später wurde Schamir Außenminister. Er war die dritte Wahl. Als Begin zwei Jahre später das Amt aufgab, übernahm der ebenso wortkarge wie wenig charismatische Schamir die Amtsgeschäfte. Niemand hätte gedacht, dass dieser fast zufällig ins Amt gestolperte Mann das Land – mit einer Unterbrechung – immerhin sechs Jahre lang regieren würde.

Schamir war kein Mann des Kompromisses. Er war von einem tiefen Misstrauen gegen die Araber geprägt, sogar bei der Abstimmung über den von Begin ausgehandelten Friedensvertrag mit Ägypten enthielt er sich der Stimme. Der Einladung zur Friedenskonferenz in Madrid im Oktober 1991 folge Schamir nur unwillig, mit der Formel "Land für Frieden" konnte er nichts anfangen. Das lag nicht nur an einer im Nachhinein durchaus berechtigt scheinenden Skepsis an der Ernsthaftigkeit der PLO-Führung um Jassir Arafat, sondern vielmehr an seiner ideologisch verankerten Überzeugung, keinen Zentimeter der bisher eroberten Ländereien aufgeben zu wollen.

Mäßigung nur als Taktik

Wenige Tage nach seiner Wahlniederlage gegen Itzchak Rabin 1992 gab er der Zeitung "Maariv" ein offenherziges Interview: Der zentrale Punkt der Likud-Ideologe sei das Land Israel und in dieser Frage könne es keinen Kompromiss geben. Mäßigung sei ein taktisches Mittel, aber niemals das Ziel. Und nach dieser Maxime habe er als Premier immer gehandelt, ohne wirklich ernsthafte Zugeständnisse gemacht zu haben.

Am meisten aber schmerze ihn, dass er in den kommenden Jahren die Siedlungsaktivitäten im Westjordanland nicht vorantreiben könne, um die "demographische Revolution" zu vollenden. Er jedenfalls hätte die Gespräche über eine palästinensische Teilautonmie über zehn Jahre ausgedehnt: "In der Zwischenzeit hätten wir eine halbe Millionen Menschen nach Judäa und Samarien gebracht."

Die Gefahr der Gründung eines Palästinenserstaates wäre so gebannt gewesen. Heute ist klar, wie sehr Schamir sich geirrt hat. Es hat zwanzig und nicht zehn Jahre gedauert, aber im Westjordanland und in jenen Teilen von Jerusalem, die einst zum Westjordanland gehörten, leben heute tatsächlich eine halbe Millionen Juden.

Lange Liste von Fehlentscheidungen

Die Liste seiner Fehlentscheidungen ist lang: Das von seinem Außenminister Schimon Peres ausgehandelte Londoner Abkommen ließ Schamir aus Angst vor jeglichen territorialen Zugeständnissen platzen und machte damit wohl die letzte Möglichkeit zunichte, eine Lösung des Nahostkonfliktes mit direkter jordanischer Beteiligung zu erreichen.

Und während Peres der Überzeugung war, die Glasnost-Bewegung werde die sowjetischen Juden zum Bleiben bewegen, war Schamir von der bevorstehenden Masseneinwanderung überzeugt. Heute leben 1,2 Millionen Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Israel.

Es ist ein Glück für die Zukunft des Friedensprozess, dass Schamir seinen Plan nicht umsetzen konnte, die Neuankömmlinge alle in Siedlungen im Westjordanland anzusiedeln.

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