26.06.12

Kanzlerin als Fußballfan

Merkel und das "hässliche Problem" Janukowitsch

Bei einem Finale mit deutscher Beteiligung will Merkel in Kiew sein – trotz Präsenz des ukrainischen Autokraten Janukowitsch. Schon 1974 besuchte die damalige Studentin eine brisante Fußballpartie.

Foto: DPA

Beobachtungen beim EM-Viertelfinale gegen Griechenland: Angela Merkels Spitzname "Mutti" wurde von diesem Fan mit seinem Plakat aufgegriffen.

23 Bilder

Angela Merkel geht nicht nur zum Fußball, um sich beim Jubeln über die deutsche Nationalmannschaft filmen zu lassen. Am 29. Mai 1974 etwa sah eine damals noch Angela Kasner heißende Studentin der Physik im Leipziger Zentralstadion gemeinsam mit 100.000 anderen Zuschauern ein 1:1 gegen England.

Sie wurde dabei nicht gefilmt – was vielleicht auch besser war. Denn man darf begründet vermuten, dass die 19-jährige Studentin mit kirchlichem Familienhintergrund nicht das 1:0 für die DDR durch Joachim Streich in der 66. Minute bejubelte, sondern den Ausgleich der Engländer zwei Minuten später.

In einem Interview vor vielen Jahren hat Merkel einmal angedeutet, dass sie selbst beim legendären "Sparwasser-Tor", dem Siegtreffer der DDR gegen die BRD im gleichen Jahr, "nicht so glücklich" war. Merkel schwärmte damals für den Westen – nicht so sehr für Westdeutschland. Ein Idol ihrer Jugend war nicht der Bayer Franz Beckenbauer, sondern der Niederländer Johan Cruyff.

Lang ist das her: Heute gibt es nur noch eine deutsche Fußballnationalmannschaft, und das Land scheint nur noch aus Fans zu bestehen – die Kanzlerin vorneweg. Ihr Jubel auf der Tribüne ist längst Kult, sie wirkt eingerahmt von Funktionären mit Krawatten geradezu authentisch und ihre Bewegungen niedlich.

Eigenes Merkel-Emoticon

Auf Twitter kursiert gar ein eigenes "Jubel-Merkel-Emoticon". Merkel hat erkennbar Spaß in dieser Rolle. Während der Fraktionssitzung am Dienstag brachte sie ihre Parlamentarier zum Lachen, als sie sagte: "Wir können in Europa nicht nach dem Fußballspruch verfahren: 'Haste' Scheiße am Fuß, haste' Scheiße am Fuß'".

Wirklich wertvoll für Merkel sind freilich die Fernsehbilder – zumal in Zeiten, in denen die Kanzlerin nicht nur im Ausland immer öfter als erbarmungslose Chefin eines Europas dargestellt wird, das an den Ärmsten und Jüngsten spart.

Um beim Viertelfinale dabei zu sein, ließ Merkel sogar ein wichtiges Treffen mit den Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Italien und Spanien vorverlegen. Beim Halbfinale am Donnerstag geht das nicht: Da tagt der EU-Rat in Brüssel.

Und beim Finale – so die deutsche Mannschaft es erreicht – gibt es ein hässliches Problem. Es heißt Viktor Janukowitsch, regiert als Autokrat die Ukraine und ist Gastgeber beim Finale in Kiew. Er hat schon erklärt, wie sehr er sich auf einen Besuch der Kanzlerin in Kiew freut.

Und er freut sich begründet. Denn Merkel hatte von Anfang an geplant, ein Finale mit deutscher Beteiligung zu besuchen. Offen kommuniziert wurde dies nicht. Schließlich hatte Bundespräsident Joachim Gauck mit der demonstrativen Absage eine Ukraine-Reise im Frühjahr hier Maßstäbe gesetzt.

EU-Kommission boykottiert EM

Die EU-Kommission boykottiert die Spiele in der Ukraine geschlossen. Die niederländische Königin sagte ebenfalls ab. Merkel lavierte: Den Vorrundenbegegnungen in der Ukraine blieb sie noch fern, begründete dies aber mit "Terminen", um sich die Option aufs Endspiel nicht nehmen zu lassen. Während ihr Sprecher am Dienstag erklärte, eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, plauderte der Manager des DFB-Teams, Oliver Bierhoff, aus, dass Merkel der Mannschaft einen Finalbesuch versprochen habe.

Die Opposition schäumt: Einige Sozialdemokraten und Grüne geben sich empört und fordern einen Verzicht der Reise – erkennbar stinkt ihnen die Fan-Inszenierung der Kanzlerin.

Sie könne fahren, wenn sie die trotz schwerer Krankheit inhaftierte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko zurück nach Berlin bringe, forderten der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, und der grüne Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte, Tom Koenigs.

Bleibt abzuwarten, wie Merkel das Problem löst. Die Kanzlerin hat aufmerksam beobachtet, dass sich einzelne Minister aus EU-Ländern gegen Kritik wappneten, indem sie sich vor den Spielen mit Menschenrechtsorganisationen trafen.

Ob Merkel so weit geht wie der dänische Kultusminister Uffe Elbaek? Der verschmähte beim Spiel gegen Holland seinen Platz auf der Ehrentribüne und sah sich das Spiel mitten unter den dänischen Fans an.

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