20.06.12

Athens neue Regierung

Venizelos' erbitterter Kampf um die Wortführerschaft

Antonis Samaras wird neuer griechischer Premier und will in Brüssel mit maximalen Forderungen auftreten. Aber das Bündnis mit Pasok und der Demokratischen Linken hat jetzt schon Risse.

Quelle: dapd
20.06.12 0:54 min.
Die griechischen Koalitionsverhandlungen sind so gut wie abgeschlossen. Die Demokratische Linke wird sich an dem Kabinett von Antonis Samaras (Bild) beteiligen.

Griechenland hat eine Regierung: Um 16 Uhr Ortszeit übernahm am Mittwoch Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia (ND), die Führung des Landes. Zumindest tat er den ersten formalen Schritt dazu.

Er teilte dem griechischen Staatspräsident Karolos Papoulias in aller Form mit, dass die Parlamentswahlen am Sonntag eine tragfähige Koalition zustande gebracht hätten, und erhielt daraufhin den Auftrag, ein Kabinett zu bilden.

Samaras beendete damit ein halbes Jahr chaotischer politischer Verhältnisse, denn seit dem Rücktritt von George Papandreou im vergangenen November hatte es keinen demokratisch legitimierten Ministerpräsidenten gegeben.

Der Dialog, von einem anwesenden Journalisten wiedergegeben, war kurz.

Papoulias: "Was ist das Ergebnis Ihrer Konsultationen?" Samaras: "Eine langfristige Koalitionsregierung." Papoulias: "Sehr gut. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Sie haben harte Arbeit vor sich." Samaras: "Danke. Wir werden auch die Hilfe Gottes brauchen."

Endlich einmal Berechenbarkeit und Entschlossenheit

Griechenlands verantwortungswilligere Politiker waren sichtlich bemüht, nach außen und innen endlich einmal Berechenbarkeit und Entschlossenheit zu demonstrieren. In Rekordzeit hatten sie sich über eine Koalitionsregierung geeinigt.

Nach einem Treffen am frühen Mittwochnachmittag hatten bereits die Führer der "sozialistischen" Pasok, Evangelos Venizelos, und der sozialdemokratischen Demokratischen Linken (Dimar), Fotis Kouvelis, vor den Kameras erklärt, man habe sich geeinigt und werde voraussichtlich noch am Abend einen Koalitionsvertrag unterzeichnen.

Am Donnerstag wird es in Gesprächen zwischen den Parteien dann um die letzten Details der Kabinettsliste gehen, möglicherweise wird sie schon am Abend stehen. Fest steht bereits, dass Samaras Ministerpräsident wird.

Auf dem glutroten Sitz des Finanzministers wird sich dem Vernehmen nach ND-Politiker Vasilis Rapanos niederlassen. Evangelos ("Vangelis") Meimarakis, ebenfalls von der ND, wird aller Voraussicht nach Parlamentspräsident.

Kleine Parteien ringen ums Rampenlicht

Neben der eigentlichen Regierungsbildung gab es ein hintergründigeres Fingerhakeln: Da ging es den beiden kleineren Koalitionspartnern Pasok und Dimar darum, möglichst vorn im Rampenlicht zu stehen und dem Wahlsieger ND ein wenig von der Show zu stehlen.

Am Dienstag und Mittwoch hatten es Venizelos und Kouvelis geschafft, die Nachrichten zu beherrschen, mit gemeinsamen Gesprächen, Telefonaten und Erklärungen. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, sie seien es, die mit der Regierungsbildung beauftragt seien, und nicht Samaras.

Zugleich ging es für beide Parteien wohl darum, sich auch inhaltlich auf Kosten der ND zu profilieren. Venizelos und seine Pasok sind die großen Verlierer der politischen und wirtschaftlichen Krise. Aus der einstigen Volkspartei wurde die nur noch drittstärkste Kraft des Landes.

Pasok um verstärkt "linkes" Profil bemüht

Mit 12,3 Prozent der Stimmen erhielt sie weniger als halb so viel Zuspruch wie die ND oder die zweitstärkste Partei, die linksradikale Syriza.

Pasok, eigentlich die Partei der Rentner und Beamten, verlor ihr Profil und Klientel an Syriza und Dimar, weil ihre mit der EU ausgehandelte Sparpolitik die eigenen Wähler am härtesten traf.

Insofern ist sie nun wieder um ein verstärkt "linkes" Profil bemüht. Dazu dient ein demonstratives "volles Einverständnis" mit Dimar, einer Partei, die dafür eintritt, die EU-Sparbeschlüsse "graduell zu beenden", ohne deswegen den Austritt aus dem Euro zu riskieren.

Für Dimar geht es darum, politische Reife zu demonstrieren. Beide zusammen wollen ihr Gewicht gegenüber ND durch gemeinsames Auftreten potenzieren. Nebenbei kämpfen sie um dieselben Wähler: Jede hofft, den Partner mittelfristig aufzufressen.

Neue Regierung will Sparmaßnahmen zurückfahren

Es ist schon beachtlich, welche Pirouetten in der Politik gedreht werden: Ihre größte Aufgabe sieht die neue Regierung darin, die EU-Sparmaßnahmen zurückzufahren, für deren prinzipielle Aufrechterhaltung sie von Brüssel und Berlin während des Wahlkampfs unterstützt worden war.

Auch deswegen war eine schnelle Regierungsbildung von größter Bedeutung: Damit Griechenland mit fester und demokratisch legitimierter Stimme seine Forderungen vortragen kann, wenn die EU-Spitzen Ende kommender Woche zu einem wichtigen Gipfeltreffen zusammenkommen.

Griechenland werde dort "einen wichtigen Kampf führen", sagte Venizelos, dem es damit erneut gelang, den politischen Wortführer zu spielen – sichtlich auf Kosten des künftigen Premiers Samaras.

Syriza und Hollande veränderten Haltung in Brüssel

Noch vor wenigen Wochen hätte man große Töne aus Athen über neue Geldwünsche oder Weigerungen, fristgerecht Kredite zu tilgen und Sparmaßnahmen durchzuführen, als unverschämt empfunden. Aber seither hat sich viel verändert.

In Griechenland kam die linksradikale Syriza aus dem Nichts heraus fast an die Macht und schaffte es, ganz Europa mit militanten Sprüchen und erpresserisch anmutenden Positionen zu erschrecken.

Zudem veränderte sich mit der Wahl des Sozialisten Francois Hollande zum französischen Staatspräsidenten das politische Gleichgewicht in Europa zugunsten von weniger Sparen und höheren Staatsausgaben.

Und plötzlich sind die nun wieder renitenter auftretenden Griechen sehr viel willkommener, als sie es vorher mit fügsamerem Gebaren gewesen waren. Einfach weil man plötzlich vor Augen hat, dass es auch noch sehr viel schlimmere Szenarien in Griechenland geben könnte.

Samaras kann mit maximalen Forderungen auftreten

Stark verändert hat sich auch der Stellenwert der ND in Brüssel. Vor der Wahl galten Samaras und seine Partei als furchtbar störrisch und gefährlich.

Deswegen verwendeten Bundesfinanzminister Schäuble und alle wesentlichen Gestalter der europäischen Griechenlandpolitik viel Energie darauf, Samaras mit seiner Unterschrift persönlich an die Spar-Vereinbarungen zu ketten.

Das alles ist jetzt hinfällig. Samaras kann mit maximalen Forderungen auftreten, und wird trotzdem als der vernünftigste aller Griechen gelten.

Dies liegt nicht nur an der erstarkten Linksradikalen sondern auch an der Tatsache, dass, was immer Samaras sagt, Venizelos und Kouvelis bemüht sein werden, ihn links zu überholen. Schließlich wollen sie ihre sozialdemokratische Glaubwürdigkeit nicht verspielen.

Dies wird zu politischem Verschleiß führen, denn gespart werden muss trotzdem. Aus diesem Grund scheint es bislang darauf hinaus zu laufen, dass Dimar nicht mit eigenen Leuten in der Regierung vertreten sein will, sondern diese nur unterstützen wird.

Lässt man andere unpopuläre Entscheidungen treffen?

Auch bei Pasok wurde nach der Wahl debattiert, ob man nicht lieber vornehm abseits stehen sollte, während andere die unpopulären Entscheidungen treffen.

Dass aber beileibe nicht alles auf einer Wellenlänge schwingt zwischen den Koalitionären, ergab sich aus folgenden Äußerungen von Venizelos und Samaras. Venizelos erklärte, man könne für die neue Regierung "keine alten, verbrauchten Politiker gebrauchen". Samaras dagegen: "Wir haben keine Zeit. Wir brauchen deshalb erfahrene Männer in der Exekutive."

Auch inhaltlich gibt es in einigen Punkten klare Differenzen. Eine betrifft die Politik gegenüber Migranten. Samaras will den erstarkten Rechtsextremen und Rechtspopulisten – zusammen erhielten sie bei der Wahl rund 14 Prozent der Stimmen – den Wind aus den Segeln nehmen und sehr hart gegen Migranten vorgehen.

Deren Zahl soll nach Möglichkeit reduziert werden. Pasok und Dimar sind dagegen. Ein anderer Punkt betrifft die rückwirkende Änderung von Tarifverträgen durch den Gesetzgeber.

Chronik der Griechenland-Krise

2009

 

Oktober: Die neue sozialdemokratische Regierung unter Giorgos Papandreou legt die katastrophale Haushaltslage offen. Statt der von der konservativen Vorgängerregierung angegebenen sechs Prozent liegt das Budgetdefizit bei 12,7 Prozent. Das Land sitzt auf einem Schuldenberg von 350 Milliarden Euro.

 

Dezember: Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit Griechenlands herab.

2010

 

April: Athen bekommt an den Finanzmärkten praktisch keine Kredite mehr und muss als erstes Euro-Land in der Schuldenkrise um internationale Hilfe bitten.

 

Mai: Die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds gewähren Notkredite von 110 Milliarden Euro. Im Gegenzug muss die griechische Regierung ein hartes Sparprogramm umsetzen.

2011

 

Mai: Erste Berichte über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone sorgen für Aufregung. Es wird immer klarer, dass das tief in der Rezession steckende Land weitere Finanzhilfe braucht.

 

Juli: Die Euro-Länder beschließen den zweiten Griechenland-Plan mit Krediten über 109 Milliarden Euro. Dieses Mal sollen sich auch die Privatgläubiger beteiligen und auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten.

Oktober: Griechenland erreicht die vereinbarten Sparziele nicht. Auf zwei Gipfeltreffen binnen vier Tagen wird ein neuer Rettungsplan geschmiedet. Athen bekommt neue Hilfen von 100 Milliarden Euro, weitere 30 Milliarden sichern einen Schuldenschnitt ab, bei dem private Gläubiger nun auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen verzichten.

 

Oktober: Regierungschef Papandreou kündigt überraschend eine Volksabstimmung über das neue Hilfspaket an. Unter internationalem Druck lässt er von dem Vorhaben ab, tritt aber zurück.

 

November: Eine Übergangsregierung unter Führung des früheren Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank, Lucas Papademos, leitet vorübergehend die Geschicke des Landes.

2012

 

Januar: Die Arbeitslosenquote in Griechenland liegt inzwischen bei fast 22 Prozent und hat sich damit binnen zwei Jahren praktisch verdoppelt.

 

Februar: Das Parlament in Athen stimmt einem neuen Kürzungsprogramm zu, während zehntausende Menschen bei teilweise gewalttätigen Protesten gegen die Auflagen demonstrieren.

 

April: Neue Proteste in Athen, nachdem sich ein Rentner auf dem Platz vor dem Parlament aus Verzweiflung über seine Schulden erschießt.

Mai: Bei der Parlamentswahl strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie das Linksbündnis Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert.

 

Juni: Bei der zweiten Parlamentswahl nach nur sechs Wochen wird die konservative Nea Dimokratia stärkste Kraft. Zusammen mit der Pasok erreicht sie die absolute Mehrheit.

 

Quelle: AFP

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