18.06.12

Nach der Wahl

Ägypten in Angst vor Islamismus oder Mubarak light

In Ägypten zeichnet sich ein Sieg des Muslimbruders Mursi ab. Das Militär sichert sich darum vorab wichtige Befugnisse. Doch auch der ehamalige Mubarak-Minister Schafik will die Wahl gewonnen haben.

Von Amira El Ahl
Foto: DAPD
Ägypten
Ein Anhänger des Muslimbruders Mursi, der sich zum Wahlsieger deklariert hat, hält ein Poster seines Kandidaten hoch

Im Volksmund heißt es, die schönsten Mädchen Ägyptens kämen aus Mansoura. Fatma Rasched ist zwar schon weit über 60, hat drei Söhne großgezogen und mittlerweile sieben Enkelkinder. Doch man sieht ihr immer noch an, dass sie einmal den Männern ihrer Stadt den Kopf verdreht hat. Ihre Haut ist hell und immer noch glatt, sie hat warme braune Augen und ein einnehmendes Lachen.

Aus einer Schublade zieht sie ein altes Schwarz-Weiß-Foto. Dort sitzt sie mit ihrem frisch Angetrauten unter einem Baum, die Haare der Mode der 60er-Jahre entsprechend mittellang und toupiert, die Beine lang und unbedeckt. Minikleider waren zu dieser Zeit auch in Ägypten der letzte Schrei.

Mini hat Fatma schon lange nicht mehr getragen. Schon viele Jahrzehnte lang trägt sie Schleier, so wie fast alle Frauen dieser Stadt mitten im Nildelta.

Die Menschen hier sind konservativ. Doch auch wenn sie zutiefst gläubig sind, die meisten hier sind keine Freunde der Muslimbrüder. Fatma Rasched hält wenig bis gar nichts von ihnen. Wie die meisten Ägypter hat sie die Stichwahl um das Präsidentenamt vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. "Als sich das Ergebnis abzuzeichnen begann, habe ich geweint", sagt Fatma Rasched.

Sie macht sich große Sorgen um die Zukunft ihres Landes, ist niedergeschlagen, wie so viele ihrer Landsleute. Die Wahl zwischen dem als Hardliner bekannten Muslimbruder Mohammed Mursi (60) und Ahmed Schafik (70), dem letzten Premierminister des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, ist eine zwischen Pest und Cholera, wie sie hier sagen.

"Die Frage ist eigentlich nur, wer das kleinere Übel ist", sagt Fatma Rasched. Aber ist das eine Wahl? Sie steht in der Schlange ihres Wahllokals in Talkha, der Kleinstadt am anderen Ufer des Nils. Nur der Nil trennt Mansoura, die Universitätsstadt, von der kleinen Schwester Talkha.

"Boykott war für mich die einzige Lösung"

Als Fatma aus dem Wahllokal kommt, sieht sie immer noch angespannt aus. Wen sie gewählt habe, will ihr Mann wissen. Doch Fatma wird es ihm erst viel später sagen, wenn sie schon lange wieder zu Hause sind und niemand mithören kann, was sie sagt.

Sie ist den dritten Weg gegangen, hat mit zwei großen Kreuzen ihren Wahlzettel ungültig gemacht. "Boykott war für mich die einzige Lösung", sagt sie später. Wie ihr geht es an diesem Tag vielen in Ägypten. Doch in ihrer Familie steht sie mit dieser Entscheidung alleine.

Ihr Mann Ramadan Sajed, ein pensionierter Lehrer, hat sein Kreuz für Schafik gemacht, und auch für die Söhne steht fest, dass der ehemalige Luftwaffenoffizier der bessere Präsident für Ägypten ist. Da sie beim Militär sind, dürfen sie nicht an der Wahl teilnehmen, denn Soldaten und Polizisten sind in Ägypten von der Wahl ausgeschlossen. Doch für sie ist es selbstverständlich, einen Soldaten an der Spitze des Staates zu favorisieren.

"Bei der Luftwaffe und ein sehr guter Minister"

Vor dem Wahllokal 46 sitzen vier Männer im Schatten eines Baumes. 38 Grad zeigt das Thermometer, die schwüle Hitze ist sogar für Ägypter schwer erträglich. Sie winken Ramadan heran, grüßen ihn mit Handschlag und freundschaftlichen Umarmungen. Natürlich gibt es kein anderes Thema als die Wahl. Schafik, da sind sich die fünf Männer schnell einig, ist der einzig wahre Kandidat. Mohammed Mursi würde das Land nur in den Ruin treiben. Auch die Auflösung des Parlaments finden die Männer nur konsequent und richtig.

In diesem Moment tritt ein alter Bekannter der Männer aus dem Schulgebäude, in dem das Wahllokal untergebracht ist, in die Sonne. Er sieht die Gruppe und ruft: "In diesem Wahllokal wird nur Schafik gewählt, klar?!" Dabei lacht er über das ganze Gesicht.

Doch woher kommt dieses Vertrauen in den Generalleutnant a. D.? "Er ist ein guter Mann, stark, zuverlässig und diszipliniert", sagt Ahmed Zaki, ein pensionierter Fabrikmanager. Dass er ein ehemaliger Militär ist, wird hier eher als Vorteil denn als Nachteil gesehen. Die Armee genießt in Ägypten immer noch großes Ansehen, auch nach den Vorfällen der vergangen 18 Monate seit dem Sturz Mubaraks.

"Schafik war bei der Luftwaffe und er war ein sehr guter Minister. Mit ihm wird Ägypten in zehn Jahren ein Land wie Malaysia in kürzester Zeit eingeholt haben." Zehn Jahre, sagt er. Dabei geht es hier ja erst einmal um eine Amtszeit von vier Jahren.

Schafik hatte Mubarak als großes Vorbild bezeichnet. Aber auch das sei kein Problem, erklärt Ahmed Zaki. "Zu Beginn seiner Präsidentschaft war er auch ein Vorbild. Die ersten 20 Jahre seiner Präsidentschaft war er sehr gut." Nur in den letzten zehn Jahren hätte Mubaraks Frau Suzanne zu viel Einfluss gehabt. "Überall hat sie ihre Nase reingesteckt", stimmt sein Freund Mustafa Hassan zu. Die Gang um Mubarak hätte ihn schlecht beraten. "Sie haben Ägypten zerstört."

Schafik, da ist sich die kleine Gruppe von Männern vor der Wahlstation 46 einig, ist ein ganz anderes Kaliber. "Der Unterschied zwischen ihm und Mubarak ist so groß wie der Unterschied zwischen Himmel und Erde", sagt Ahmed Zaki und reißt dramatisch die Augen auf.

"Den wahren Islam vertreten sie nicht"

Mansoura und Talkha, die zwei Städte, die aussehen wie eine und nur durch eine Brücke getrennt sind, liegen auf halber Strecke zwischen Kairo und Alexandria, im Herzen des Deltas. Mansoura hat knapp eine halbe Million Einwohner, ist eine bekannte Universitätsstadt und die Hauptstadt des Gouvernements Dakahlia. Die ersten Auszählungen zeigen, dass hier tatsächlich Schafik vor dem Muslimbruder Mursi liegt.

"Die Muslimbrüder sind nur an der Macht interessiert", sagt Fatmas Mann Ramadan Sajed. "Den wahren Islam vertreten sie nicht." Glaube, Religion und Politik gehörten getrennt, findet der pensionierte Lehrer. Deshalb macht er sein Kreuz bei Schafik, wirft den Zettel in die Wahlurne und taucht seinen kleinen Finger in die lila Tinte, bevor er seinen Personalausweis wiederbekommt.

Der Ablauf ist reibungslos. Weder der Vorsitzende Richter des Bezirks noch die unabhängigen Wahlbeobachter haben Irregularitäten zu beanstanden. Jeder, der wählen will, muss seinen Personalausweis vorweisen und im Wahllokal registriert sein. Sobald der Vorsitzende Richter die Identität überprüft hat, reicht er dem Wähler den Wahlzettel, auf dem nicht nur Name und Symbol des Kandidaten, sondern auch sein Foto abgebildet sind. In einem Land, in dem etwa 30 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, ein wichtiges Detail.

Nachdem der Wähler sein Kreuzchen gemacht und den Zettel in die versiegelte Wahlurne gesteckt hat, muss er seinen Finger in die Tinte tauchen, um Wahlfälschung durch doppelte Stimmabgabe zu vermeiden. Erst dann bekommen die Wähler ihren Ausweis zurück.

Zwei erklären sich zum Sieger

Knapp 50 Prozent der etwas mehr als 50 Millionen stimmberechtigten Ägypter haben gewählt. Sollten sich die ersten Hochrechnungen bestätigen, dann wird Fatma Rasched noch ein paar Tränen mehr vergießen, dann war das Hoffen und Beten in Talkha vergebens. Denn Mohammed Mursi hat sich bereits zum Wahlsieger ausrufen lassen. Schafiks Unterstützer behaupten allerdings, ihr Kandidat habe gesiegt.

Auch die Gegenseite macht mobil: Das Militär sicherte sich die Kontrolle über Gesetzgebung und Haushalt, zudem gab sie sich ein Vetorecht über den Inhalt einer neuen Verfassung. Der Präsident mag demnächst ein Muslimbruder sein, aber die Machtfülle seines Vorgängers wird er nicht annähernd bekommen.

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Hintergrund
  • Beide sehen sich als Sieger

    Nach der ersten freien Präsidentenwahl in Ägypten sehen sich beide Kandidaten als Sieger. Die Muslimbruderschaft erklärte, ihr Kandidat Mohammed Mursi habe etwa 52 Prozent der Stimmen erhalten. Die Unterstützer seines Kontrahenten Ahmed Schafik behaupteten, ihr Kandidat habe den Sieg davongetragen. Ein Mitglied der Wahlkommission bestätigte die Angaben der Muslimbrüder.

    Der regierende Militärrat unter Feldmarschall Hussein Tantawi erklärte per Dekret, dem neuen Präsidenten Ende des Monats die Macht übergeben zu wollen. Die Militärmachthaber machten aber zugleich klar, vorerst keine größeren Befugnisse an das neue Staatsoberhaupt abzutreten.

    Dem neuen Dekret zufolge könnte ein von den Militärs ernanntes Gremium eine neue Verfassung für das Land schreiben, die dann in Kraft träte, wenn die jetzige von einem Gericht für unzulässig erklärt werde.

    Das Verfassungsgericht hatte das Ergebnis der Parlamentswahl in der vergangenen Woche annulliert und die Auflösung der Volksvertretung angeordnet.

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