16.06.12

Tahrir-Platz

Ägyptens Revolutionäre sind müde geworden

Die erwarteten Massenproteste nach der Parlamentsauflösung bleiben aus. Viele von den jungen Wilden gehen frustriert ins Ausland. Die Ägypter haben nun die Wahl "zwischen Pest und Cholera".

Foto: DAPD
Ägypten
Am Freitagabend demonstrierten noch einmal Tausende Ägypter gegen de Auflösung des gerade erst gewählten Parlaments. Der erwartete Ansturm der Massen blieb jedoch aus

Die Blumen sind weg, der Rasen zertrampelt, die Farbe von den Bordsteinen abgeblättert. In den wenigen Zelten auf dem Platz leben Menschen in zerlumpten, dreckigen Klamotten. Es stinkt nach Urin und vergammelten Essensresten.

Tagsüber verkaufen Straßenhändler Sandwiches, Kichererbsen, Nüsse und Getränke. Nachts kommen die Drogendealer. Der Tahrir-Platz in Kairo ist heruntergekommen. Nur Devotionalienstände künden vom einstigen Glanz, als die Revolution hier tobte und den Ägyptern eine glorreiche Zukunft zu versprechen schien.

Fahnen, Revolutions-T-Shirts und die Badges, ohne die man nicht in den inneren Zirkel des Protestes kam, werden für ein paar Pfund an Touristen verkauft.

Eigentlich wurden am Freitagabend Hunderttausende erwartet, um gegen den Urteilsspruch des Verfassungsgerichts zu protestieren. Doch nur knapp Zehntausend waren gekommen.

Am ersten Tag der Stichwahl zur Nachfolge Hosni Mubaraks wirkte der Platz verwaist. Die Menschen standen vor den Wahllokalen Schlange oder verkrochen sich bei 40 Grad in ihren Wohnungen. Für viele ist es das fünfte Mal seit Beginn der Revolution vor 18 Monaten, dass sie zu den Wahlurnen gerufen werden.

Die abnehmende Wahlbeteiligung zeugt von einer gewissen Müdigkeit. Während noch im März vergangenen Jahres fast 65 Prozent ihr Votum für bestimmte Verfassungsänderungen abgaben, lag die Beteiligung im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen vor drei Wochen bei nur 46 Prozent. Die Beteiligung bei der jetzigen Stichwahl soll noch geringer ausfallen.

"Die Wahl zwischen Pest und Cholera"

"Wir haben doch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera", sagt Nada Ahmed, die keinem der beiden Kandidaten ihre Stimme geben will. Die Zahl der Boykottaufrufe nahm in den Tagen vor der Stichwahl erheblich zu. Besonders Mitglieder der Protestbewegung wollen zwar zum Wahllokal gehen, aber ungültige Stimmen abgeben.

Der Fernsehjournalist Zafer Kamal hält die jüngsten Entscheidungen des Verfassungsgerichts für einen gezielten Schachzug. Dieses hatte gegen den Willen des Parlaments entschieden, dass Ahmed Schafik, ehemaliger Luftwaffengeneral und Hosni Mubaraks letzter Premier, als Kandidat für das Präsidentenamt antreten darf.

Zudem seien die Parlamentswahlen ungültig, und die Volksvertretung müsse aufgelöst werden. Außerdem wurde ein Dekret des Militärrats erlassen, das die Militärpolizei ermächtigt, ungehindert Demonstranten und Randalierer festzunehmen.

Viele Beobachter hatten erwartet, dies würde einen Aufschrei bei der Revolutionsbewegung und deren Unterstützern hervorrufen. Doch weit gefehlt. Der Sturm auf den Tahrir-Platz blieb aus. Es sei ja noch nicht gesagt, ob das Parlament tatsächlich aufgelöst werde, meint Journalist Kamal. In Ägypten ist ein Urteil eine Sache, seine Vollstreckung eine andere.

Doch halte sich der Militärrat diese Option offen, je nachdem, was bei der Stichwahl herauskomme. Gewinnt Schafik, werde das Parlament wohl nicht aufgelöst, vermutet Kamal. Gewinnt Mursi, könnte dies passieren, um eine Machtkonzentration der Islamisten zu verhindern.

"Die meiden den Platz wie der Teufel das Weihwasser"

Nur beim Schweden mitten auf dem Tahrir-Platz herrscht derzeit Hochbetrieb. Dort haben sich Journalisten und Fotografen versammelt, die über die ersten freien Präsidentschaftswahlen seit über 60 Jahren in Ägypten berichten wollen.

Cecilia Goldsmith serviert selbst gebackenes Brot, Butter und Salz, bevor die Gäste aus der Speisekarte die Gerichte auswählen. "Es ist eine Schande, wie der Platz jetzt aussieht", sagt die 58-jährige Göteborgerin.

Seit Monaten habe sich kein Polizist mehr blicken lassen, nachdem sie früher in Scharen hier waren. "Die meiden den Platz wie der Teufel das Weihwasser", ulkt sie. Entsprechend groß sei das Verkehrschaos. Manchmal würden die Zeltbewohner den Verkehr regeln. "Das sind Obdachlose, die sonst nichts zu tun haben."

Von denen, die früher hier gewesen seien, ließe sich kaum jemand mehr blicken. Nur nach dem Urteil gegen Expräsident Mubarak Anfang Juni, den die Richter lebenslänglich ins Gefängnis schickten, sei der Platz nochmals voll gewesen.

Cecilia schätzt, es seien vielleicht 20.000 gewesen, die entweder gegen das zu milde Urteil oder gegen die Freisprüche für die beiden Mubarak-Söhne und sechs Sicherheitsoffiziere demonstrierten. Eine überdimensionale Fotomontage mit Mubarak am Galgen, die über dem Platz hängt, zeugt noch davon. Doch die Zeiten, als hier eine halbe Million oder gar eine Million Menschen demonstrierten, seien vorbei.

"Den Platz madig gemacht"

"Sie haben es geschafft, uns den Platz madig zu machen", sagt Amal Bakry aufgebracht. Die drahtige junge Frau ist Mitbegründerin der Initiative gegen Militärgerichte und hat viel zu tun. Mit dem neuerlichen Dekret des Militärrats würden die Verhaftungen in den nächsten Wochen zunehmen, prophezeit sie. Egal wer gewinne: "Es wird Zoff geben!"

Mohammed Mursi, der Hardliner der Muslimbrüder, versucht zwar, sich die Ideen der Revolution zu Eigen zu machen. Aber die Revolutionäre glauben ihm nicht. "Die haben schon so viel versprochen", meint Amal. Zuerst hätten sie gesagt, dass sie keinen eigenen Kandidaten aufstellen würden, um den Liberalen und der Protestbewegung eine Chance zu geben. "Dann haben sie sogar zwei ihrer Leute ins Rennen geschickt."

Die heftigen Auseinandersetzungen im Parlament um die Besetzung der Verfassungsversammlung haben ebenfalls den Zorn der Revolutionäre hervorgerufen.

Die Islamisten wollten plötzlich die Mehrheit, nachdem sie sich zuvor auf eine hälftige Teilung geeinigt hatten. Für den anderen Kandidaten der Stichwahl hat Amal aber nur ein Augenzucken übrig. Der Mubarak-Gefolgsmann sei es nicht einmal wert, dass sein Name genannt werde. "Wir wählen zwischen dem Teufel und dem Belzebub." Auch sie bleibt der Abstimmung fern.

"Kein Wunder, dass hier nichts weitergeht"

Fragt man nach anderen bekannten Namen aus Revolutionszeiten, bekommt man immer öfter zu hören, dass sich die Person im Ausland befindet. Graffiti-Künstler bekamen Einladungen nach Europa, Schriftsteller gingen in die USA, Aktivisten der ersten Stunde nach Kanada.

Maikel Nabil, der bekannte Blogger, studiert jetzt in Erfurt. Wael Goneim ist mit seinem Revolutionstagebuch auf Lesereise im Ausland. Die Revolutionäre reisen um die Welt und lassen sich feiern.

"Kein Wunder, dass hier dann nichts weitergeht", sagt Karim Ibrahim, ein Straßenjunge. Er hat in einem Zelt am Tahrir ein neues Zuhause gefunden.

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