21.06.12

Napoleon & Hitler

Wie Kriege in Russland Menschen zu Bestien machten

Im Sommer 1812 zog Napoleons Grande Armée nach Moskau. 1941 nahm die Wehrmacht den gleichen Weg. Obwohl sich die Motive unterschieden, wurden beide Feldzüge zu Vernichtungskriegen.

Foto: INFOGRAFIK WELT ONLINE

Nur wenige kehrten zurück: Grafische Darstellung von Napoleons Verlusten vom Juni bis Dezember 1812.

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Es war jeweils Ende Juni, als die beiden Vaterländischen Kriege begannen, die Russland bis zum heutigen Tag geprägt haben. Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Am 24. Juni 1812 verkündete Kaiser Napoleon I. seiner Grande Armée: "Marschieren wir also! Gehen wir über den Njemen und tragen den Krieg auf russischen Boden." Nicht einmal ein halbes Jahr später taumelten ihre verhungernden Reste erneut über diesen Grenzfluss.

Noch 200 Jahre danach machen die Dimensionen des Unternehmens Staunen. Fast 600.000 Soldaten aus allen Teilen Europas zogen in die endlosen Weiten nach Osten, durchlitten unglaubliche Strapazen, ein mörderisches Klima, einen atavistischen Krieg. Unter zahlreichen Büchern, die zur Erinnerung an Napoleons Katastrophe soeben erschienen sind, ragt Adam Zamoyskis "1812" heraus.

Zum einen, weil es in bestechender Diktion das ganze ungeheuerliche Panorama von "Napoleons Feldzug in Russland" ausbreitet. Zum zweiten, weil es sich nicht nur unterschwellig als episches Spiegelbild (und Gegenentwurf) zu Tolstois Epos "Krieg und Frieden" versteht. Und drittens, weil es aus heutiger Sicht ein einziges Déjà-vu des Vernichtungskrieges bietet, den 131 Ja1hre später Adolf Hitler vom Zaun brechen sollte.

Willige Vollstrecker des Völkermords

Es waren dieselben Chimären, die Napoleons und Hitlers Soldaten in den Osten trieben und dieselben Überheblichkeiten. Es waren dieselben Kriegspläne, Fehleinschätzungen und Fehler, die zu ihrem Scheitern führten. Und es waren dieselben Entartungen, Zerstörungen und Verbrechen, die an der 1500 Kilometer langen Heerstraße vom Njemen nach Moskau geschahen.

Ja wenn wir es aus anderen Quellen nicht besser wüssten, man käme nach der Lektüre von Zamoyskis Buch leicht auf den Gedanken, Hitler habe eine Vorstellung von den Zeugnissen gehabt, in denen die Überlebenden von Napoleons Russlandkrieg ihre menschlichen Deformation beschrieben. Als habe Hitler seine Soldaten in dieses monströse Kriegsungeheuer getrieben, um aus ihnen willige Vollstrecker des Völkermords zu machen.

Das Erstaunliche ist allerdings, dass sich beide Kriege in genau diesem einen Punkt unterscheiden: Napoleon zögerte bis zuletzt, den Marschbefehl zu geben, weil das Kriegsziel im Grunde zu banal war. Russland sollte wieder in die Partnerschaft zurückgezwungen werden, die 1807 nach dem Krieg gegen Preußen entstanden war. Es sollte die Kontinentalsperre gegen England wieder intensivieren und ansonsten Napoleon sein Spiel in Mitteleuropa machen lassen.

Beide setzten auf den Blitzkrieg

Im Grunde war der Aufmarsch der Grande Armée eine Drohgebärde. Nur weil sie bei Zar Alexander I. offenbar nichts bewirkte, sah sich Napoleon gezwungen, den zweiten Schritt zu tun, um "dem unheilvollen Einfluss, den Russland seit fünfzig Jahren auf die Angelegenheiten Europas ausgeübt hat, ein Ende zu machen", wie der Kaiser im Aufruf an seine Soldaten schrieb.

Für Hitler dagegen war der Krieg gegen Russland von Anfang an Ziel jeder Politik. Und er sollte als totaler Vernichtungskrieg geführt werden. In diesem Sinn wurde die Wehrmacht propagandistisch und militärisch ausgerichtet. Ihr folgten die Einsatzgruppen für den Völkermord, während Napoleon einen riesigen Tross zusammengezogen hatte, um die russische Zivilbevölkerung möglichst unbehelligt zu lassen. Doch der Krieg diktierte schnell andere Gesetze.

Wie nach ihm Hitler setzte Napoleon auf die Strategie des Blitzkrieges. "In spätestens zwei Monaten wird Alexander um Frieden bitten", behauptete der Kaiser, der abgeschirmt in seinem Hofstaat und seiner Garde nach Osten zog. So übersah er, dass schon kurz nach der Grenze die Versorgung nicht mehr nachkam. Schuhe und Kleidung verschlissen schneller, als sie ersetzt werden konnten.

Das Versorgungssystem brach zusammen

Schnell breiteten sich Ruhr und Fleckfieber aus. Manche Einheiten verloren zwei Drittel ihrer Soldaten, ohne überhaupt gekämpft zu haben. Bald markierten Kadaver sowie verkotete Wiesen und Felder den Weg. Die Zahl der Desertionen und Selbstmorde nahm beängstigende Formen an.

Das französische Versorgungssystem schlug übergangslos in Plünderei um. Immer mehr Soldaten entfernten sich immer weiter von der Truppe, um sich mit Gewalt zu nehmen, was die Bauern zum Überleben brauchten. "Die Wohnungen sind ruiniert oder ausgeplündert, die Bewohner entflohen oder so arm, dass sie sich kaum vor dem Hungertode retten können; viel mehr lassen ihnen die Soldaten nicht", schrieb ein Augenzeuge.

So kam es, dass sich die Grande Armée auflöste, bevor es überhaupt zu nennenswerten Schlachten mit der russischen Armee gekommen war. Als es bei Borodino, wenige Tagesmärsche vor Moskau, Anfang September schließlich zum ersten großen Treffen kam, verfügte Napoleon gerade noch über 130.000 Mann. Am Abend hatte er zwar gesiegt, aber weitere 28.000 verloren. Auch die Verluste der Wehrmacht waren nach drei Monaten bereits derart, dass der Angriff auf Moskau im Oktober 1941 zum Vabanquespiel geriet, das sie verlor.

Es durfte keinen Rückzug geben

Im Gegensatz zu Hitler erreichte Napoleon bekanntlich Moskau. Doch die Stadt war durch ein Feuer – angefacht durch abziehende Russen, plündernde Franzosen oder einfach Unachtsamkeit – bald zu zwei Dritteln zerstört. Zwar raubten die Soldaten der Grande Armée alle Schätze, derer sie habhaft werden konnten. Aber Essen bekam man dafür nicht. Und auch keinen Schutz gegen die drohende Kälte, denn mit Winterkleidung hatte Napoleon in Erwartung eines schnellen Sieges seine Leute ebenso wenig ausgestattet wie Hitler seinen Soldaten. Zu spät, am 20. Oktober 1812, befahl der Kaiser schließlich den "taktischen Abzug". Auch in seiner Rhetorik folgte ihm der Führer aus Deutschland. Auch für ihn durfte es keinen Rückzug geben.

Etwa 100 Kilometer lang war die Marschsäule, die sich im Herbst 1812 nach Westen wälzte, im Rücken und an den Flanken bedrängt von Kosaken und Guerilla-Kämpfern, die die französischen Plünderer attackierten. Zamoyski belegt mit zahlreichen Augenzeugenberichten, dass zunächst nicht das – anfangs noch erträgliche – Herbstwetter, sondern der Zusammenbruch von Organisation und Disziplin die Katastrophe beschleunigten. Einheiten, die die Ordnung wahrten, hatten gute Chancen, sich nach Westen durchzuschlagen.

Davon gab es aber nicht mehr viele. Dafür stieg die Zahl der Versprengten und Nachzügler, die hofften, mit den in Moskau gestohlenen Schätzen in der Heimat ein besseres Leben beginnen zu können, in die Zehntausende. Auch zahlreiche Frauen und Kinder – Angehörige von Soldaten und dem Tross sowie ausländische Flüchtlinge aus Moskau – waren darunter. Sie starben als Erste.

"Der Krieg verändert unsere Natur"

Einige Beobachtungen: "Die ganze Strecke ist voller verwaister Kutschen und Kanonen ... hier und da verendende Pferde, Waffen, Habseligkeiten aller Art ... bei jedem Schritt stößt man auf Leichen. Die Kutscher verwenden sie, um Gräben und Wagenspuren zu füllen." "Wehe denen, die sich umstoßen ließen! Sie konnten nicht mehr aufstehen und wurden zertrampelt." "Es kam vor, dass Männer sogar an ihrem eigenen ausgezehrten Körper nagten."

"Dieser Feldzug wurde um so fürchterlicher, als er unsere eigenste Natur veränderte, indem er uns Untugenden anerzog, die uns zuvor unbekannt gewesen waren", schrieb ein Eugène Labaume. Dazu gehörte auch der Umgang mit den Gefangenen, die allesamt dem Tod überantwortet wurden.

Gleichwohl relativiert Zamoyski jenseits allen Schreckens die Zahlen: Von den 550.000 bis 600.000 Mann der Grande Armee kehrten im Dezember etwa 120.000 zurück. 30.000 Leichtverwundete dürften es auch geschafft haben sowie jene, die sich bereits im Sommer von der Armee verabschiedet hatten. Also starben rund 400.000 Franzosen und Verbündete in Russland. Kaum weniger groß waren die Verluste der Verteidiger.

Laboratorien des Tötens

Ein solches Verhältnis erreichte die Wehrmacht 1941 nicht. Mit mehr als drei Millionen Mann war sie im Juni aufgebrochen, rund eine halbe Million betrugen die Verluste am Ende des Jahres. Auch ihre Männer hatten sich dramatisch verändert. Divisionen waren zu Regimentern geschrumpft, es gab kaum Nachschub, statt der versprochenen Weihnachtsrationen wurden Rezepte ausgegeben, wie sich aus erfrorenen Kartoffeln ein Mahl bereiten ließe. "Niemand wusste, wo sich die Front befand", schrieb Willy Peter Reese, einer von zahllosen Nachzüglern, der den Krieg auch nicht überleben sollte. "Nächstenliebe starb ... der Krieg zeugt den kommenden Geist."

Anders als Napoleon, der seine Soldaten als Botschafter der Menschenrechte feierte, hat Hitler intensiv nachgeholfen mit dem Kommissarbefehl und anderen Befehlen, die aus Juden oder Russen Freiwild machten. Auch war das tödliche Schicksal der russischen Kriegsgefangenen 1941 einkalkuliert, während es der Grande Armée von der Realität aufgezwungen wurde.

Beide Feldzüge nach Moskau haben Menschen zutiefst geprägt und verändert, indem sie sie an und über Grenzen trieben. Das ist eine anthropologische Lehre aus dem Vergleich zwischen Napoleons und Hitlers Scheitern. Sicher haben sich die Motive des Tötens in den mörderischen Laboratorien zunächst unterschieden. Doch bald brauchte es dazu keine Ideologie mehr. Für die Opfer war das kaum ein Trost.

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