02.06.12

Ägypten

Urteil gegen Mubarak ist eine Bankrotterklärung

Lebenslänglich soll Ägyptens Ex-Präsident Husni Mubarak in Haft. Die teils gewalttätigen Reaktionen auf die Entscheidung zeigen, wie zerrissen das Land ist.

Quelle: dapd
02.06.12 0:47 min.
Das Urteil für den ehemaligen Staatschef Husni Mubarak spaltet die Ägypter. Viele meinen, er habe die Todesstrafe statt einer lebenslangen Haftstrafe verdient. Im Gerichtsaal kam es zum Handgemenge.

Euphorischer Jubel vor dem Eingang zum Gerichtsgebäude, als Husni Mubarak und sein ehemaliger Innenminister Habib al-Adli zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Hunderte von Ägyptern haben sich schon Stunden vor der Urteilsverkündung vor dem Tor der Polizeiakademie in Neu-Kairo eingefunden. Manche verbrachten sogar die Nacht dort, um dabei zu sein, wenn über den ehemaligen Präsidenten, seine beiden Söhne, den Innenminister und sechs seiner Sicherheitsoffiziere Recht gesprochen werden soll.

Es geht um Korruption und die Tötung von fast 900 Demonstranten am Tahrir-Platz, wo am 25. Januar vergangenen Jahres die Revolution begann. Doch nur Sekunden später erfolgt bereits die Ernüchterung: Die beiden Mubarak-Söhne und die Sicherheitsoffiziere werden freigesprochen.

Tumulte im Gerichtssaal

Ratlose Gesichter vor dem Gericht, Tumulte im Gerichtssaal: "Das Volk will die Änderung des Justizsystems!", schreien einige Herren im Anzug. Es kommt zu Prügeleien. Draußen fliegen Flaschen und andere Gegenstände durch die Luft. Die Polizei schreitet ein. Wie schon bei den Präsidentschaftswahlen, zeigt sich auch hier eine gespaltene Nation. Die Ägypter sind zutiefst zerrissen.

Dabei hat am 3. August 2011 alles so vielversprechend begonnen. Der erste Verhandlungstag wurde live auf großen Bildschirmen für die versammelte Menge nach draußen übertragen. Alle sollten sehen, dass es tatsächlich Mubarak ist, dem der Prozess gemacht wird, und dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Eine der Hauptforderungen der Revolution sollte hier vollzogen werden. Neben nach Brot und Freiheit riefen die Menschen am Tahrir-Platz nach Gerechtigkeit. Der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe für den "Pharao".

Oberflächliche Abrechnung mit dem Regime

250 Verhandlungsstunden und über 60.000 Seiten Dokumente später sehen die Dinge anders aus. Über Handys, Autoradios oder kleine mitgebrachte Kofferfernseher erfahren die vor dem Tor Versammelten, was der Vorsitzende Richter, Ahmed Rifaat, verkündet. Alle Angeklagten werden zunächst aufgerufen. Mubarak sagt mit sonorer Stimme auf dem Krankenbett liegend, wie am ersten Verhandlungstag: "maugud", anwesend. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille und hört regungslos den Ausführungen des Richters zu, der einen kurzen Exkurs in die Zeit vor der Revolution darbietet, als die Ägypter in einer "düsteren Zeit" lebten, dreckiges Wasser trinken mussten und Hunger litten.

Es ist eine oberflächliche Abrechnung mit dem Regime, das Millionen von Menschen keine Chance auf eine lebenswerte Existenz gab, Unterdrückung als legitimes Mittel der Machtausübung verstand und gewissenlos handelte.

Das Gericht bleibt die Beweise schuldig

Aber das ist es dann auch schon, was man als Vergangenheitsbewältigung bezeichnen kann. Kein Wort über die Drahtzieher der Morde an Demonstranten, über die Befehlsgeber und den Hergang. Keine Informationen über die Beweisführung und eventuelle Erkenntnisse aus den Zeugenvernehmungen. Den Nachweis, dass Mubarak oder sein Innenminister die Order zur Tötung der Protestierer gegeben haben, bleibt das Gericht schuldig.

Die Anklage der Korruption wird wegen Verjährung fallengelassen. Die Urteilsbegründung macht die beiden Männer nicht direkt verantwortlich für die Toten am Tahrir, sondern wirft ihnen Unterlassung vor, ihren Tod nicht verhindert zu haben. Das Urteil sei handschriftlich, sagt der Richter noch zum Schluss. Es wird also noch Tage dauern, bis es gedruckt vorliegt und veröffentlicht wird. Nach knapp 15 Minuten ist die Sitzung zu Ende. Zehn Prozessmonate sind vergangen mit einer Bankrotterklärung des Gerichts. Die Verurteilten können jetzt in Berufung gehen.

"Nein, unabhängig ist die Justiz in Ägypten nicht"

"Nein, unabhängig ist die Justiz in Ägypten nicht", sagt Saber Ammar, stellvertretender Vorsitzender des arabischen Anwaltsverbands als Reaktion auf die Forderung im Gerichtssaal, das Justizsystem zu ändern. Individuell unabhängige Richter gäbe es aber schon. Grundsätzlich würden Richter von der Juristenvereinigung eingesetzt und je nach Dienstjahren befördert. "Sie können frei entscheiden." Dem widerspricht sein Kollege, Negad al-Borei, Menschenrechtsanwalt und lange Jahre für politische Prozesse zuständig.

Wie alles andere in diesem Land, seien auch Juristen käuflich. Und selbst wenn Richter mutige Urteile fällen, heißt das noch lange nicht, dass diese auch umgesetzt werden. Mahmud Reda al-Chudeira kann davon ein Lied singen. Er war lange Vizepräsident des Obersten Gerichtshofs in Ägypten, bis er 2009 aus Protest gegen die Willkür, mit der ein nicht gefälliger Richterspruch umgesetzt wurde, von seinem Posten zurücktrat. "Was nützt es, wenn wir Urteile fällen, die nicht vollstreckt werden?", fragt der Muslimbruder, der heute Abgeordneter im neu gewählten ägyptischen Parlament und Vorsitzender des dortigen Rechtsausschusses ist.

Am Abend finden Demonstrationen vor dem Obersten Gerichtshof im Zentrum von Kairo statt. Die Bewegung 6. April, einer der Träger der Revolution, hat dazu aufgerufen. "Das ist nicht die Gerechtigkeit, die Millionen von Menschen am Nil gefordert haben", heißt es im Aufruf auf Facebook. Tausende Menschen gehen im Land auf die Straßen gegangen. Auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo – dem Symbol der Revolution – protestieren Mubarak-Gegner noch am späten Abend gegen das nach ihrer Meinung zu milde Urteil.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Stundenlang hatte ein Großaufgebot der Polizei nach dem achtjährigen Mädchen gesucht
15:15Verschwundenes Kind
Fall Sharlyn – Nachbar der Großmutter unter Verdacht

Wende im Fall der vorübergehend verschwundenen achtjährigen Sharlyn: Die Polizei verdächtigt einen Anwohner, das Kind mit in seine Wohnungen genommen zu haben. Der Mann unternahm einen Suizidversuch. mehr...

Two girls stand in rubble after a tornado struck Moore, Oklahoma, May 20, 2013. A 2-mile-wide (3-km-wide) tornado tore through the Oklahoma City suburb of Moore on Monday, killing at least 51 people while destroying entire tracts of homes, piling cars atop one another, and trapping two dozen school children beneath rubble. REUTERS/Gene Blevins (UNITED STATES - Tags: ENVIRONMENT DISASTER)
15:50Tornado
Das Sterben der Kinder von Oklahoma im entfesselten Sturm

Mindestens 24 Tote forderte ein drei Kilometer breiter Tornado in Oklahoma. Zwei Grundschulen wurden zu Todesfallen für 20 Kinder. Dabei meinten es die Lehrer nur gut, als sie die Kleinen da behielten… mehr...


Herthas Maik Franz (l.) und Sami Allagui
15:12Vereinsfinanzen
Hertha BSC bekommt so viel Geld aus TV-Vertrag wie nie zuvor

Hertha BSC plant für die Bundesliga mit einem deutlich gestiegenen Etat von 69 Millionen Euro. Ablösepflichtige Profis können nur verpflichtet werden, wenn im Gegenzug Geld für Abgänge reinkommt. mehr...


Vor Geschäftsstelle der BVG protestierten die Beschäftigten für höhere Löhne
14:20Tarifkonflikt
BVG-Mitarbeiter könnten noch heute über Streik entscheiden

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen spitzt sich die Tarifrunde bei den Berliner Verkehrsbetrieben zu. Scheitern die Gespräche, will die Gewerkschaft Ver.di umgehend über Warnstreiks beraten. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Tornado in Oklahoma Familie filmt die Zerstörung aus dem Sturmkeller
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote