01.06.12

"Polnische Todeslager"

Wie Obamas KZ-Versprecher ganz Polen verletzt

Weil US-Präsident Barack Obama versehentlich von "polnischen Todeslagern" sprach, befindet sich ganz Polen in einem Zustand der Empörung. Das Land will nicht die Schlacht um die Erinnerung verlieren.

Quelle: dapd
30.05.12 1:20 min.
US-Präsident Barack Obama wollte die Verdienste des Holocaust-Zeugen Jan Karski würdigen. Doch statt von einem "Nazi-Lager" sprach Obama von einem "polnischen Todeslager". In Polen ist man empört.

Auch Fußballer kennen die Geschichte Europas, die nicht vergehen will: Am Freitag besuchte eine deutsche Delegation, bestehend aus den Nationalspielern Philipp Lahm, Lukas Podolski und Miroslav Klose, Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Auschwitz. Fußballer aus anderen Ländern werden folgen.

Damit erweisen die Spieler den Opfern des Nationalsozialismus ihre Referenz – und zugleich dem EM-Gastgeber, einem Land, dessen meistbesuchtes Museum, so beklemmend das klingt, heute das ehemalige Lager Auschwitz am Rande Oberschlesiens ist.

Eine "deutsche" Delegation? Ja, so deutsch, wie das bunte Deutschland eben ist: mit zwei gebürtigen Oberschlesiern, von denen der eine, Klose, Polen kühl gegenübersteht, während Podolski gerne betont, dass ein polnisches Herz in seiner Brust schlägt.

Kein Skandal, wenig Öffentlichkeit

Während ihres Besuchs wurde das Stammlager Auschwitz gesperrt, die Besucher nach Birkenau umgeleitet, um aus Fußballstadien bekannte Aufwallungen zu vermeiden. Polens Öffentlichkeit hat von dem Besuch kaum Notiz genommen; so ergeht es positiven Nachrichten, die nicht zum Skandal taugen.

Ganz anders erging es dem amerikanischen Präsidenten, der sich in dieser Woche ebenfalls auf historischem Parkett bewegte – und ausrutschte. Barack Obama verlieh in Washington die Freiheitsmedaille – posthum an Jan Karski, den Kurier des polnischen Widerstands, der die freie Welt 1942 als einer der ersten über den Holocaust zu informieren versuchte.

Den Preis nahm Polens Ex-Außenminister Adam Rotfeld entgegen, selbst Holocaust-Überlebender. Und da geschah es: Obama sagte in seiner Ansprache, Karski habe sich als Zeuge damals freiwillig "in das Warschauer Getto und in ein polnisches Todeslager (Polish death camp)" begeben.

Obamas Fehler geht Polen an die Ehre

Seitdem befindet sich Polen im Zustand der Empörung. Gegen die missverständliche Formulierung "polnische Lager" für die KZ der Nazizeit laufen die Medien Sturm, und die Regierung protestiert regelmäßig, wenn ausländische Zeitungen sie verwenden.

Dass diesmal kein geringerer als Präsident Obama der Schuldige war, ein mächtiger Freund und Verbündeter, war kein Anlass zur Milde, sondern stachelte die Debatte erst recht an.

Dass Obama einst vor Veteranen sagte, sein Onkel habe Auschwitz befreit, hat man ihm in Polen verziehen (er meinte Buchenwald, wo tatsächlich US-Truppen eingerückt waren). Aber dieser Fehler geht an die Ehre.

Obama schrieb Entschuldigungsbrief

Auch wenn die "Rzeczpospolita" jetzt einräumt, die Verwendung der Formel "polnische Lager" könne manchmal auch "Zerstreutheit oder Dummheit" entspringen – hier ist ein Nerv berührt, der da heißt: Polens Leistung im Krieg, Polens Kampf gegen die Barbarei ist in der Welt nicht genügend gewürdigt worden.

Anders gewendet: Polen, der militärische Verlierer von 1939, der politische Verlierer von 1945, will heute nicht auch noch die Schlacht um die Erinnerung verlieren.

Washington musste klein beigeben. Erst sprach man dort von Obamas "Versprecher", dann gab es einen Entschuldigungsbrief Obamas an Polens Präsident Komorowski. Die Geschichte Europas bleibt ein heißes Eisen.

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