20.05.12

Euro-Dämmerung

Immer freitags überkommt die Griechen das Grausen

Was wollen die Griechen? Erst wählen sie Parteien, die gegen Brüssel wettern. Dann packt sie die Furcht, und sie tragen ihre Euros in Einkaufstüten aus der Bank. Oder sie bringen es nach "Germania".

Foto: REUTERS
Geldautomat in Athen
Ein Gerücht hält sich in Griechenland hartnäckig: Wenn das Land aus dem Euro fliegt, dann passiert es an einem Wochenende. Deshalb suchen die Griechen freitags Banken und Geldautomaten auf

Wenn das Wochenende kommt, dann wird es mit der Angst am schlimmsten. Das weiß Sofia schon, wenn sie sich am Freitagmorgen auf den Weg in die Bank macht, adrett gekleidet, meist in einer dunklen Kombination. Die Filiale liegt im Athener Stadtteil Pangrati, der so grün und gediegen ist, dass man ihn manchmal für einen Vorort hält.

Griechenlands großer Dichter Giorgos Seferis lebte hier, als er 1963 den Literaturnobelpreis erhielt. Heute wohnt Staatspräsident Karolos Papoulias in Pangrati, aber ebenso Menschen der Mittelschicht und einfache Arbeiter. Wenn es einmal so etwas wie einen griechischen Traum gab, dann wäre er hier, in Pangrati, wie in einem Guckkasten versammelt.

Doch in der Bank wartet schon der Chef auf Sofia, denn dann müssen sie Bargeld zählen. Bevor die Kunden kommen. Wie viel ist noch da? Wird es reichen? "Freitags müssen die Schalterkassen und die Geldautomaten besonders gut gefüllt sein", sagt die junge Frau mit dem rundlichen Gesicht und den grünen Augen. Denn jetzt kommt der Ansturm.

Das unausrottbare Gerücht

Freitag ist der Tag, an dem sich Griechenlands paradoxer Irrsinn so deutlich zeigt, wie zu keiner anderen Zeit – und zwar als Schauspiel in den Bankfilialen des Pleitestaats. Da kommen die Griechen scharenweise, um ihre Euros abzuheben, besessen von einem unausrottbaren Gerücht: Wenn Griechenland tatsächlich aus der Gemeinschaftswährung fliegt, dann wird das an einem Wochenende passieren.

Wenn sich niemand wehren kann. Dann ist alles, was man sein Leben lang erarbeitet und gespart hat, mit einem Schlag unwiederbringlich in wertlose Drachmen verwandelt. Fast 80 Prozent der Griechen wollen unbedingt den Euro behalten. Das einzig Absurde daran: Sie haben bei der Wahl am 6. Mai eben jenen Parteien die Mehrheit gegeben, deren Angriff auf den Sparkurs sie mit ziemlicher Sicherheit aus dem Währungsverbund herauskatapultieren würde.

Jetzt scheinen die Griechen zu sehen, was sie angerichtet haben, und verfallen in Panik. Und seit klar ist, dass bei diesen Mehrheitsverhältnissen überhaupt keine Regierung möglich ist, kennt die Angst kein Halten mehr.

400.000 Euro zum Abheben bestellt

"Am Freitag nach der Wahl war es schlimm", erinnert sich Sofia. Von einem Kollegen aus einer anderen Filiale ihrer Bank hörte sie, dass an jenem 11. Mai ein älterer Herr in der Bank erschien, um 400.000 Euro abzuheben, die er am Mittwoch nach der Wahl vorbestellt hatte. Er stopfte die Banknoten in eine Einkaufstüte, zusammen mit den Lebensmitteln, und verließ eilig die Bank. Seit Beginn der Krise hat das Land ein Drittel seiner Bankeinlagen verloren. 72 Milliarden Euro insgesamt. Gegenwärtig liegen noch etwas über 165 Milliarden bei griechischen Banken.

Die langsame, aber stetige Kapitalflucht beläuft sich seit zwei Jahren im Schnitt auf zwei Milliarden Euro monatlich. Doch allein in jener Woche nach der Parlamentswahl haben die Griechen noch einmal etwa 700 Millionen Euro von ihren Konten geräumt. Und es scheint, als sei die Welle der Angst in der zweiten Woche nach der Wahl sogar noch weiter angeschwollen: "Es ist heute noch schwerer als vor einer Woche", sagt eine führende Angestellte einer großen Athener Bank, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. "Es gibt große und wachsende Liquiditätsprobleme bei uns und bei anderen Banken."

Einige französische Banken, die traditionell besonders viel in Griechenland investiert haben, hätten schon Notfallmaßnahmen vorbereitet, falls Griechenland wirklich den Euro verlasse. Das wisse sie.

Wortduelle der Politiker schüren Angst

An diesem Freitag liegen die Nerven blank, sobald Sofias Bank ihre Tore öffnet und der Publikumsverkehr beginnt. Wenn man die Kunden als Journalist befragt, bekommt man eine breite Auswahl an Kraftausdrücken zu hören. "Scher dich zum Teufel!", ruft eine ältere Dame.

Andere poltern, das gehöre mit zur großen Verschwörung: diese Journalisten, die in die Banken kämen, um mit ihren Fragen Unsicherheit, Angst und Schrecken zu verbreiten. "Viele sind unheimlich aufgeladen und aggressiv", sagt Sofia. "Wenn ich den geringsten Fehler mache, werde ich gleich angeschrien." Die Menschen seien "verzweifelt und wütend, und viele verdächtigen uns auch immer, dass wir irgendwie mogeln und sie um ihr Geld bringen wollen".

Die Angst der Bankkunden wird noch geschürt durch die Wortduelle zwischen Alexis Tsipras, dem forschen Chef des linksradikalen Parteienbündnisses Syriza, und diversen europäischen Politikern und Funktionären.

Neuwahlen am 17. Juni

Nach ergebnislosen Verhandlungen aller Parteien hat Präsident Papoulias für den 17. Juni Neuwahlen verfügt, und der populistische Tsipras tönt immer wieder, er werde alle Sparmaßnahmen kippen, wenn er die nächste Wahl gewinne.

Die anderen Euro-Länder könnten es sich gar nicht leisten, Griechenland auszustoßen, weil dann die gesamte Einheitswährung in Gefahr geriete. Brüssel werde schon weiter zahlen. Dass die Griechen jetzt ihr Geld zu retten versuchen, lässt nur den Schluss zu, dass sie Tsipras nicht glauben – obwohl sie seine Partei gerade zur zweitstärksten Kraft gewählt haben. Das Fatale ist: Die Panik der Bankkunden könnte das Land erst recht in den Abgrund treiben.

"Wirtschaft besteht zu zwei Dritteln aus Psychologie", sagt Nikolaos Georgikopoulos, "und was das angeht, ist Griechenland schon ziemlich weit unten." Der griechische Ökonom, der in New York und London lehrt und im Finanzmarktausschuss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sitzt, hat Angst vor der Zukunft – jedenfalls "sofern nicht bestimmte Maßnahmen getroffen werden".

Wachstum wird im Keim erstickt

Das schwerwiegendste Problem sei die Situation der Banken. Deren Anteile an Unternehmen seien dramatisch im Wert gesunken, viele Kredite seien geplatzt, und seit Beginn der Krise komme kaum mehr frisches Kapital herein.

In griechische Banken will einfach niemand mehr investieren. Und jetzt ziehen selbst die Griechen ihr Geld ab. So können die Geldhäuser der heimischen Wirtschaft auch keine Kredite mehr gewähren. Jede Form von Wachstum wird so im Keim abgewürgt. Und wenn die Drachme wiederkäme, würde es noch schlimmer werden.

"Was meinen Sie, wird wohl passieren, wenn die Leute merken, dass ihre Ersparnisse ein Viertel ihres Werts verloren haben?", sagt der ältere Herr, der Konstantin heißen könnte und der seinen wahren Namen ebenso wenig genannt wissen will wie die meisten hochrangigen griechischen Bankiers in diesen Tagen.

Er hat jahrzehntelange Erfahrung im Finanzgeschäft, er gehört zur Führungsspitze einer der großen Banken des Landes, und er hat große Angst vor der Zukunft. "Wir können alle nachts nicht mehr richtig schlafen", sagt Konstantin. "Wenn Griechenland aus dem Euro fliegt, dann könnten die Guthaben hier ihren Wert auch mehr oder weniger komplett verlieren, und dann, fürchte ich, gibt es soziale Unruhen."

Athen droht Vertrauensverlust

Er glaubt nicht, dass eine Abkehr vom Sparkurs mehr Wachstum bringen wird, wie die Linksparteien versprechen. "Wenn das zur Regierungspolitik wird", sagt Konstantin, "dann wird es bald keine Banken mehr geben in Griechenland. Weil uns dann niemand auf der Welt mehr vertrauen wird." Keine Bank, kein Staat, keine internationale Organisation, meint er. Kein Mensch.

Petros Doukas, ein anderer Grandseigneur der griechischen Finanzwelt, sieht es ähnlich. Er war mal Chef des staatlichen Rechnungshofes und jahrelang verantwortlich für die Erstellung des Staatshaushalts und zuletzt – bis zur Wahl – stellvertretender Außenminister für "Finanzdiplomatie".

Er sieht – besonders durch den Sturm auf die Banken seit dem 6. Mai – das griechische Finanzsystem kurz vor dem Zusammenbruch und versteht nicht, warum die eben eingesetzte Übergangsregierung nichts tut: "Wir haben einen Ministerpräsidenten – Panagiotis Pikrammenos –, der in absentia regiert. Hier muss sich doch einer hinstellen und sagen: 'Stopp! Die Bankeinlagen sind sicher, wir garantieren das.' So etwas in diesem Sinne." Griechenland "brauchte einen Schäuble, der die Dinge in die Hand nimmt", meint er.

Zum griechischen Paradoxon gehört, dass der Grieche als Wähler genau auf jenes Land wütend ist, dem er als Bankkunde am meisten vertraut – Deutschland. Zumindest scheint es so in Sofias Filiale in Pangrati.

Der sichere Hafen "Germania"

Das Geld, das die Leute hier mitnehmen, gehe überwiegend in die Bundesrepublik, sagt Sofia. "Germania" gelte als der sichere Hafen schlechthin. Wenn man Bankkunden in Athen befragt, sagt fast jeder, der angibt, sein Geld ins Ausland gebracht zu haben, das Gleiche: Anastasia, 50, war früher selbst bei der Nationalbank.

Vor zwei Monaten hat sie ein Konto in Deutschland eröffnet und ihre Lebensersparnisse dorthin überwiesen. "Ich habe einen 22-jährigen Sohn, der studiert", sagt sie. "Wir können es uns nicht leisten, dieses Geld durch eine Währungsreform zu verlieren. Wir haben nichts anderes." Sie sei verwirrt und verzweifelt, sagt sie.

Sie habe für eine kleine liberale Partei gestimmt, weil sie für den Verbleib in der Euro-Zone sei – aber die "Demokratische Allianz" schaffte es dann nicht ins Parlament.

Eleni, eine 34-jährige Angestellte bei einem Privatunternehmen, hat vor einem Jahr 1700 Euro nach Berlin überwiesen. Sie hat dort Familie. Es ist als Polster gedacht, falls sie – wie sie fürchtet – ihren Job bald verliert. Dann will sie nach Deutschland ziehen, so wie, laut Statistik, 23.800 ihrer Landsleute im Jahr 2011. Allein die Zahl griechischer Ärzte in Deutschland ist einem Athener Zeitungsbericht zufolge von 2500 im Jahr 2009 auf nunmehr 6000 gestiegen.

Deutsche Banken profitieren

Giannis, 58, und seine Frau Anna, 54, sind Beamte. "Ich kenne unsere Banken von innen", sagt Giannis, "und ich weiß, wie zerrüttet da die Verhältnisse sind. Deswegen haben wir unser Geld vor einem Jahr nach Deutschland transferiert. Mehrere unserer Verwandten haben es genauso gemacht."

Es scheint also, dass deutsche Banken von der Verzweiflung der Griechen profitieren; das Geld der Hellenen fließt reichlich nach Deutschland. Manche aber zweifeln selbst an dessen Stabilität. "Wenn die Radikalen gewinnen, schicken wir unser Geld nach England – denn wer weiß, vielleicht führt Deutschland bald die Mark wieder ein", sagen Panos und Danai, ein Rentnerpaar. "Wir werden die Neuwahlen am 17. Juni noch abwarten."

Einiges spricht dafür, dass die Angst der Griechen – so irrational sie sich niederschlägt – bei der Wahl im kommenden Monat doch noch einen konstruktiven Niederschlag findet. Jedenfalls, wenn man den jüngsten Umfragen glauben darf.

Danach bleibt Syriza mit 23 Prozent der Wählerzustimmung zwar stark, aber erstmals seit einem Monat hat die konservative Nea Dimokratia die Radikalen wieder überflügelt, mit mehr als 26 Prozent.

400.000 Euro wieder eingezahlt

Und erstmals wäre, bei diesen Werten, gemeinsam mit den sozialdemokratischen Pasok auch eine Regierungsmehrheit da für jene Kräfte, die zwar Erleichterungen aushandeln, aber an der Sparpolitik festhalten wollen. Zumindest an den Finanzmärkten würde dann Ruhe einkehren, und vielleicht würden dann auch die Freitage für Sofia wieder etwas weniger nervenaufreibend.

Wenn es ihr während des Tages zu stressig wird, dann geht die junge Frau nach draußen und raucht eine Zigarette. Nach dem Feierabend geht sie nach Hause, isst etwas, und dann will sie erst einmal nur schlafen, mindestens eine Stunde lang. Danach braucht sie noch einmal eine große Tasse Kaffee. Obwohl sie keine großen Pläne mehr hat für diesen Abend, sie will nur noch ein bisschen lesen. Aufregung hat sie am Freitag genug gehabt. Da kann das Wochenende beschaulich vorbeigehen.

Übrigens kam der ältere Herr mit den 400.000 Euro in der Einkaufstüte am folgenden Montag wieder in die Bank und zahlte denselben Betrag wieder ein. Schließlich war an diesem Wochenende noch einmal alles gut gegangen. So schnell kommt die Drachme doch nicht wieder.

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Folgen eines griechischen Euro-Austritts
  • Rechtliche Grundlage

    Auch wenn die Rufe nach einem Austritt immer lauter werden und sogar die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario anspricht, ist ein Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

  • Folgen für Griechenland

    Mit großer Wahrscheinlichkeit würde das den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme, die vermutlich drastisch abgewertet würde. Athen würde als Folge aber international wettbewerbsfähiger, weil griechische Produkte im Ausland billiger wären. Schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen würden. Ohne großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken wäre ein Übergang nach Ansicht von Fachleuten nicht zu schaffen.

  • Folgen für die Euro-Zone

    Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Die Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal ist immens. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren. Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.

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