18.04.12

Norwegen

Breivik will entweder Freispruch oder Todesstrafe

Staatsanwältin Inga Bejer Engh entlarvt und seziert vor Gericht eiskalt die wirren Aussagen des Massenmörders Anders Breivik und treibt ihn in die Enge. Dem Attentäter gefällt das gar nicht.

Quelle: Reuters
18.04.12 2:00 min.
Eine Gefängnisstrafe nannte der norwegische Attentäter am dritten Prozesstag "armselig". Zuvor hatte der mutmaßliche Massenmörder der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, ihn zu verspotten.

Es sind nur wenige Meter, die Staatsanwältin Inga Bejer Engh im Saal 250 des Osloer Gerichts vom Angeklagten trennen. Doch als die 41-jährige am Morgen um kurz nach 9 Uhr mit dem Verhör von Anders Behring Breivik beginnt, wird klar, dass der Angeklagte und die Juristin auf verschiedenen Planeten leben.

Immer wieder fragt die Vertreterin der Anklage nach Details des angeblichen "Tempelritterordens", den Breivik in seinem "Manifest" beschreibt. Immer wieder antwortet Breivik schmallippig: "Dazu möchte ich nichts sagen." Und während die Staatsanwältin ihn weiter in die Enge treibt, wirkt der sich stets kontrolliert gebärende Attentäter zunehmend nervös, weicht aus, gibt sogar zu, in seinem "Manifest" gelogen und übertrieben zu haben.

Bereits am dritten Tag gerät Breiviks Verteidigungsstrategie auf solche Weise ins Wanken. Denn wenn Engh und ihr Kollege Svein Holden die Details aus der 1500-Seiten Schrift auf ihre Plausibilität abklopfen, gerät Breivik sofort in einen Zwiespalt. Gibt er zu, hier und da geschwindelt zu haben – etwa bei der Beschreibung seines "Netzwerks" aus "Rittern" –, erreicht er zwar auf der einen Seite womöglich sein Ziel, für zurechnungsfähig gehalten zu werden. Dann gäbe es den "Orden" für die "Rettung Europas" eben nicht – und er hätte sich lediglich zu einem Ritter in Phantasieuniform aufgespielt. Mehrfach teilte der Angeklagte bereits mit, auf keinen Fall in der Psychiatrie landen zu wollen.

Inszenierung Breiviks scheitert an der Richterin

Auf der anderen Seite aber möchte Breivik sich als politischen Attentäter inszenieren, der nicht weniger als die Rettung des Abendlandes vor Marxisten und Islamisten auf der Agenda hat. Lässt er sein politisches Vermächtnis von den Staatsanwälten sezieren und zerpflücken, drohen seine rechtsextremen politischen Motive als wertlose Hülsen entlarvt zu werden, die er nur in die Welt gesetzt hat, um seinen Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bedeutung zu camouflieren. Wenige Stunden vor den Anschlägen verschickte er seine Schrift an Tausende E-Mailadressen in aller Welt; das Dokument ist auch heute noch im Netz zu finden.

Es sieht also nicht gut aus für Breivik am dritten Tag des Prozesses. Zumal es an ihm zu nagen scheint, dass das "Manifest", das doch zu einer Art Bibel für die Nationalisten Europas werden sollte, nun von den Juristen als Quelle betrachtet und auf Stichhaltigkeit und Erkenntnisse abgeklopft wird. Hier wird nicht andächtig gelesen und diskutiert, hier wird ausgewertet.

Mit wem hatte er Kontakt, wo reiste er hin, wer gehört zu seinem Umfeld, sollte es eines geben? Das sind die Fragen, die die Staatsanwaltschaft immer wieder aufwirft. Breivik spürt, dass es eng wird. "Ich habe mehr erzählt als ich eigentlich wollte", sagt er ein ums andere Mal, oder: "Darüber will ich nicht sprechen", und "Diese Information will ich nicht preisgeben." Es geht um Reisen nach Liberia, ins Baltikum und nach London, von denen er in seinem "Manifest" berichtet hatte.

Der wirre Tempelritter

"Sie schreiben, dass mehrere Hundert Personen in Europa im Netzwerk geben soll. Wie sind Sie mit denen in Kontakt gekommen? Woher wussten Sie, dass es viele Hundert Personen gibt?", fragt Engh.

"Das hat man mir erzählt", antwortet Breivik.

"Wer hat Sie zum Tempelritter geschlagen? Waren Sie das selbst? Oder waren das andere?"

"Darüber möchte ich nicht sprechen."

"Aber darüber schreiben Sie in Ihrem Manifest."

"Ja, das hätte ich besser lassen sollen."

"Sie beschreiben sich dort als eine sehr begabte Person. Sind Sie das?", bohrt die Staatsanwältin weiter.

Breivik fragt zurück, was denn Enghs Absicht sei, warum sie versuche, ihn lächerlich zu machen. "Ich mache Sie nicht lächerlich, ich versuche, aufzuklären", sagt sie.

Staatsanwältin zeigt sich unbeeindruckt

Inga Bejer Engh gilt als erfahrene Staatsanwältin. Nach ihrem Studium arbeitete sie bei den Vereinten Nationen in New York, anschließend bei der Staatsanwaltschaft im Osloer Vorort Drammen. Sie schickte Mörder, Drogendealer und Räuber ins Gefängnis und wirkt von Breivik ganz und gar nicht beeindruckt.

Mit kristallklarer Stimme liest sie am ersten Tag die Todesursachen aus den Obduktionsberichten vor, referiert nüchtern, wie Kugeln in Gesichtern und Körpern eindrangen, Organe und Hirne zerstörten. Als ein Journalist sie auf dem Flur fragt, ob sie das Vorlesen vorher geübt hat, um nicht emotional überwältigt zu werden, antwortet sie: "Ich bin nicht emotional, ich habe einen Job zu machen." Mit dieser präzise auftretenden Frau hat es Breivik zu tun. Und möglicherweise findet er in ihr seine Meisterin.

Jedenfalls kommt er erkennbar nicht mit ihr klar. Breivik beschwert sich, dass gerade die "schlecht geschriebenen" Passagen zitiert werden, es sei doch nur eine "Kladde", und er habe keine Zeit gehabt, diese zu redigieren. "Vieles was ich geschrieben habe, hört sich jetzt ziemlich lächerlich an", gibt er zu – und begibt sich genau in die Klemme, in die ihn die Anklage treiben möchte.

Angebliche Gesinnungsgenossen

Als er Engh unterbrechen will, schneidet sie ihm das Wort ab. "Jetzt rede ich aus, Breivik."

"Sie wollen mich lächerlich machen."

"Ich will Sie nicht lächerlich machen, das Gericht muss entscheiden, ob es das Netzwerk gibt oder nicht, um mich als Person geht es hier nicht."

"Wir wollen Norwegen und Europa befreien." In die Ecke gedrängt, flüchtet Breivik sich in das ominöse "Wir", die Gemeinschaft seiner nationalistischen Freunde, von denen niemand weiß, ob es sie gibt.

Gesinnungsgenossen hat er jedenfalls da draußen. Hunderte Briefe hat er bekommen, stellen die beiden Psychiater in ihrem zweiten Gutachten fest. Auch der Gefängnisdirektor berichtet von einer "unglaublichen Menge Briefen", darunter seien auch viele Heiratsangebote. Breivik behauptet, von seiner Zelle aus in Kontakt mit Anhängern in 20 Ländern zu stehen.

Einer, der sich als ein Anhänger zu erkennen gibt, ist der 23-jährige Amerikaner Kevin Forts. Er hat der norwegischen Zeiutng "Verdens Gang" ein Interview gegeben. Forts bezeichnet sich als "Brieffreund" des Atttentäters. "Was Breivik auf Utøya getan hat, zeigt, dass er ein rationaler nationalistischer Patriot ist, der sein Volk gegen den Islam, Multikulturalismus und Marxismus verteidigen will", sagt Forts. Auch eine Facebook-Seite gibt es bereits, die den Massenmörder und seine Taten verherrlicht.

Ominöse, ausgedachte Treffen

Ist Breivik also nicht als Einziger wahnsinnig und unzurechnungsfähig? Oder gibt es einen fruchtbaren Boden für sein faschistisches Gedankengut?

Um diese Frage muss sich die Staatsanwaltschaft nicht kümmern. Engh und ihr Staatsanwaltskollege Svein Holden treiben Breivik weiter genüsslich vor sich her. Was mit seiner Reise nach Liberia sei?

"Kein Kommentar."

"Im Polizeiverhör sagten Sie, dort einen Serben treffen zu wollen."

"Dazu sage ich nichts."

"Was ist eigentlich so schlimm daran, uns Dinge zu erzählen, die Sie bei der Poizei schon gesagt haben?

"Ich möchte nicht zur Beweisführung beitragen, das ist nicht meine Aufgabe."

"Was ist denn so gefährlich daran?

"Sie wollen mich doch nur vorführen."

"Nein, ich will die Sache aufklären", sagt Engh.

"Sie versuchen, meine Erklärung zu delegitimieren", erwidert Breivik. "Aber in meinem Manifest steht die Wahrheit."

Verbaler Schmalz

Doch da finden sich eben die Sätze, die ihn heute angreifbar machen: "Die Tempelritter repräsentieren die höchste militärische Autorität in diesem Land, weil wir die einzige militärische Kraft sind, die im Interesse unseres Volkes handelt." Was früher nur Verbal-Schmalz eines von sich eingenommenen Rechtsextremen war, liest sich heute wie die Steilvorlage für die Staatsanwaltschaft.

"Sind Sie ein perfekter Ritter?" piekst Inga Engh weiter.

"Ich habe mich nie als einen perfekten Ritter bezeichnet. Ich habe versucht, mich nach den Idealen zu strecken, die ich beschrieben habe."

"Was fehlt denn dazu?"

"Eine ganze Menge, in verschiedenen Bereichen. Aber ich fühle, dass ich genau das gemacht habe, was ich wollte", antwortet er.

"Warum wurden Sie für diese Tat ausgewählt?", fragt Engh.

"Ich wurde gebeten."

"Haben Sie sich selbst ernannt oder wurden Sie zum Ritter geschlagen?", setzt Engh nach. Stets spricht sie langsam und deutlich, paraphrasiert Breiviks Aussagen, als redete ein Arzt zu seinem leicht verwirrten Patienten.

"Dazu möchte ich nichts sagen."

"Wozu gibt es die Tempelritter denn heute?"

"Für Nationalisten und Christen."

Täter Breivik ist für die Todesstrafe

Siv Hallgren, eine der Anwältinnen der Nebenklage, möchte das mit dem Christentum genauer wissen. Sie fragt Brevik nach seiner religiösen Einstellung.

"Ich bin ein bisschen religiös", sagt er. "Ich glaube an Gott und ein Leben nach dem Tod", gibt er an. Seine "Ritter" wollten keine Theokratie einführen, sie seien keine Fundamentalisten.

Nach Nächstenliebe oder dem christlichen Menschenbild wird er nicht befragt. Das ist aus seiner Sicht auch nicht nötig. "Die Debatte um Norwegens und Europas Zukunft hat mit mir nichts zu tun. Ich bin nur ein Werkzeug", sagt Breivik.

Inga Engh nimmt den Angeklagten und seine Ideologie beim Wort und fragt ihn, ob man nach dem 22. Juli die Todesstrafe hätte einführen sollen. Der Attentäter erwidert: "Das wäre aus vielen Gründen richtig gewesen. Wenn man diese Sache beurteilt, gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder Freispruch, was unrealistisch ist, oder die Todesstrafe. Ich sehe 21 Jahre Gefängnis als armselige Strafe an."

21 Jahre sind die höchste Haftstrafe, die ein norwegisches Gericht für Mord überhaupt verhängen kann. Im Übrigen, fährt Anders Breivik fort, sei es "schade", dass der Schöffenrichter ausgeschlossen werden musste. Tomas Indrebrø hatte am 23. Juli 2011 in einem Leserkommentar im Internet geschrieben, dass die Todesstrafe das einzig richtige sei. Offenbar war er sich da mit dem Täter einig.

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Richterin Arntzen
  • Herkunft

    Sie stammt aus einer Juristenfamilie – und ist mit einem Juristen verheiratet. Ihr Großvater Sven Arntzen war nach dem Zweiten Weltkrieg als Staatsanwalt mit dafür verantwortlich, das norwegische Rechtssystem von vormaligen Nazi-Kollaborateuren zu befreien. Wenche Elizabeth Arntzen, seine Enkelin, führt gemeinsam mit dem Osloer Amtsrichter Arne Lyng den Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik.

  • Im Breivik-Prozess

    In dem international stark beachteten Strafverfahren gegen Breivik ist die Juristin sehr darauf bedacht, die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden des Massakers zu schützen. Immer wieder versucht sie, Breiviks Aussagen auf das Nötige zu begrenzen, betont aber auch, dass der Angeklagte die Möglichkeit bekommen müsse, sich zu äußern.

  • Examen

    Die Juristin, die seit 2007 Amtsrichterin ist, erfuhr im Dezember vergangenen Jahres von ihrem spektakulären Auftrag. Nach ihrem juristischen Abschlussexamen 1986 hatte Arntzen zunächst im norwegischen Justizministerium gearbeitet, von 1989 bis 2003 für das Büro des Generalstaatsanwalts, der die Regierung in Zivilprozessen vertritt. Von 2003 bis 2007 war sie als Anwältin in einer Kanzlei tätig.

  • Geheimdienst-Kontrolle

    Seit 2009 ist Arntzen Mitglied in einem Komitee, das im Auftrag des Parlaments die Geheim- und Sicherheitsdienste des Landes kontrolliert. Der Ausschuss überwacht auch den Inlandsgeheimdienst PST, der scharf dafür kritisiert wurde, dass er Breivik nicht schon vor den blutigen Attentaten auf die Spur gekommen war. Dennoch entschied das Amtsgericht Oslo, dass Arntzen in diesem Zusammenhang nicht befangen sei.

  • Juristenfamilie

    Der Vater der Richterin, Andreas Arntzen, ist Strafverteidiger. Sie selbst ist mit einem Juristen verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 18 und 21 Jahren.

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