25.03.12

Französische Juden

"Wir und die Muslime sind nie nur Franzosen"

Die Verbindungen französischer Juden nach Israel sind eng, die Hälfte aller jüdischen Paare aus Paris heiratet dort. Und immer mehr Juden verlassen das Land für immer – aus Angst.

Von Michael Borgstede
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa
Historisches Pariser Judenviertel Marais
Zwei orthodoxe Juden unterhalten sich vor der Synagoge Rue Pavee im historischen jüdischen Viertel von Paris, dem Marais. Viele französische Juden erwägen, nach Israel auszuwandern

Jenen Satz, der ihn vor 32 Jahren zur Auswanderung bewegte, kann Gabriel La Salle noch heute aus dem Gedächtnis zitieren. Am jüdischen Feiertag Simchat Thora des Jahres 1980 explodierte eine Bombe am Eingang der Synagoge im 16. Bezirk der französischen Hauptstadt. Vier Menschen wurden getötet: eine Israelin und drei nicht jüdische Passanten.

Prompt trat der französische Ministerpräsident Raymond Barre vor die Kamera und sagte jenen verhängnisvollen Satz, der Gabriel La Salles Leben verändern sollte: "Der verabscheuungswürdige Terroranschlag war gegen die Juden in der Synagoge gerichtet, traf aber unschuldige Franzosen, die die Rue Copernic überquerten."

"Die Muslime hassen uns und werden immer mächtiger"

Für La Salle war sofort klar, was der Regierungschef da gesagt hatte: "Erstens sind Juden niemals wirklich unschuldig und zweitens können Juden nie echte Franzosen sein", fasst der heute fast 60-jährige Immobilienmakler zusammen. Er packte seine Koffer und flog nach Tel Aviv.

Bereut hat er es nicht. "Der Antisemitismus in Frankreich hat seitdem nur zugenommen. Juden haben da nichts mehr zu suchen, die Muslime hassen uns und werden immer mächtiger."

Solche Sätze bekommt man oft zu hören, wenn man sich unter den nach Israel ausgewanderten französischen Juden umhört. Und zweifellos ist Judenfeindlichkeit gerade unter muslimischen Jugendlichen in den Banlieues weit verbreitet. Das Entsetzen war groß, als 2006 der 24-jährige französische Jude Ilan Halimi von einer Gruppe muslimischer und antisemitischer Jungendlicher entführt und drei Wochen lang brutal gefoltert wurde.

Antisemitische Taten werden gewaltsamer

Halb tot wurde Halimi gefunden, er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Bei vielen französischen Juden schrillten die Alarmglocken, die Zahl der Auswanderer nach Israel schnellte nach oben. Schon zwei Jahre zuvor hatte der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon die französischen Juden aufgefordert, nach Israel zu kommen. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus habe das jüdische Leben in Frankreich keine Zukunft. Die französische Regierung reagierte empört, Scharon musste zurückrudern.

Tatsächlich lässt sich die Theorie vom konstant zunehmenden Antisemitismus in Frankreich empirisch kaum nachweisen. 2011 ist die Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten in Frankreich um 16,5 Prozent zurückgegangen. 389 solcher Zwischenfälle hat der Dienst für den Schutz der Jüdischen Gemeinschaft gezählt – die niedrigste Zahl seit zehn Jahren. Ein Jahr zuvor waren es noch 466.

Allerdings sind die Taten gewaltsamer geworden. Die meisten Täter sind jugendliche Muslime, deren Aggressivität von der politischen Lage im Nahen Osten abhängt. Ein besonders dramatischer Befund ist das trotzdem nicht. In Großbritannien, wo nur 270.000 Juden leben, kam es 2011 zu 523 antisemitischen Straftaten und Deutschland liegt mit knapp über 800 Vergehen deutlich in Führung.

Europaweit spricht die Statistik eine eindeutige Sprache: Ob Intifada oder Gaza-Krieg – wann immer die Situation im Nahost-Konflikt eskaliert, kommt es auch zu einer dramatischen Zunahme antisemitischer Straftaten in Frankreich und anderen europäischen Ländern.

In erster Linie nicht Franzosen, sondern Sympathisanten

"Juden und Muslime sind in Frankreich nicht mehr zuerst Franzosen, sondern Sympathisanten – entweder für Israel oder für die Palästinenser", sagt Jérome Halberstadt, der offen zugibt, nicht wegen des Antisemitismus, sondern wegen des Wetters und des Strands nach Israel ausgewandert zu sein.

Er selbst gehört zur ursprünglich aus Osteuropa stammenden aschkenasischen Minderheit innerhalb des französischen Judentums. Die meisten der heute etwa 500.000 französischen Juden seien hingegen erst vor wenigen Jahrzehnten aus den ehemaligen französischen Kolonien Nordafrikas eingewandert, sagt Halberstadt.

Sie seien oft eher traditionell und stellten den überwiegenden Teil der Auswanderer nach Israel. Wer noch nicht ausgewandert sei, bereite sich zumindest gedanklich auf diesen Fall vor.

Hochzeiten, Familienfeste und Begräbnisse in Israel

Aus religiösen Gründen lassen sich 40 Prozent der französischen Juden in Israel begraben - wie auch die Opfer des Anschlags von Toulouse. Schon Jakob habe im Alten Testament schließlich darum gebeten, nicht im ägyptischen Exil zur ewigen Ruhe gebettet zu werden und zum jüngsten Gericht müssten eh die Gebeine aller Juden in das Heilige Land kommen und wer sich dann schon dort befindet, ist eben im Vorteil.

Doch auch im Diesseits erwägen nach einer Umfrage aus dem Jahr 2004 sechs Prozent der französischen Juden ernsthaft, nach Israel auszuwandern. Die Verbindungen in den Judenstaat sind eng: Die Hälfte aller jüdischen Paare aus Paris heiratet in Israel, rund 1000 Familienfeste in Frankreich lebender Juden finden jährlich im Heiligen Land statt. Das hat einleuchtende Gründe: Während einige nordafrikanische Juden nach dem Ende der Kolonialherrschaft nach Frankreich gingen, wanderte ein andere Teil derselben Familie oft nach Israel aus.

Die Zahl der Einwanderer nach Israel ist nämlich erstaunlich stabil: 2010 erhielten 1286 französische Juden die israelische Staatsangehörigkeit, ein Jahr zuvor waren es 1129. Das sind nicht mehr als 0.25 Prozent der jüdischen Bevölkerung Frankreichs. Proportional auf die jüdische Bevölkerung umgerechnet liegt die Zahl kaum höher als in Großbritannien, jedes Jahr wandert ein fast doppelt so hoher Prozentsatz belgischer Juden nach Israel aus.

"Die Angst sitzt uns Juden in den Knochen"

Dennoch verkauft Gabriel La Salle auffallend viele Wohnungen an seine ehemaligen Landsleute: "Der größte Teil meiner französischen Kunden sieht in einer Wohnung in Israel eine gute Investition und eine Lebensversicherung, für den Fall der Fälle", sagt er. Längst nicht alle Käufer würden gleich ihre Zelte in der alten Heimat abbrechen.

"Das sind teure Ferienwohnungen, die das meiste Jahr über leer stehen", lacht er. Aber wenn die schnelle Flucht dann nötig sei, habe man wenigstens schon ein hübsch eingerichtetes Häuschen im Judenstaat. "Die Angst werden wir nicht mehr los, die sitzt uns Juden in den Knochen", sagt er dann und fügt nachdenklich hinzu: "Na ja, wir haben ja auch eigentlich immer gute Gründe zur Sorge."

Immerhin habe die französische Regierung sich nach dem Anschlag von Toulouse vorbildlich verhalten: "Die Solidarität ist schon wichtig", sagt er. Das sei ein schönes Gefühl, denn ein wenig sei er ja auch nach 30 Jahren noch Franzose.

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