19.11.08

Datenreport 2008

Deutsche – Unzufrieden, frustriert, pessimistisch

Die Deutschen sehen für die Zukunft schwarz. Das hat eine aktuelle Studie ergeben. Nur 30 Prozent glauben, dass es ihnen in fünf Jahren besser gehen wird als heute – weniger als in jedem anderen EU-Land. Hoffnung setzen die Bürger auf Staat, Freunde und Familie. Nur der Demokratie, der trauen sie auch nicht.

Die Deutschen sehen pessimistischer in die Zukunft als fast alle anderen Europäer: Nur 30 Prozent der Deutschen glauben, dass es ihnen in fünf Jahren besser gehen wird als heute. In keinem der 27 EU-Mitgliedsländer beurteilten die Bürger ihrer Zukunftsperspektiven noch schlechter. Dies geht aus dem Datenreport 2008 hervor, der am Mittwoch im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) vorgestellt wurde.

Die deutsche Spitzenposition in Sachen Pessimismus ist typisch für den Sozialbericht, der Daten der amtlichen Statistik und Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung zusammenstellt. Danach geht es in Deutschland abwärts: Die Deutschen werden immer ärmer und unzufriedener. Das Vertrauen in die sozialen Sicherungssysteme schwindet dramatisch, Politikverdrossenheit greift um sich, selbst die Demokratie könnte Schaden nehmen, warnen die Autoren des Berichts. Rare Lichtblicke in dem Report, der Aspekte der "objektiven Lebensverhältnisse und des subjektiven Wohlbefindens der Bürger" aufzeigen will: Der soziale Zusammenhalt der Deutschen ist besser als sein Ruf. Und das Entstehen einer neuen Unterschicht in Deutschland konnten die Forscher in den Daten nicht erkennen.


Zufrieden sind die Deutschen mit ihren Wohnverhältnissen und dem Familienleben, unzufrieden vor allem mit ihrem Haushaltseinkommen. Das kann nicht verwundern: Denn die Realeinkommen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren praktisch nicht verändert. Lag das durchschnittliche Haushaltseinkommen 2001 noch bei 18838 Euro, so betrug es 2006 kaum verändert 18850 Euro. Zugleich öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter.

Unzufrieden sind die Deutschen auch mit den Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Die Zufriedenheit mit der sozialen Sicherung ist inzwischen auf das niedrigste Niveau der letzten 25 Jahre gefallen. Dass die Rente sicher ist, glauben nur noch 33 Prozent der Bürger in Westdeutschland, 39 Prozent in Ostdeutschland.

"Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation resultiert nicht zuletzt aus den hohen Erwartungen der Bürger an den Sozialstaat", konstatierte Heinz-Herbert Noll, Mitherausgeber der Studie. Die Verantwortung für die soziale Sicherung sehen rund die Hälfte der Deutschen – allen Appellen an Eigenverantwortung und -vorsorge zum Trotz – beim Staat.

"Besorgniserregend" nennen die Autoren der Studie das niedrige Niveau der Demokratiezufriedenheit. Noch deutlich schlechter als im Schnitt der Bevölkerung sind die Werte für jene Gruppen, "die zu den Verlierern der gesellschaftlichen Entwicklung zählen": Personen mit niedriger Bildung, niedrigem Einkommen und Arbeitslose. Dies könnte ein "Risiko und Konfliktpotenzial für die Demokratie insgesamt darstellen", warnen die Forscher.


Als Warnsignal für das politische System werten die Autoren auch die kontinuierlich schwindende Wahlbeteiligung, vor allem unter jungen Wahlberechtigten, und die Erosion der Mitgliederzahlen der Parteien. Im Vergleich zu 1990 haben die Parteien rund 40 Prozent ihrer Mitglieder verloren. 2007 waren nur noch 1,4 Millionen Bürger Mitglieder einer Partei, das entspricht 2,3 Prozent der Wahlberechtigten. Allerdings leiden auch andere Großorganisationen wie Gewerkschaften und Sportvereine unter Mitgliederschwund, räumte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, bei der Vorstellung des Sozialberichts ein. Zugleich wirken immer mehr Menschen – so Krüger – "an alternativen, nichtinstitutionalisierten Formen der politischen Willensbekundung mit". So steige der Anteil derer, die sich an Demonstrationen beteiligten.

Es ist also nicht alles schlecht in Deutschland. Besser als die politische Integration gestaltet sich nach den Worten von Noll die soziale Integration. Nur kleine Minderheiten seien von sozialer Ausgrenzung betroffen. Die Hälfte der Deutschen trifft sich mindestens einmal pro Woche mit Freunden, Verwandten oder privat mit Arbeitskollegen. Drei Viertel der Deutschen habe jemanden, "auf dessen Hilfe sie sich verlassen können, wenn sie Unterstützung benötigen". Die große Mehrheit der Bevölkerung sei gut in soziale Kontakt- und Unterstützungsnetzwerke integriert, so das Fazit des Sozialberichts.

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