Sacharow-Preisträger
Hu Jia ist gefangen in der "Stadt der Freiheit"
Die Auszeichnung des chinesischen Dissidenten Hu Jia hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Doch gerade das versuchen die Machthaber in Peking zu unterbinden. Sie schirmen den Preisträger und seine Familie von der Öffentlichkeit ab. Doch die im Internet stattfindende Debatte bereitet China Schwierigkeiten.
Von Johnny Erling
Emails oder SMS, die gestern an die 25 Jahre alte Zeng Jinyan gerichtet wurden, blieben unbeantwortet. Bereits seit September ist sie nicht erreichbar. Ihr Mann, Hu Jia, wurde mit dem Sacharow-Preis vom Straßburger EU-Parlament ausgezeichnet. Von Ende 2007 an schirmte die Polizei die Wohnung des inhaftierten Hu in Pekings Vorort Tongxian hermetisch von Besuchern ab. Im April 2008 wurde Hu zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Frau Zeng und ihr Baby wurden unter Hausarrest gestellt. Der Wohnblock für Chinas Mittelklasse, wo Mutter und Tochter die vergangenen Monate nur von den Eltern besucht werden durfte, heißt "Bobo – Stadt der Freiheit"
Aus der gedruckten Presse erfuhr Chinas Öffentlichkeit fast nichts vom EU-Preis. Erst recht nichts über die Aufforderungen, die Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen stellten, den leberkranken Häftling "sofort freizulassen und aufzuhören, seine Familie zu schikanieren." Ein Sprecher des Außenministeriums hatte die Auszeichnung von Hu Jia als "grobe Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten" verdammt, zugleich aber als zu "unbedeutendes Ereignis" heruntergespielt.
Nach diesem Motto handelten gestern auch Pekings Zensurbehörden. Sie unterdrückten die Berichterstattung. Nur die im Parteiverlag der Volkszeitung erscheinende außenpolitische "Global Times" (Huanjiu Shibao) durfte über den Vorfall berichten: "EU-Parlament setzt erneut China mit Menschenrechten unter Druck", schrieb ihr Brüssler Korrespondent. Er nennt Hu Jia einen "rechtmäßig verurteilten Verbrecher. Mit dem Preis mischt sich die EU in Chinas Justizhoheit ein."
Viel schwerer fiel Peking die im Internet sofort hochkommende Debatte einzudämmen. Sie ließ die Hassartikel junger Nationalisten löschen, die den Bogen überspannten und den Westen, die EU und Frau Merkel attackierten. Peking passen anders als noch während der Tibetkrise bei der derzeitigen Wirtschaftskrise solche Ausbrüche nicht. In den Foren populärer Portale von "qq.com" bis "sina.com" oder "baidu.com" verschwanden Hunderte besonders aggressiver Wutblogs ebenso schnell wieder, wie sie ins Netz gestellt wurden. Harmlosere Beiträge, die zur Kritik am "reaktionären EU-Parlament" oder gegen "westliche Einmischung in China, die seit dem Boxeraufstand Tradition hat" aufforderten, blieben stehen. Viele stellten Fragen, wer Hu Jia ist und was er geschrieben hat.
Die Zensur verfolgte noch stärker die positiven Stimmen. Einige mutige Blogger, die für Hu Jia Partei ergriffen, entkamen ihr, darunter auch der Blog des Journalisten "Lian Yue". Er stand gestern Abend noch im Netz. "Lies mich schnell" stand drüber. Fast 24.000 Besucher kamen der Auforderung nach. Der Autor nannte es einen "der dümmsten Fehler" der Regierung, als sie Hu Jia für einige Artikel verurteilte, nur um andere zum Schweigen zu bringen. "China reiht sich damit unter die wenigen Länder ein, die jemanden verurteilen, weil er etwas sagt oder schreibt.
Sie gibt so zu, dass es bei uns keine Rede und Meinungsfreiheit gibt." Auch das chinesischsprachige Wikipedia ließ sich bis gestern Nacht mit einem zehnseitigen aktualisierten Portraits über Hu Jia öffnen. Letzter Satz: "Trotz aller Versuche aus Peking die Auszeichnung zu verhindern, wurde Hu Jia am 23.Oktober Sacharow-Preisträger des EU-Parlaments."
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