Irak
Imame rufen zur Verfolgung von Christen auf
Samstag, 3. Januar 2009 12:19 - Von Birgit SvenssonChristen im Irak schweben in Lebensgefahr. Radikale Muslime machen Jagd auf Andersgläubige. In der Stadt Mosul sollen gezielte Säuberungen stattfinden. Frankreich und Deutschland haben signalisiert, christliche Flüchtlinge aufzunehmen. Doch der Vorsitzende der Christenvereinigung im Irak nennt dies rassistisch.
Es begann am letzten Mittwochmorgen kurz nach acht, als Autos mit Megaphonen
durch die Stadt fuhren und das verkündeten, was in den kommenden Tagen
geschah. „Christen von Mosul“, hallte es durch die Straßen der drittgrößten
Stadt Iraks, „ihr habt drei Möglichkeiten: entweder ihr werdet Muslime oder
ihr verlasst die Stadt oder wir bringen euch um!“ Tags darauf wurde im
christlichen Stadtteil Al Sadiq ein Mann mit einem Kind an der Hand von
maskierten Männern angehalten, die seinen Identitätsnachweis forderten. Da
dieser einen christlichen Namen aufwies, wurde der Mann sofort erschossen.
Als der Junge bestätigte, dass der Getötete sein Vater sei, wurde auch das
Kind erschossen. Bis heute sind ein Dutzend Christen aus Mosul getötet,
etliche entführt und drei Häuser zerbombt worden.
Augenzeugen berichten von al-Qaida und ihr nahestehenden Organisationen, aber
auch von einigen Anhängern Saddams, die für den Terror gegen Christen in
Mosul verantwortlich seien. Geistliche aller christlichen Konfessionen im
Irak riefen in Bagdad zu einem Schweigemarsch auf, um auf die Verfolgung
aufmerksam zu machen. Chaldäer, Assyrer, Armenier und griechisch Orthodoxe
gingen gemeinsam mit brennenden Kerzen, beklagten sich über die Untätigkeit
der irakischen Regierung, die nichts zu ihrem Schutze unternehme und die
radikalen Islamisten gewähren ließe. Der Paragraf 50 der neuen Verfassung,
der die Religionsfreiheit gewährleiste, werde mit Füßen getreten, so ihre
Klageschrift, die in allen arabischen und kurdischen Zeitungen im Irak
zumeist auf der ersten Seite abgedruckt wurde.
Die grausame Geschichte wiederholt sich
Der Oberbürgermeister von Mosul spricht von etwa 1000 Familien, die die Stadt
bereits verlassen hätten und in den umliegenden Dörfern Zuflucht suchten. Es
sei eine gezielte Aktion im Gange, um die Stadt von den Christen zu säubern,
so Dureid Kaschmulla. 2007 seien es die Jesiden gewesen, die mit massiven
Bombenanschlägen, Ermordungen und Entführungen vertrieben worden seien.
Heute gäbe es fast keine Jesiden mehr in Mosul. Die Jesiden sind eine uralte
Religionsgemeinschaft mit christlichen Wurzeln, die als Teufelsanbeter
verschrien, auch schon zu Saddams Zeiten verfolgt wurden. Ganz anders die
Christen. Sie waren weitestgehend respektiert. Tarek Aziz, ein in der Nähe
von Mosul geborener Christ, war jahrelang Außenminister und sogar
Stellvertreter Saddams.
Bei den Freitagsgebeten in den Moscheen rufen die Imame zur Verfolgung von Christen und Juden auf, christliche Studentinnen werden ermahnt, im Schleier zu den Vorlesungen zu erscheinen, christliche Schüler finden sich zunehmenden Beleidigungen durch ihre muslimischen Klassenkameraden ausgesetzt. „Offensichtlich gibt es hier Kräfte, die ein fundamentalistisch islamisches Khalifat errichten wollen“, kommentiert Oberbürgermeister Kaschmulla die Vorkommnisse in seiner Stadt. Dies wurde auch schon in anderen Provinzen Iraks versucht – in Anbar, Dijala und auch in Teilen Bagdads. Doch dort gab es durchgreifende Militäroperationen, die dem terroristisch, islamistischen Spuk ein Ende bereiteten.
Auch in Basra, im Süden Iraks, sind nach anfänglichen Schwierigkeiten nach und nach Erfolge zu verzeichnen. In Mosul dagegen scheinen die Versuche der amerikanischen Truppen, zusammen mit den irakischen Sicherheitskräften für Ruhe und Ordnung zu sorgen, fehlgeschlagen zu sein. Beobachter dort sprechen gar von einer drastischen Verschärfung der Sicherheitslage in den letzten Monaten.
Beim Einmarsch amerikanischer und britischer Truppen vor fünf Jahren, gab es
circa 800.000 Christen im Irak. Aktuelle Schätzungen besagen, dass ein
Drittel von ihnen ins Ausland geflohen sei und Tausende in den sicheren
kurdischen Provinzen im Nordosten Iraks Aufnahme gefunden hätten.
Deshalb wäre es verheerend, wenn noch mehr Christen das Land verlassen
würden, sagt der Vorsitzende der chaldäisch-assyrischen Vereinigung im Irak,
Yonadam Kanaa. „Das Ansinnen Deutschlands und Frankreichs, eine größere
Anzahl von Christen in Europa aufzunehmen, ist rassistisch und sät nur noch
mehr Zwietracht unter den unterschiedlichen religiösen Gruppen im Irak“,
sagt Kanaa, der als einziger gewählter christlicher Abgeordneter im
Parlament in Bagdad einen Sitz hat.
Erschienen am 14.10.2008






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