Stand der Einheit
Exodus aus Ostdeutschland – Wenn alle gehen
Mittwoch, 30. Dezember 2009 15:18 - Von Martin LutzWolfgang Tiefensee hat den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2008 vorgelegt. Ein offensichtlich unaufhaltsamer Trend hält an: Fast 20 Jahre nach der Wende bluten die neuen Länder weiter aus, es werden zu wenig Babys geboren. Im Saldo der Zu- und Wegzüge sieht der Osten alt aus.

Wolfgang Tiefensee ist ein Meister des Sowohl-als-auch. Sein Motto für den Aufbau Ost lautet: „viel erreicht, viel zu tun“. Fast 20 Jahre nach der Einheit spricht der Ost-Beauftragte der Bundesregierung nicht von blühenden Landschaften in Ostdeutschland wie einst Bundeskanzler Helmut Kohl. Noch eine Dekade ist nötig, so schätzt Tiefensee, um dort die „flächendeckende Strukturschwäche“ abzubauen. Der Verkehrsminister sieht viel Licht, aber auch Schatten. Und die Schatten dürften in den nächsten Jahren größer werden.
Die Entvölkerung wird wohl dessen größtes Problem. In einer Studie stellte das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung kürzlich fest, dass unter den zehn am stärksten betroffenen Schwund-Regionen Europas Sachsen-Anhalt, Chemnitz und Thüringen sind. Tiefensee rechnet damit, dass Ostdeutschland in gut einem Jahrzehnt zwei Prozent der Bevölkerung verliert. Experten gehen von sehr höheren Zahlen aus. Folge wird ein Fachkräftemangel sein, der teilweise schon jetzt spürbar ist. Was dies für die Steuereinnahmen der neuen Länder und das Wachstum der Wirtschaft bedeuten wird, lässt sich leicht ausmalen.
Die Situation wird sich verschärfen
Die Situation im Osten wird sich auch deshalb verschärfen, weil die Gelder aus dem Solidarpakt II ab 2009 erstmals schrittweise gekürzt werden. In diesem Jahr gibt es noch 10,2 Milliarden Euro, im kommenden Jahr 700 Millionen Euro weniger. 2010 und 2011 werden es noch 8,7 beziehungsweise acht Milliarden Euro sein. Laut Tiefensee darf der Solidarpakt II mit insgesamt 156 Milliarden Euro Transfer bis 2019 nicht infrage gestellt werden: „Wer daran rüttelt, entzieht dem Aufbau Ost das entscheidende Fundament.“ Denn ohne das Geld kann Ostdeutschland finanziell nicht auf eigenen Füßen stehen. Nach wie vor gibt es Tiefensee zufolge „keine sich selbst tragende Wirtschaft“, obwohl sich der industrielle Sektor stabilisiert habe und „tolle Wachstumsraten“ produziere.
Zwar verzeichnet die Industrieproduktion mit 9,9 Prozent in den Flächenländern
eine höhere Wachstumsrate als im Westen mit bis zu sechs Prozent. Insgesamt
lag das Wachstum in den neuen Ländern einschließlich Berlins im vergangenen
Jahr mit 2,2 Prozent unterhalb des Westniveaus von 2,5 Prozent. Kritisch
beurteilt Tiefensee, dass lediglich fünf Prozent der privaten Forschungs-
und Entwicklungsaktivitäten im Osten stattfindet – im Gegensatz zu den
öffentlichen Forschungseinrichtungen, die zu einem weit größeren Teil in den
neuen Ländern arbeiten.
Licht und Schatten gibt es auch beim Kernproblem Arbeitslosigkeit. So ist das
Heer der Langzeitarbeitslosen im Osten besonders groß. 41,3 Prozent sind
länger als ein Jahr arbeitslos. Insgesamt sank die Arbeitslosigkeit im
Sommer zwar auf den niedrigsten Stand seit 1991. Aktuell fiel die Quote im
Vergleich zum Juni 2005 um 5,8 Prozentpunkte, das sind rund 506000
Arbeitslose weniger.
Dabei entwickelt sich die Arbeitslosenquote regional sehr unterschiedlich. So
steht Potsdam mit 7,8 Prozent im Vergleich zu Görlitz mit 20,1 Prozent sehr
gut da. Dennoch liegt die Arbeitslosenquote insgesamt mit aktuell 12,7
Prozent immer noch doppelt so hoch wie im Westen. Hauptsächlich diesen
Umstand macht Tiefensee für das „Gefühl der Zweitklassigkeit“
verantwortlich, das bei den Bürgern im Osten seiner Ansicht nach immer noch
vorherrscht. Und so lange dieses Gefühl vorhanden sei, werde es ihnen schwer
fallen, die nächste Dekade zu bewältigen.
Ein wichtiger Punkt steht nicht im Bericht, weil sie im Bundeskabinett noch
umstritten ist. Zwar verhandelt Tiefensee mit Arbeitsminister Olaf Scholz
(SPD) darüber, bis zum Ende der Solidarpakt-Zahlungen 2019 schrittweise ein
einheitliches Rentensystem zu schaffen. Doch Tiefensee konnte seine
Forderung gegenüber dem Kanzleramt nicht durchsetzen. Immerhin werden die
Kosten für eine solche Angleichung der Renten auf sechs Milliarden Euro im
Jahr geschätzt.






















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