US-Wahlkampf
Neuer Ärger für Palin – jetzt wegen der Religion
Mittwoch, 3. September 2008 17:14 - Von Torsten KrauelErst schockiert Sarah Palin den konservativen Teil der US-Nation mit ihrem Geständnis, dass ihre 17 Jahre alte Tochter schwanger sei. Jetzt steht der möglichen Kandidatin der Republikaner für das Amt des US-Vizepräsidenten weiteren Ärger ins Haus. Sie hat sich in die Nähe radikaler Prediger begeben.

Sarah Palin, Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten, bekommt
möglicherweise wie Barack Obama ein Problem mit einem Pastor, aber noch mehr
mit eigenen religiösen Äußerungen. Palin hat im Juni den Irak-Krieg als
„Gottes Plan“ bezeichnet.
Palins hat in ihrem Heimatort Wasilla bei Anchorage mehrmals die
Kirchenzugehörigkeit gewechselt. Seit 2006 gehört sie der „Wasilla Bible
Church“ an. Zuvor war sie aber auch Mitglied der Zweigkirche Wasilla der
evangelikalen „Versammlung Gottes“.
In der „Wasilla Bible Church“ hielt am 17. August David Brickner eine Predigt. Sarah Palin soll US-Medienberichten zufolge bei dem Auftritt in der Gemeinde gesessen haben. Brickner ist Vorsitzender einer Gruppe namens „Juden für Jesus“. In seiner Predigt sagte er unter anderem, Jesus habe den Juden ein Strafgericht für ihren Unglauben angekündigt. Nur die Versöhnung von Israelis und Arabern unter dem Zeichen des Kreuzes könne daran langfristig etwas ändern.
Bickner sagte dann, die Strafe für die Juden vollziehe sich auch heute: „Als mein Sohn in Jerusalem war, sah er einen Teil des Strafgerichts, dieses Konflikts, als ein Palästinenser aus Ost-Jerusalem mit einem Bulldozer Dutzende über Autos rollte und viele Menschen tötete. Strafgericht – man kann das nicht übersehen. Jesus hat davon gesprochen, aber er lässt uns nicht allein. Es gibt einen Weg zurück vom Strafgericht.“
Wenn tatsächlich zutrifft, das Palin eine Predigt hörte, in der antijüdischer Terrorismus als Strafgericht Jesu gegen die Juden dargestellt wurde, könnte das angesichts des wichtigen Stellenwerts jüdischer Wähler zu einem Thema werden. Mit dem Verweis auf Sarah Palin könnten die Demokraten versuchen, Boden zu gewinnen.
Die Brickner-Predigt war aber keineswegs die einzige Enthüllung. Seit 1999 ist ein Pfarrer Ed Kalnins Pastor der „Assembly of God“ in Wasilla. Am Dienstag wurde auch ein in Kalnins Kirche gedrehtes Video bekannt. Es zeigt Sarah Palin bei einem Grußwort an eine Jugendgruppe. Es wurde am 8.Juni gehalten. Palin sagte mit energisch glockenhellem Ton, ihre Gedanken eher aneinanderreihend als präzise darlegend: „Mein Sohn Track ist jetzt in der U.S. Army. Er ist Infanterist.“ Palin, zur Kamera winkend: „Er sendet hier übrigens beste Grüsse an seine frühere Kinderfrau Christine“ und fuhr fort: „Track – betet alle hier heute für das Militär; er wird im September in den Irak versetzt; betet alle für unsere Männer und Frauen in Uniform, die sich so mühen zu erfüllen, was auch für das ganze Land richtig ist; unsere Führung, unsere nationale Führung schickt sie dort hinaus für ein Ziel, das Gott gesetzt hat.“
Weiter sagte sie: „Deshalb müssen wir für unsere Soldaten beten; es gibt ganz sicher einen Plan, und der Plan ist Gottes Plan. Behütet sie also mit euren Gebeten, die Gebete schützen sie. Sarah Palin sagte außerdem über ihre Kirche: „Das ist ein ganz, ganz besonderer Ort. Was aus dieser Kirche kommt, ist von großer Tragweite!“ Der Kriegsplan im Irak ein „Plan Gottes“?
Fairerweise gehört ins Bild, dass Palin in anderen nun bekannt werdenden Interviews eine eher vorsichtig skeptische Haltung durchschimmern ließ. Sie sagte zum Beispiel, wichtig sei ein „exit plan“, ein Abzugsplan. Wer die Äußerungen vorurteilsfrei liest, wie man auch Jeremiah Wrights Predigten im Kontext einer komplizierten schwarzen Bewusstseinsgeschichte lesen sollte, könnte auf die Idee kommen: Hier drückt eher eine Mutter die Hoffnung aus, Gott möge ihren Sohn im Irak schützen, als dass sie den Krieg im Irak als gottgegebenes politisches Ziel einstuft. Palins Grußwort klingt eher nach der unbefangenen patriotisch-amerikanischen Sicht auf die Armee, als dass die Gouverneurin dort als eine Anwältin neokonservativer Befreiungsthesen oder fundamentalistisch-religiöser Konstrukte über das nahende Armageddon aufgetreten wäre.
Ganz sicher ist das freilich nicht. Die Demokraten haben mit ihrem Grußwort ein interessantes Zitat zur Verfügung, das sie gegen die Republikaner einsetzen können.
Ihr Prediger verteufelt Bush-Kritiker
Solche Zitate können sie auch von Pfarrer Kalnins finden. Gestern verbreitete
die linksliberale Internetseite „Huffington Post“ Zitate aus den Predigten.
Ihnen gemäß hat Kalnins geäußert, Kritiker Präsident George W. Bushs kämen
in die Hölle. Kalnins habe auch bezweifelt, dass Wähler, die 2004 für den
Demokraten John Kerry stimmten, eine Chance hätten, in den Himmel zu kommen.
Die Angriffe des 11.September und der Sturz Saddam Husseins seien
Bestandteile eines „Krieges um Euren Glauben“, und Jesus habe seine
Botschaft „als Krieger“ verkündet.
Die Zitate ließen sich nicht in ihrem genauen Wortlaut oder Kontext
nachprüfen. Die Internetseite der „Versammlung Gottes“ in Wasilla mit dem
Predigtenarchiv war vom Netz genommen. Einige Videopredigten Kalnins‘ waren
anderenorts zugänglich, enthielten aber nicht die beanstandbaren Zitate.
Diese Videos zeigen einen jungen weißen Pfarrer, der in hastigem
Sprechtempo, manchmal unangenehm schreiend, manchmal anbiedernd („Isn’t that
cool?“) Christliches und Belangloses zu langen, unpolitischen Predigten
vermischt.
Sie tragen streckenweise den Charakter von Selbstgesprächen. An passender und
unpassender Stelle fügt Kalnins ein „Amen“ ein, dessen Funktion oft einem
fragenden „OK?“ entspricht. Ton und intellektuelles Niveau der Auftritte
wirken oft bemüht, manchmal simpel. Kalnins hat längst nicht die
demagogische Qualität der durchkomponierten Weltsicht und visuell
mitreißenden Rhetorik von Obamas früherem Pfarrer Jeremiah Wright. So weit
nach den spärlich besetzten Kirchenbänken auf den verfügbaren Videos zu
beurteilen, hat er auch keineswegs denselben Zulauf wie jener.
Die Predigten waren aber nur Teil einer wahren Flut an Fakten und
Informationen, die in den vergangenen 36 Stunden fast im Minutentakt über
Sarah Palin zutage gefördert wurden. Politisch schädlich könnte vor allem
sein, dass Palins am Freitag bei ihrer offiziellen Vorstellung gerufen
hatte, sie habe die berühmt-berüchtigte „Brücke ins Nirgendwo“ zwischen zwei
alaskanischen Inseln nie gewollt. Das stellt sich nun als Unwahrheit heraus.
Die 250 Millionen Dollar teure Brücke, die einen kleinen Flugplatz mit dem
Festland verbinden sollte, fehlt seit zwei Jahren bei keiner polemischen
Attacke auf Steuerverschwender in Washington. Sie war das Lieblingsprojekt
des Senators Ted Stevens. Gegen ihn wird derzeit in anderer Sache wegen
Korruption ermittelt. Palin, so stellte sich gestern ebenfalls heraus, war
zeitweilig die Direktorin von Stevens‘ Spendenkomitee.
Weitere Gerüchte betrafen eine mögliche Mitgliedschaft Palins in der „Alaska
Independence Party“, einer sezessionistischen Gruppe ähnlich den
schottischen Nationalisten. Die Republikaner gaben gestern Nachmittag Palins
Wähler-Registrierungsbogen an die Medien, um dem entgegenzuwirken. Dem
Eintrag nach war Palin seit 1982 als Republikanerin registriert. Palin hat
allerdings den diesjährigen Parteitag der Gruppe mit einem Grußwort
bedacht, in dem sie die Partei für ihre Arbeit lobte. Man konnte das als
Versuch der politischen Umarmung lesen – Palin sagte eingangs: „Ich weiß,
dass auch Sie die Idee des Wettbewerbs schätzen“ –, aber für sich genommen
lässt sich mit solchen Zitaten Wahlkampf machen.
Schließlich sorgt auch die Teenager-Schwangerschaft der Tochter für weitere
Schlagzeilen. Ausgerechnet das zwielichtige Supermarktblatt „National
Enquirer“ trat gestern mit der Nachricht an die Öffentlichkeit, seine
Recherchen hätten am Montag zu Palins überraschendem Eingeständnis geführt.
Der „Enquirer“ hat Anfang August den früheren Präsidentschaftsbewerber der
Demokraten John Edwards mit der Aufdeckung einer Liebesaffäre ins politische
Aus geschossen. Die Redaktion erklärte nun, sie habe am Wochenende dem
Freund der Tochter sowie einem Sprecher Palins angekündigt, die Sache publik
zu machen. Daraufhin habe Sarah Palin die Flucht nach vorn angetreten.
Eigentlich habe sie das Thema erst nach dem Parteitag angehen wollen.
Der Einwurf des Blattes ließe sich übersehen, wenn der „Enquirer“ nicht
gleichzeitig für die neue Ausgabe weitere „Enthüllungen über düstere
Familiengeheimnisse“ angedeutet hätte. Die Zeitung arbeitet mit Methoden,
die von hohen Informationshonoraren bis zur Beschattung jenseits allen
Anstands reichen. In der Politik Alaskas hat Sarah Palin sich mächtige
Feinde in ihrer eigenen Partei gemacht. Der „Enquirer“ könnte auf willige
Informanten gestoßen sein.
Sarah Palin wird heute Nacht die Rede ihres Lebens halten, und ohne Zweifel
den Parteitag zu Begeisterung hinreißen. Evangelikale und konservative
Kreise überschlagen sich im Internet vor Lob auf sie. Aus den Kreisen der
republikanischen Parteispitze wird gestreut, Palin sei angesichts aller
Vorwürfe „die Ruhe selber“. Aber die Kritiker und Gegner werden weiter
graben, nicht zuletzt um John McCains Urteilsvermögen in Zweifel zu ziehen.
Im Internet kann bereits auf Sarah Palins bald bevorstehenden Abgang
gewettet werden.






















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