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US-Wahlkampf

McCain braucht Sarah Palin als Krankenschwester

Kurz vor dem Parteitag der Republikaner sucht John McCain eine neue Strategie. Mit seiner Vize-Kandidatin Sarah Palin scheint er sie gefunden zu haben: Er setzt auf Frauen. Deren Aufgabe ist es, sein Team bis zur Wahl nicht so aussehen zu lassen, als bestehe es aus einem betagten Senator und hyperaktiven Pflegerinnen.

Mit dem Gewehr umgehen können sie alle. Viele sind Millionärinnen, und zwar oft aus eigener Leistung. Alle haben wie ihr Spitzenkandidat eine Ader für das Ungewöhnliche. Der am Freitag 72 Jahre alt gewordene Kriegsheld John McCain umgibt sich mit gestandenen Frauen, um Barack Obama bis zum Wahltag am 4. November die amerikanischen Wählerinnen abspenstig zu machen. Nimmt man die Reaktion der Fernsehreporterin Andrea Mitchell auf McCains neueste Mitkämpferin Sarah Palin zum Maßstab, könnte der Imagewandel vielleicht gelingen.

Sarah Palin, 44, Mutter von fünf Kindern zwischen achtzehn Jahren und drei Monaten, soll Vizepräsidentin der USA werden, falls McCain gewinnt. Im Augenblick ist sie noch Gouverneurin von Alaska, neun Flugstunden von Washington entfernt und damit weit weg von George W. Bush und dessen unpopulärer Politik. McCain stellte Palin am Freitag einer verblüfften Öffentlichkeit vor. Die Reporterin Andrea Mitchell ließ Anerkennung, ja fast Bewunderung für die Personalie durchblicken, und das will etwas heißen. Denn Mitchell ist die Ehefrau des legendären früheren Zentralbankchefs Alan Greenspan. Sie gehört zum Kern der Washingtoner Gesellschaft und ist wirklich nicht leicht zu beeindrucken.

McCain, der an Hautkrebs litt, hat einmal gesagt, die wichtigste Aufgabe des Vizepräsidenten sei es, täglich den Gesundheitszustand des Präsidenten zu kontrollieren. Die wichtigste Aufgabe seiner Frauen ist es deshalb, das Team bis dahin nicht so aussehen zu lassen, als bestehe es aus einem betagten Senator und seinen hyperaktiven Krankenschwestern.

Es hat in den USA erst ein einziges Mal eine Kandidatin für das Vizepräsidentenamt gegeben, vor bald einem Vierteljahrhundert, bei den Demokraten. Sie hatten damals gegen Ronald Reagan keine Chance. Nun holt John McCain einen brünetten Wirbelwind an seine Seite. Sarah Palin war Sportreporterin, Schönheitskönigin in ihrem Heimatort Wasilla und Zweitplatzierte beim "Miss Alaska"-Wettbewerb. Sie fährt Schneemobil, war Hockeyspielerin, hat mit ihrem Vater vor der Schule 10.000-Meter-Geländeläufe gemacht, und ihr Mann, ein Eskimo, Hochseefischer und Öltechniker, ist Weltmeister im Hundeschlittenfahren.

Genau wie McCain ist sie keine große Rednerin, aber genau wie McCain wirkt sie in kleinerem Kreise ungemein einnehmend. Dann spricht sie mit weicher, erotischer Mikrofonstimme, fixiert ihre Gesprächspartner mit zwei forschenden Augen und könnte die Schwester der Schauspielerin Sandra Bullock sein, die als „Miss Congeniality“ genau diesen amerikanischen Frauentyp spielt – erdverbunden, praktisch, „cookie mom“ im Pfadfinderlager, Pistole immer dabei. Sarah Palins Gegner nannten sie allerdings „Sarah Barracuda“.

Es geht aber nicht um einen Hollywood-Film, sondern um die Führung einer Weltmacht. Dafür bringe Palin, so höhnte Barack Obamas Wahlkampfstab, „null außenpolitische Erfahrung und überhaupt nur die Zeit als Bürgermeisterin eines 9000-Seelen-Kaffs mit“. Sarah Palin war von 1996 bis 2003 Bürgermeisterin ihres kleinen Heimatortes, bevor sie in Alaskas Energieagentur aufrückte und 2006 ins Gouverneursamt.

So freilich sprach Obamas Stab in Abwesenheit des Chefs. Als McCain am Freitagmittag seine Teampartnerin auf die nationale Bühne holte, startete Barack Obama gerade in seinem Wahlkampfjet von Denver in Richtung Pennsylvania. Nach Obamas Landung dort las es sich plötzlich ganz anders. Sarah Palin, sagte Obama, „verkörpert eine weitere gefallene Hürde in der Politik. Wir gratulieren ihr zur Kandidatur.“ Obama griff sogar zum Handy, rief Palin persönlich an und wünschte ihr Glück. „Aber nicht zu viel Glück!“ Obama verfügt über beträchtliche Intuition, und sein Instinkt sagte ihm offenkundig: Vorsicht! Frauen wie Palin von oben herab zu verspotten, das könnte nicht gut ankommen.
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Palin zu verspotten, könnte für Obama schief gehen

Das kommt auch bei McCains anderen Frauen nicht gut an. Zum Beispiel bei seiner zweiten Ehefrau Cindy, 54, verheiratet mit ihm seit 1980 und McCains engste Vertraute. Der Hochzeit ging eine sehr hässliche Scheidung McCains voraus.

Bei der Trauung mit Cindy Hensley ging es zu wie im Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“: Dem Pfarrer war der Name des Bräutigams entfallen. Cindy hat 100 Millionen Dollar geerbt, ihr Vater hatte den Vertrieb der Brauerei Anheuser-Busch („Budweiser“) im gesamten Südwesten der USA aufgebaut. Aus erster Ehe hatte er eine weitere Tochter, Kathleen, die aber nicht sein Liebling war. Er hinterließ ihr ganze 10.000 Dollar. Dieser Tage meldete Kathleen Portalski sich zu Wort und erklärte, sie werde Barack Obama wählen.

McCain geht derweil mit Cindys Privatjet auf Reisen, wohnt in ihren Immobilien (an deren Zahl er sich kürzlich nicht erinnern konnte), und als sein Wahlkampf im Sommer 2007 zu scheitern drohte, half ihm Cindys Kredit. Cindy McCain ist dennoch kein reiches Blondchen. Zum Beispiel würde ihr heute niemand glauben, dass sie vor vier Jahren nach einem Schlaganfall nahezu vollständig gelähmt und sprachunfähig war. Sie hat die Folgen mit ungeheurer Energie überwunden. Als sie noch Cindy Hensley hieß und ihr künftiges Millionenerbe bereits am Horizont lockte, blieb sie keineswegs faul am Swimmingpool in ihrer Heimat Arizona liegen. Nach dem Studium ging sie in das gefährlichste Viertel der Metropole Phoenix und betrieb dort Sozialarbeit. Das tut sie heute im weltweiten Maßstab, von Darfur bis Vietnam. Aus Bangladesch brachte sie einmal zwei kleine Waisenmädchen mit und sagte zu ihrem Mann: „Eine von denen wird jetzt deine Tochter!“ Das andere Kind adoptierte ein Freund. Cindy hat einen Pilotenschein. Und sie fährt gern Rennwagen.

Dann gibt es um McCain auch noch die Unternehmerinnen. Meg Whitman, die Gründerin von Ebay, berät ihn ebenso wie Carly Fiorina, die hinausgemobbte ehemalige Chefin des Computerkonzerns Hewlett-Packard, unter deren Führung die Firma mit Compaq fusionierte und zum zweitgrößten Hardware-Hersteller der USA wurde. Die guten Zahlen erzielte der Konzern zwar erst nach Fiorinas Abgang, aber die 53-Jährige hatte die Basis gelegt. Sie ist nun McCains Wirtschafts-Chefberaterin. Fiorina spricht mit leiser Stimme, deren Kennzeichen ein präzise betontes, fast sexy klingendes „s“ ist. Sie hat wie McCains andere Frauen die Aufgabe, von Hillary Clintons 17 Millionen Anhängern einen Teil für die Republikaner zu interessieren, die ab morgen zum Wahlparteitag zusammenkommen und versuchen, das politische Erbe George W. Bushs vergessen zu machen.

Das wird nicht leicht, zumal gegen Barack Obama nicht. Dessen Stadionauftritt haben 38 Millionen Zuschauer am Fernsehen verfolgt – mehr als bei der Eröffnung der Olympischen Spiele und mehr als bei der superpopulären Showserie „American Idol“. Obamas Umfragewerte ziehen seitdem endlich an. Mit Sarah Palin hat McCain sein bisheriges Hauptargument gegen ihn in den Mülleimer geworfen – Washingtoner Erfahrung gegen den Chicago-Neuling. McCain setzt stattdessen auf Amerikas Frauen.

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