Auswandern
Deutsche finden in Polen Arbeit – und Glück
Dienstag, 9. Dezember 2008 07:05 - Von Thomas GerlachImmer noch verlassen viele Polen ihre Heimat, um im Ausland zu arbeiten. Dabei gibt es dort genug zu tun, sagen viele Deutsche, die ihr Glück bei ihren polnischen Nachbarn versuchen. Dort profitieren sie von einem liberalen Arbeitsrecht, vom wirtschaftlichen Aufschwung und dem Optimismus der Menschen. Ein Besuch in Breslau.

Michael Korff lebt schon lange in Polen, aber manches begreift er auch heute nicht. "Dass die Leute früher abgehauen sind, kann ich völlig verstehen, dass sie jetzt abhauen, das will in mein Gehirn nicht hinein!“ Er sitzt auf dem Chefsessel, greift sich mit beiden Händen an den Kopf und ruft die Parole, die seit 20 Jahren sein Leben prägt: "Hier ist Pioniertätigkeit gefragt!“ Einfach unbegreiflich, dass polnische Arbeiter heute noch nach Irland gehen, wo es doch hier genug zu tun gibt. Seine eigenen Leute inklusive.
Brauchte die Wirtschaft hier einen Promotor, Michael Korff wäre eine gute Wahl. Ein Deutscher, der noch unter General Jaruzelski und gegen den Widerstand seiner polnischen Ehefrau nach Polen gezogen ist, der mit eigenen Händen auf einem Hinterhof in Breslau Rohrschellen zusammengebaut hat, der sich durch Inflation, wechselnde Regierungen und Hochwasser nicht hat entmutigen lassen, einer, der seiner hessischen Heimat den Rücken gekehrt hat und für den nun mehr als 100 Mitarbeiter schaffen – so einer ist ein guter Werbeträger, wenn er denn nötig wäre. Doch die Region Breslau braucht keine Reklame, es geht auch ohne Werbung aufwärts: Die Löhne steigen, der Lebensstandard und der Zloty auch, und Arbeiter werden knapp.
Korff ist nicht verrückt – viele Deutsche sind ihm gefolgt
Gerade haben koreanische Investoren 12.000 Arbeitsplätze geschaffen, gut
bezahlte, keine Billigjobs – die ziehen nach Osten weiter. Jetzt ist die Ära
angebrochen, von der Michael Korff 1989 in seiner Garagenfirma geträumt
haben mag: dass die anderen, Deutsche wie Polen, nicht mehr den Kopf
schütteln, weil Korff den Westen verließ und in den Osten ging. Nein, Korff
ist nicht verrückt. Viele Deutsche sind ihm gefolgt.
Die Bilderbibel im Foyer passt zum polnischen Geschmack und ist eine gute Initiation für die neuen, dringend benötigten Arbeitskräfte, und sie gibt Einblick in das Seelenleben des Chefs aus Deutschland. Hier unter natürlich gut isolierten Wellblechdächern, wo an deutschen Präzisionsmaschinen polnische Arbeiter stehen und Isoliertechnik in Paletten stapeln, hier, wo die betriebseigenen Bauarbeiter an vielen Ecken gleichzeitig mauern und fliesen, wo Korff ein Festzelt errichten ließ, weil der Platz nicht mehr langte – kurzum, hier in diesem Provisorium hat der einstige Schmuckdesigner Korff sein persönliches Kunststück geschaffen. Als hätte sich ein Orakel erfüllt, ist Korff in die Fremde gezogen, um dort die Familientradition zu pflegen. Denn Michael Korff hat in Miroslawice das aufgebaut, was sein Vater im Hessischen schon hat – einen Betrieb für Dämmtechnik.
Korff ist auf dem richtigen Weg
Inzwischen plagen Korff die Nebenwirkungen des Aufschwungs: steigende Löhne, hoher Wechselkurs, Fachkräftemangel. Man kennt das, inzwischen sogar von Deutschland. Wird es langweilig? Michael Korff bittet in sein Auto und steuert über holperige Straßen, vorbei an dem Zobten, dem Hausberg der Breslauer, ins Dörfchen Stoszow. Dort fährt er im Schritttempo an Kindern vorbei, wird von Hunden verfolgt und biegt in einen gepflasterten Hof ein. Hier steht ein schmuckes Bauernhaus, und in der Scheune begrüßt ihn sein polnischer Landarbeiter – das Hauptquartier der Ekolomia GmbH, Inhaber Michael Korff. Und schon redet er von regenerativen Dämmstoffen, von Flachs, Wolle, Hanf, vom Heizen mit Holzschnitzeln, vom Ökolandbau nach Demeter-Richtlinien und inspiziert den Traktor, der nur kalt gepresstes Rapsöl schluckt.
Natürlich schütteln die Bauern hier über den Deutschen und seine
verkrauteten Felder den Kopf, und vielleicht tut es auch sein Knecht in der
Stille. Korff ist also auf dem richtigen Weg. Wenn sich Korff von seinem
Pionierdasein ausruhen will, setzt er sich an den Holzpellet-Ofen, den ihm
ein sächsischer Meister errichtet hat, weil es in Polen nichts dergleichen
gibt, und schaut in die Glut. Oder er fährt ins benachbarte Kraskow.
Manchmal, gesteht er, hilft nur noch Kraskow. Als er auf das Schloss
zurollt, wird klar, warum.
Inmitten der polnischen
Merkwürdigkeiten, zwischen all den Missverständnissen, all den abgedeckten
Scheunen, den rosa gepinselten Häusern, den lebensmüden Überholmanövern, den
tausendfachen Geheimnissen der polnischen Seele, die ihm auch seine Frau
nicht erklären kann, und auch nach den erdfarbenen Hallen der eigenen GmbH
ist das rosenumrankte Schlösschen wie ein Sanatorium. Es wirkt wie eine
Flasche Champagner inmitten eines Wodkaregals. Fehlt nur noch, dass Mozart
erschiene.
Es erscheint Silvia Rommer, die mit Wiener Zungenschlag an den Karyatiden vorbei in die barocken Säle bittet. Bald ist klar, dass die Österreicherin eine Schwester im Geiste ist. Als Korff noch auf dem Breslauer Hinterhof produzierte, war das einstige Schloss derer von Zedlitz eine Heimstatt für Vögel, Würmer und Igel, in der nur Bäume in den Himmel wuchsen. Nach 18 Jahren und reichlichen Investitionen durch den Käufer, einen Wiener Kunsthändler und Gastronomen, ist das Schlosshotel zum Refugium deutscher und internationaler Unternehmer geworden. Alljährlich finde hier die Weihnachtsfeier des Europaforums statt, erzählt Korff, der diesem Verein deutscher Unternehmen und Selbstständiger seit seiner Gründung vorsteht.
Wirtschaftlicher Aufschwung und individuelle Entfaltung
Auf der Terrasse mit Blick auf Park und Zobten und mit grasenden Pferden im milden Licht ist der polnische Alltag wie weggeblasen, nur das Bier erinnert noch daran. Es ist ein Idyll wie auf seinem Firmengemälde. Man könnte glatt darin versinken, da vernimmt Korff, dass ein Spezialist für Heizungstechnik aus Bad Vilbel in der Bar sitze. Herr Morel, der sich als "hessischer Jung“ vorstellt, hat Unterarme so dick wie Baumstämme, eine Firma für Facility-Management und den festen Plan, mit Hackschnitzelkesseln aus Deutschland polnische Heizungen zu sanieren. Gerade aber beschwert er sich bei seinem polnischen Cicerone über die schlechten Straßen, die seine Anfahrt behinderten. Korff sekundiert mit seiner Lieblingsklage: Die Bahn brauchte vor 1945 von Breslau nach Berlin zweieinhalb Stunden. Heute seien es über sechs! Wo sitzen die Bremser? Vermutlich in Warschau und in Berlin.
"Wenn die Kessel in drei Häusern installiert sind, wird das zum Selbstläufer“, ist Morel von seinem Plan überzeugt. Für Michael Korff ist es hier in der Bar wie ein Exempel. Jetzt sei die Zeit gekommen für kleine Mittelständler und Handwerker, hatte er am Vormittag in seinem Büro prophezeit, nun sitzt ihm einer gegenüber und sprüht vor Tatendrang. Wenn es funktioniert, doziert Herr Morel, sei das auch für Polen gut, blickt auf seinen Dolmetscher, der lange schon schweigt, und schließt: "Das ist Konkurrenz!“ Michael Korff nickt zufrieden. Was wäre die Welt ohne Pioniere?
Im nahen Breslau, bei der nächsten Generation deutscher Umtriebigkeit, geht es weniger hemdsärmlig zu. Am Abend sitzen drei Deutsche um die 40 in einem Biergarten am Rynek, dem Marktplatz. Die Männer loben das Breslauer Leben: kein Ressentiment, zweisprachige Speisekarten, mit dem wirtschaftlichen Aufschwung gehe auch spürbar die individuelle Entfaltung einher, die 140.000 Studenten tragen ein Übriges dazu bei, und Biergärten haben bis ultimo geöffnet. Wo hat man das in Deutschland?
Die Arbeitslosigkeit liegt in Breslau bei unter fünf Prozent
Unternehmensberater Claus Frank, Anwalt Konrad Schampera und Bankmanager
Ralf Hötzel wirken rundum zufrieden mit ihrer Entscheidung, nach Polen
gegangen zu sein. Der 42-jährige Schampera, dessen Kanzlei zu den fünf
größten in Breslau gehört, ist in Oberschlesien aufgewachsen und spricht
fließend Polnisch. Das hat er den anderen voraus. Er hat wohl dadurch einen
größeren Abstand zu Deutschland, jedenfalls spricht er bald das aus, was
alle denken: „Ich habe den Eindruck, Deutschland ist satt.“ Kopfnicken.
Das
Arbeitsrecht sei viel liberaler, und schon das dürftige Arbeitslosengeld
führe dazu, dass sich viele Polen zur Selbstständigkeit entschlössen. Eine
Rosskur? Gewiss, sozusagen Hartz IV hoch 2. Doch mit Resultaten: Die
Arbeitslosigkeit liegt in Breslau bei unter fünf Prozent – und die Kaufkraft
nimmt beträchtlich zu. Der Strukturwandel ist in vollem Gange, der
Dienstleistungssektor wächst, und als Symbol der Zuversicht klettert
demnächst Polens höchster Wolkenkratzer 258 Meter in den Himmel hinein. Die
Stimmung ist bestens, nicht nur bei den dreien am Tisch.
Vor Kurzem brachte eine Umfrage ans Licht, dass mehr als die Hälfte der Polen ihre Zukunft positiv sehen. Irgendwann an diesem Abend, die Laternen beleuchten schon das Pflaster, wird ein bisschen gesponnen. Welche Geschäftsidee könnten sie hier wohl noch gebrauchen? Die Antworten kommen schnell: Hochwertige Hausmeisterdienste, Facility-Management, seien absolut rar und sehr gefragt. Garten- und Landschaftsbau liegen ebenfalls danieder. Wer schicke Häuser baut, will auch einen schicken Garten. Einzig die Sprache mache Hötzel und Frank noch zu schaffen.
Selbst Michael Korff gab zu, das Polnische auch nach 20 Jahren nur leidlich zu beherrschen. Ralf Hötzel räumt ein, schon von drei Lehrerinnen unterrichtet worden zu sein. Claus Frank, der noch ein Standbein in Bayern hat, hat sich von Anfang an zweisprachige Mitarbeiterinnen gesucht. Man brauche die Sprache für die Arbeit nicht unbedingt, aber psychologisch sei das schon von Belang, sagt Hötzel. Beim Aufbruch, der Markt ist noch voller Menschen, kommt es zu einem kurzen Hallo. Ein Mann kommt ihnen entgegen. Händeschütteln. Der Herr, ein Deutscher, arbeitete für ein großes Unternehmen, erklärt Claus Frank. Man spricht wieder Deutsch in Breslau – fast schon wie selbstverständlich.
Erschienen am 19.07.2008






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