Familienplanung
Kinder machen glücklich – wenn man sie lässt
In Frankreich sorgt ein Buch für Aufregung, das behauptet: Nachwuchs ist eine Plage. Stimmt die These? Stören und zerstören Kinder das Leben der Erwachsenen? Ein Besuch bei Eltern zeigt eine ganz andere Wirklichkeit. Kinder sind anstrengend, aber trotzdem das größte Glück.
Von Heike Vowinkel und Miriam Hollstein
Sie wollen die Welt mit Kinderaugen sehen, erleben, wie ein kleiner Mensch groß wird, lieben, geliebt werden oder einfach nur das Natürlichste der Welt tun: sich fortpflanzen. Die Gründe, warum sich Frauen und Männer für Kinder entscheiden, sind vielfältig, und meist ist es mehr eine Bauch- denn eine Kopfentscheidung.
Genau das sei das Problem, glaubt Corinne Maier. Sie bekam Kinder, weil sie später nicht einsam sein wollte. Das klinge banal und sei es auch gewesen, urteilt die heute 43-Jährige über ihre Entscheidung, die sie mit 30 traf - und die sie heute bereut. Die Französin Corinne Maier hat zwei Kinder im Alter von 13 und elf Jahren, ist Psychoanalytikerin und gelernte Volkswirtin, beim französischen Energiekonzern EDF angestellt und liebt es zu provozieren.
Vor drei Jahren schrieb sie das Buch "Bonjour Paresse" (auf Deutsch: "Die Entdeckung der Faulheit"). Darin erklärt sie, wie man im Beruf am besten nur das Nötigste tut. Es wurde ein Bestseller, doch ihr Arbeitgeber leitete ein Disziplinarverfahren gegen Corinne Maier ein, stellte es nach Protesten der Öffentlichkeit jedoch wieder ein.
Nun hat sie ihr zweites Buch vorgelegt, und der Inhalt ist nicht weniger skandalträchtig: In "No Kid" listet Corinne Maier vierzig Gründe auf, warum man keine Kinder bekommen sollte. In Frankreich, dem Musterland für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sorgt die Polemik gegen Kinder seit Wochen für Furore. Wie kaum ein anderes Land in Europa verfolgt Frankreich eine Politik, die Familien fördert. Mit Erfolg: Das Land hat mit 2,9 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in Europa.
Corinne Maier und das "Diktat der Mutterschaft"
Doch genau diese Politik prangert Corinne Maier als "Diktat der Mutterschaft" an. Sie setze Frauen unter Druck, "kleine Monster" zu produzieren, deren größtes Vergnügen darin bestehe, das Leben ihrer Eltern unerträglich zu machen. Sie rät jungen Frauen daher, sich dem Kinderkriegen zu verweigern. Das Mutterdasein schildert sie als Qual - und zwar von Anfang an. Die Geburt sei "Schmerz", "Blut" und "Müdigkeit". Wer sie als schöne Erfahrung bezeichne, der lüge. Der Vorgang erinnere mehr an jene Szene aus dem Science-Fiction-Film "Alien", in der ein Monster aus dem Bauch einer Astronautin herausbricht - ein Albtraum.
Das Schlimmste aber kommt Maier zufolge erst nach der Geburt. Sie beschreibt vom Stillen deformierte Brüste, Zustände totaler Erschöpfung, Ehekrisen und den Verlust des Sexlebens. An Kindern selbst lässt Maier kein gutes Haar: "Ein Kind ist dafür da, um dich davon abzuhalten, Spaß zu haben. (...) Es wird krank sein, wenn du endlich einmal ausgehen willst, um dich zu amüsieren. Es wird dir auf die Nerven gehen, wenn du deinen Geburtstag mit Freunden feiern willst." An ihrem 40. Geburtstag sei sie deshalb zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht noch einmal Kinder bekäme, "wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte". Angeblich habe sie mit ihrem Tabubruch viel Zuspruch von anderen Müttern erfahren, sagt Corinne Maier. Und Unterstützung für ihre Thesen erhält sie auf den ersten Blick auch aus der Wissenschaft.
Der amerikanische Psychologe Daniel Gilbert etwa, der an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts, lehrt, sagt, eigene Kinder hätten einen negativen Effekt auf das tägliche Glücksempfinden. Warum Eltern dennoch das Gegenteil behaupteten, erkläre sich dadurch, dass sie die frustrierenden Erlebnisse des Alltags verdrängten. Gilbert vergleicht Kinder gar mit der Droge Heroin. Habe man sie erst einmal in sein Leben gelassen, würden alle Dinge, die man früher gern gemacht hat, verdrängt: Freunde treffen, Sex haben, zu zweit ins Kino gehen.
Auch Gerlind Sievers kennt den Wunsch, öfters allein mit ihrem Mann etwas zu unternehmen. Und sie kennt auch Zeiten, in denen sie gereizt ist. Soeben ist die 27-jährige angehende Ärztin von der Arbeit in einer Berliner Klinik gekommen, wo sie ihr praktisches Jahr absolviert. Der dreijährige Finn hängt sich an ihr Bein, und die 19 Monate alte Runa will den Schlüssel in ihrer Hand. Sie hat einen Tag zwischen Patientenvisiten und Untersuchungen hinter sich, ist im fünften Monat schwanger und würde sich jetzt gern wie ihre kinderlosen Kollegen einfach in die Badewanne legen. Doch daraus würde sie nie schließen, dass sie heute unglücklicher sei als in der Zeit, bevor sie Mutter wurde. "Die vielen Momente des Glücks mit Kindern wiegen die der Erschöpfung auf", sagt sie.
Gerlind und Arne Sievers können viele Gründe nennen, warum Finn und Runa sie glücklich machen: Seit sie auf der Welt seien, lachten sie viel mehr. Sie durchlebten ihre eigene Kindheit noch einmal, Feste wie Weihnachten oder Geburtstage seien wieder von langer Vorfreude geprägt, so wie früher, als man selbst noch Kind war. "Allein Geschenke aussuchen, sich überlegen, was sie für Augen machen werden - das ist großes Glück", sagt Arne Sievers.
Seine Frau Gerlind wurde mit 24 Jahren zum ersten Mal schwanger, sehr viel früher als die meisten Frauen heutzutage. Ihr Studium war fast zu Ende, Arne Sievers arbeitete als Referendar an einer Grundschule. Die beiden wollten immer früh Kinder haben. "Nur wie viele, drei oder vier, darauf konnten wir uns nicht einigen", sagt er.
Das mag auch daran liegen, dass beide selbst aus kinderreichen Familien kommen. Gerlind Sievers hat sieben, ihr Mann Arne vier Geschwister. Kindergeschrei, herumliegendes Spielzeug, triefende Nasen und das Gefühl, nie allein zu sein, kennen sie von klein auf - und zwar als etwas Selbstverständliches. Aber auch, was es heißt, sich selbst zurückzunehmen, zu teilen und für andere einzustehen.
"Man kann ohne Kinder genauso glücklich leben"
In einer immer stärker auf das Individuum bezogenen Gesellschaft sind das nicht gerade Eigenschaften, die als sonderlich attraktiv, erstrebenswert oder gar glücklich machend gelten. Da wundert es nicht, dass dem Generationen-Barometer 2006 zufolge 48 Prozent der kinderlosen Männer und 36 Prozent der Frauen unter 45 Jahren der Ansicht sind, "man kann ohne Kinder genauso glücklich leben".
Mit dem Elternsein verbinden immer mehr zudem enorme Belastungen. Die aktuelle Vorwerk-Familienstudie 2007, die das Allensbach Institut für Demoskopie durchgeführt hat und die Morgenpost Online vorab vorliegt, ergab, dass 64 Prozent der kinderlosen Frauen und Männer zwischen 20 und 49 Jahren das Elternsein mit "viel Stress" verbinden - allerdings auch 53 Prozent der Eltern. Ähnlich dicht beieinander lagen Belastungen, die die Befragten mit Kindern verbanden, wie "wenig Zeit für sich selbst haben" (Kinderlose: 52 Prozent, Eltern: 41 Prozent) und "zu wenig Schlaf" (Kinderlose: 38 Prozent, Eltern: 32 Prozent). Für Eltern (56 Prozent) bedeutet der Nachwuchs sogar mehr als für Kinderlose (49 Prozent) "Streit und Auseinandersetzung".
Eltern sein ist anstrengend. Aber gilt das nicht für viele andere Quellen des Glücks auch? Wer etwa in der beruflichen Karriere seine Befriedigung sucht, der opfere diesem Ziel ebenfalls sehr viel, ohne dass er dies unbedingt als Opfer empfinde, sagt etwa der Rotterdamer Soziologieprofessor Ruut Veenhoven, Direktor der weltweit größten Datensammlung zum Thema Glück. Tatsächlich gaben in der Vorwerk-Studie 83 Prozent der befragten Eltern an, dass ihre Kinder trotz Belastungen für sie "viel Freude" bedeuteten, wogegen dies nur 67 Prozent der Kinderlosen vermuten.
Und die meisten Eltern (72 Prozent) bilanzieren, dass sie durch ihre Kinder ein "erfüllteres Leben" führen. Auch Glücksforscher Veenhoven hat festgestellt, dass Frauen und Männer, die Eltern werden, zwar weniger glücklich sind als zuvor als Paar, "das heißt aber nicht, dass sie unglücklich sind". So sinke auf einer Skala von 0 bis 10 der durchschnittliche Glückswert von 8 auf 7,5. Doch das sei immer noch ein hoher Wert, mehr als der Durchschnitt in vielen Ländern, sagt Veenhoven.
Allerdings hat er auch beobachtet, dass das Glücksempfinden von berufstätigen Müttern in den ersten fünf Jahren nach der Geburt rasanter sinkt als das von Vollzeitmüttern. Nach fünf Jahren ist es jedoch wieder auf dem gleichen Niveau. "Die Berufstätigkeit von Müttern hat ihren Preis", sagt Veenhoven.
Da die Familienarbeit trotz Beruf vor allem von Frauen geleistet werde, litten sie am meisten unter der Mehrfachbelastung, schreibt auch Autorin Corinne Maier. Zudem opferten sie - anders als Väter - der Familie oft die Karriere, weil sie im Beruf nicht mehr so flexibel seien. Daraus folgert sie, Frauen sollten keine Kinder mehr bekommen - und nicht etwa, die Väter mehr in die Pflicht zu nehmen.
So provokant Maiers Thesen auch sind, sie scheint damit einen Nerv zu treffen. Im Internet gibt es zahlreiche Foren, die mit dem Mythos der glückseligen Mutterschaft aufräumen. Unter dem Motto "Mutterschaft ist hart. Gib es zu!" schreiben sich etwa auf der US-Webseite "Truemomconfession" desillusionierte Mütter ihren Frust von der Seele. Andere preisen auf Single-Homepages das Glück der Kinderlosigkeit oder fordern gar ein Grundrecht darauf, wie etwa die Betreiber des internationalen Forums "Big kids no kids" (Große Kinder, keine Kinder).
Auf ein Leben ohne Kinder eingestellt und für glücklich befunden
Die Berlinerin Dagmar Schittly hatte sich schon auf ein Leben ohne Kinder eingestellt - und hielt sich durchaus für glücklich. Während Freundinnen Nachwuchs bekamen, jettete sie als Sprecherin eines Berliner Spitzenverbandes durch Deutschland. Die Kinderfrage stellte sie sich zwar gelegentlich. Aber erst sei der Berufseinstieg wichtiger gewesen, und zwischendurch habe der richtige Partner gefehlt, sagt die heute 39-Jährige.
Als sie vor zwei Jahren dann doch noch schwanger wurde, von ihrem heutigen Mann, hat sie sich wahnsinnig gefreut. "Das war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens", sagt Schittly rückblickend. Im Mai 2006 kam ihr Sohn Luis zur Welt. Heute hat Schittly Geschäftsessen und Dienstreisen gegen Spielplatz und Krabbelgruppe eingetauscht - und bereut es nicht.
Ihr Plan, nach einem Jahr wieder zur Arbeit zurückzukehren, scheiterte. Der Sohn reagierte mit Krankheiten und Heulanfällen auf die Kinderfrau. Schittlys Arbeitgeber zeigte sich verständnisvoll und ermöglichte ihr, in Teilzeit von zu Hause aus zu arbeiten.
In einem Jahr wird sie halbtags ins Büro zurückkehren. Denn ein Leben ohne ihren Beruf könnte sie sich ebenso wenig vorstellen wie ohne ihr Kind. Sie findet es in Ordnung, für ihr Kind zurückzustecken: "Was sind schon zwei, drei Jahre Auszeit, hochgerechnet auf ein 40-jähriges Arbeitsleben?"
Überhaupt hat sie sich gewundert, zu welchen Opfern aber auch Leistungen sie als Mutter fähig ist: "Noch nie habe ich so viel über mich selbst gelernt." Sie genießt die "Verlangsamung der Zeit", die sie mit ihrem Sohn erlebt: "Da wird dann schon mal eine halbe Stunde ein Kieselstein begutachtet."
Natürlich ist sie auch manchmal genervt. Etwa, wenn ihr Sohn quengelig ist und Schittlys Mann, Computer-Stratege bei einer Bank, auf Geschäftsreise. Oder wenn ein lange geplanter Theaterbesuch daran scheitert, dass Luis partout nicht einschlafen will.
Ein Leben ohne Kind fände sie dennoch "unvorstellbar": "Ich hätte nie gedacht, welche Gefühle ein Kind in mir weckt." Dass Kinderlose "gebrandmarkt" werden, ärgert sie trotzdem. "Die gelten dann als selbstsüchtig und karriereorientiert", sagt Schittly. "Ich kenne niemanden, der aus diesen Gründen keine Kinder haben will."
Den Entschluss gegen Nachwuchs macht sich keine Frau leicht
Die Hamburger Autorin Viola Roggenkamp hat bei einem Buch-Experiment eine ähnliche Erfahrung gemacht (Frau ohne Kind. Gespräche und Geschichten - eine Tafelrunde. Piper, 2005): Sie lud zwölf Frauen ohne Kinder im Alter von 30 bis 55 Jahren zu sich nach Hause ein, bekochte sie und sprach mit ihnen über ihre Kinderlosigkeit. Dabei stellte sich heraus: Den Entschluss gegen Nachwuchs macht sich keine Frau leicht, und oft bleibt ein Gefühl der Zerrissenheit.
Einige trafen die Entscheidung bewusst, aber wütend über gesellschaftliche Verhältnisse und Männer, die nicht bereit sind, verlässliche Väter zu sein, andere eher traurig und mit Bedauern. Die Frage, ob sie denn wirklich glücklicher ohne Kinder sind, als sie es mit gewesen wären, bleibt offen.
Für den Glücksforscher Veenhoven ist das ohnehin eine hypothetische Frage. Niemand könne sagen, was gewesen wäre, wenn man kein Kind bekommen hätte - auch Corinne Maier nicht. Eine Garantie für Glück seien Söhne und Töchter ebenso wenig wie für Unglück. Er rät daher potenziellen Eltern: "Machen Sie sich klar, dass Kinder auch anstrengend sind. Wer darauf vorbereitet ist, bringt die Voraussetzungen mit, glücklich zu werden." Auf die Sichtweise kommt es an, ist auch Marion Volk überzeugt. Ob man etwa empfänglich ist für das, was Kinder geben. "Nichts ist beglückender als strahlende Kinderaugen", sagt die 66-Jährige, die bei Hamburg lebt. Abgesehen von ihrer eigenen Kindheit - sie war Einzelkind -, hat Marion Volk stets viele Kinder um sich herum gehabt. Mindestens vier eigene wollte sie, fünf hat sie bekommen. Und weil sie auch ihren Kindern vermittelte, wie beglückend Familienleben ist, hat sie inzwischen zwölf Enkel.
Obwohl Marion Volk als Fremdsprachenkorrespondentin ausgebildet ist, war es immer ihr Traum, Kinder zu unterrichten. Erfüllt hat sie ihn sich, als ihre eigenen Kinder groß waren. Mit 49 Jahren ließ sie sich zur Waldorflehrerin ausbilden. Bis heute hilft sie Schülern bei den Hausaufgaben.
Kinder haben Marion Volk jung gehalten. Sie hüpft mit ihnen auf dem Trampolin ebenso selbstverständlich, wie sie ihrem 18-jährigen Enkel den Schuppen in ihrem Garten für dessen Geburtstagsparty zur Verfügung stellt - und der erzählt anschließend stolz, dass die Freunde seine Oma cool finden. Allein ist Marion Volk selten, einsam nie. Und ein großer Trost war es für sie, ihre Kinder um sich zu wissen, als ihr Mann vor sieben Jahren starb. Damals sagten Freunde zu ihr: "Jetzt musst du dich aber um dich kümmern und nicht immer nur für die Kinder da sein." Das fand Marion Volk abwegig. "Wo Kinder sind, ist Leben", sagt sie und dass, ihr Leben ohne sie leer wäre.
Corinne Maier bekam Kinder, um nicht einsam zu sein. Doch anders als Gerlind und Arne Sievers, Dagmar Schittly und Marion Volk hat sie offenbar keinen Weg gefunden, mit ihnen auch glücklich zu werden. Vielleicht, weil sie - anders als sie glaubt - auch ohne sie nicht glücklich wäre.
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