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Leipzig

In den Westen – wegen der Hautfarbe

Künstler und Intellektuelle mit ausländischen Wurzeln verlassen nach Übergriffen den Osten

Leipzig.  Ali Schwarzer kommt mit dem Fernbus am späten Nachmittag in Leipzig an und ist auf dem Weg zum Platz vor dem Hauptbahnhof. Von dort will er weiter nach Hause. Ali ist müde von der Fahrt und achtet nicht wirklich auf den Mann, der schon im Bus in der Sitzreihe hinter ihm sitzt. Umso überraschter ist er, als sich dieser Mann, der ebenfalls Richtung Hauptbahnhof läuft, plötzlich umdreht und ihn anspuckt. Dieses Mal ist er nur an der Hand und der Kleidung getroffen worden. Aber weil alles wieder so schnell ging, hat er auch nicht anders reagiert als früher: "Ich bin einfach weitergelaufen", sagt er, "was hätte ich denn tun können, mir als Schwarzer hätte auch die Polizei nicht geglaubt."

Der Vorfall passierte 2014 und es ist seltsam, wie beinahe fröhlich er klingt, wenn er die Geschichte erzählt. Vielleicht, weil es nicht der erste oder der letzte derartige Vorfall war. Oder, weil er für Ali Schwarzer entscheidend war: Obwohl er vor mittlerweile 34 Jahren in Leipzig geboren wurde, hier studiert und gearbeitet hat, steht sein Entschluss fest, endgültig seine Heimat zu verlassen. Er hatte es satt, der unfreiwillige Seismograf für Rassismus zu sein, weil er ihn seit seiner Kindheit am eigenen Leib erfahren hat. Ihm war aufgefallen, dass es relativ ruhig war, die ersten zehn Jahre im neuen Jahrtausend. Es begann erst um das Jahr 2012 langsam wieder, dass er häufiger Geschichten von Pöbeleien hörte von anderen befreundeten Nichtweißen. "Zu dieser Zeit diskutierte die Stadt Leipzig das Konzept der dezentralen Unterbringung von Asylsuchenden in Leipzig", sagt er. "Da wurden die Leipziger richtig hässlich."

Fast die Hälfte aller Übergriffe findet in Ostdeutschland statt

Ali Schwarzer ist Mitglied in der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und deren Sprecher Tahir Della kennt die Geschichten. "Ich tue mich schwer, eine bestimmte Region zu verurteilen", sagt Della, "aber es gibt einfach mehr Leute dort, die solche Erfahrungen machen." Sie meiden bestimmte Orte wie Dresden oder Leipzig, vor allem an bestimmten Tagen, wie Montag, wenn Pegida und Legida de- monstrieren. "Ich kenne Menschen, die lieber nach Westdeutschland gezogen sind, weil es dort leichter ist, mit einer anderen Hautfarbe zu leben." Auch die Zahlen legen eine solche Reaktion nahe. Obwohl in den östlichen Bundesländern nur rund ein Fünftel der Deutschen leben, findet fast die Hälfte aller fremdenfeindlichen und rechtsex­tremen Übergriffe und Anschläge auf dem Gebiet der früheren DDR statt. Laut dem Verfassungsschutzbericht 2015 liegen die dokumentierten, rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten bezogen auf eine Million Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern bei 58,7, in Sachsen bei 49,6 und in Thüringen bei 33,9 – damit überall höher als der Durchschnitt der westdeutschen Länder: 10,5.

Gerade Thüringen kam erst Ende 2016 wieder in die Schlagzeilen, wegen des "Skandaltheaters": Vier Schauspieler mit Migrationshintergrund haben zwischen Weihnachten und Neujahr beschlossen, die Stadt Altenburg und Gera zu verlassen. Zu häufig wurden sie Opfer von Angriffen, Pöbeleien, Beleidigungen. Der Intendant Kay Kuntze wusste von den Problemen, wurde aber von den Konsequenzen der Mitarbeiter überrascht. "Es gibt immer ein Segment, das voller Hass ist", sagt er, "gerade weil die Mitte der Gesellschaft so stumm ist, bleibt unsere Arbeit hier so wichtig."

Wer dieser Tage durch die Gänge des Altenburger Theaters läuft, bekommt das bestätigt. Nicht nur, weil die Innenstadt von Altenburg in der dunklen Jahreszeit noch trister wirkt, mit vielen sichtlich unsanierten Altbauten und Kneipen wie "Zum Schluckspecht". Sondern auch, weil die Reaktionen auf den Weggang der Schauspieler so geteilt sind. Es gibt sie, die Theaterbesucher, die auf Anfrage nur kopfschüttelnd sagen: "Das ist ganz furchtbar für unsere Stadt." Aber es gibt auch die, die versuchen, abzuwehren: "Die wurden doch im Zug nach Leipzig belästigt, nicht hier in Altenburg." Und eine Dame sagt: "Ich habe den Eindruck, sie übertreiben nur, Schauspieler eben."

Sabrina Schmidt von der Universität Erfurt erforscht Islamfeindlichkeit. "Durch Demonstrationen wie von Pegida und AfD sind die Grenzen zwischen bürgerlichen Protesten und rechtsextremistischen Agitationsformen zunehmend verschwommen", sagt sie, "sie schaffen insgesamt aber ein menschenfeindliches Klima." Das begünstige auch rassistische Übergriffe, nicht nur im Osten. Für sie ist "Ost/West" nur eine von vielen Kategorien. Laut ihrer Studie sind etwa islamfeindliche Einstellungen in Gegenden besonders stark verbreitet, wo es kaum Kontaktgelegenheiten mit Fremden gibt. "Das trifft auch, aber nicht nur auf den Osten zu. Rassistische Vorbehalte, insbesondere gegenüber Muslimen, müssten als gesamtgesellschaftliches Phänomen verstanden werden, das auch verschiedene Bildungs- und Einkommensschichten übergreift."

Das kann langfristig auch wirtschaftliche Folgen haben. Schon im Herbst hatte Iris Gleicke (SPD), die Beauftragte der Bundesregierung für die ostdeutschen Bundesländer, davor gewarnt, dass Fremdenfeindlichkeit den wirtschaftlichen Aufholprozess der neuen Länder gefährde. Fragt man aber Unternehmen oder Handelskammern in Ostdeutschland, entsteht ein anderes Bild. Bei Infineon in Dresden habe man "keinerlei Probleme" feststellen können in der Richtung, obwohl regelmäßig Mitarbeiter aus allen Teilen der Welt für einige Monate im Werk in Dresden arbeiten. Ähnliches von verschiedenen angesprochenen Internationalen Handels-kammern: In Mecklenburg und Thü-ringen habe man keine "negativen Reaktionen" feststellen können. Einen Rückzug von Migranten aus der Region könne man nicht bestätigen, sagt auch Thomas Hofmann von der IHK Leipzig, und verweist auf die hohe Bereitschaft (63 Prozent), Flüchtlinge einzustellen.

Genug mit den Beschwichtigungen

Die Unternehmen haben kein Interesse, ihren Standort schlechtzureden, das deckt sich mit den Statements von Ministerpräsidenten wie Thüringens Bodo Ramelow (Die Linke), Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU), die Rassismus immer wieder als gesamtdeutsches Problem erkannt wissen wollen.

Ali Schwarzer hat genug Beschwichtigungen gehört im Leben. "Selbst von weißen Freunden und Bekannten hörte ich, dass ich zu sensibel wäre." Jetzt wohnt er seit zwei Jahren in Mannheim und arbeitet als Projektkoordinator an einer Hochschule. Aus Leipzig vermisst er nicht viel, die Vita Cola vielleicht. Sein Fazit: Es gibt mehr Migranten in seiner neuen Heimat, er ist nicht mehr angespuckt worden und er sagt: Die Leute seien hier insgesamt entspannter.

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