Berliner Spaziergang

Der neue Feminismus der "Edition F."-Macherin

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Internet-Unternehmerin Nora-Vanessa Wohlert.

Nora-Vanessa Wohlert am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg

Nora-Vanessa Wohlert am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg

Foto: Krauthoefer

Kinder. Schon auf den ersten Metern kommen wir auf die Frage danach. "Die stellt mir gerade fast jeder", sagt Nora-Vanessa Wohlert. Hier in Prenzlauer Berg, wo wir uns treffen, wird man ja auch förmlich darauf gestoßen. Vielleicht nimmt sie das Thema deshalb vorweg, weil sie es gewohnt ist. Eigentlich waren wir beim Alter. Aber das eine ist eng verknüpft mit dem anderen. Jetzt, wo sie 31 ist, interessiert die Leute eben, wo der Nachwuchs bleibt. Ob das mit dem Job überhaupt vereinbar sei, wird immer noch hinterhergeschoben.

Nora, wie sie sich vorstellt, ist bekannt als erfolgreiche Gründerin. Unternehmerin, Chefin, diejenige, die die Fäden in ihrer Firma zusammenhalten muss. Das bedeutet Stress. Oft mit 31 Ausrufezeichen, manchmal mehr. Wo soll da ein Kind reinpassen? So abwegig ist die Frage bei einer 50-Stunden-Woche also gar nicht. Aber Nora möchte das nicht als Problem sehen. "Susann, meine Mitgründerin, ist übrigens gerade schwanger", sagt sie fast schon triumphierend. Über genau solche Dinge liest man auch in ihrem Frauen-Onlinemagazin. Zum Beispiel, dass man als Unternehmerin durchaus Kinder bekommen kann.

Starke Frauen miteinander vernetzen

"Edition F" haben Nora und Susann Hoffmann vor zwei Jahren gegründet. Über all ihren Texten soll stehen: ermutigend und nicht stereotyp! Sie sehen sich als Blog, Plattform, Community. Auch deshalb, weil neben den Redakteuren auch Leser des Netzwerks Artikel verfassen können. "Was wir von Beginn an wollten: einen Ort schaffen, wo sich starke Frauen miteinander vernetzen können, ihnen und ihren Gedanken eine Bühne geben, wobei wir Männer nicht ausschließen." Sie wollen nicht Diät, Mode, Partner bedienen, sondern Lebensnahes, Praktisches und Persönliches aus der Realität zeigen.

Das mit dem Stress im Job ist Ansichtssache. "Als Gründerin ist man 24/7 im Einsatz, klar – ich beantworte E-Mails auch am Wochenende oder im Urlaub, anders würde es mich wahrscheinlich nur noch nervöser machen", sagt Nora. "Aber", und da wird Glück­seligkeit in der Stimme hörbar, "mit 'Edition F' habe ich mir meinen Traumjob selbst erschaffen."

Zuhause am Helmholtzplatz

Schnell noch mal zurück zu Kindern, denn genau genommen ist Nora eigentlich schon Mutter. Ihr Freund, mit dem sie zusammenlebt, hat ein Mädchen in die Beziehung gebracht. Seine zwölfjährige Tochter wohnt sogar bei ihnen. Mittlerweile ist sie größer als Nora, ihre Stiefmutter. Das Wort klingt komisch in ihren Ohren, sagt sie. Doch irgendwie spricht sie es mit Stolz in der Stimme aus. Die Patchworkfamilie hält sich vor allem um den Helmholtzplatz auf. Ein Kiez, mit dem Nora erst warm werden musste. Zu viele Mythen. Bloggende Mütter, Kinder, Schwabenländle. Mittlerweile hat sie es für sich entdeckt. Es ist ihr Zuhause geworden.

Wir biegen rechts in die Raumerstraße, machen Fotos am Platz, wo sie sonnabends gerne überteuerte Blumen auf dem Markt holt. Nora setzt sich auf einen Poller, danach lehnt sie an einer Säule. Das Grünzeug piekt ihr in den Arm. Nicht schlimm. Sie ist unkompliziert, lässt das Knipsen über sich ergehen. Es scheint ihr fast egal. Wobei dieses Wort so gar nicht zu ihr passt. Zu der Hannoveranerin, die offenbar immer einen Plan hatte: ein Jahr Australien nach dem Abitur, Studium in Publizistik, Politik und Islamwissenschaften in Berlin, Redaktionsleiterin von "Gründerszene" und heute Unternehmerin.

Selbstbewusste Erscheinung

Sie nimmt Platz auf einer Skulptur, die mit Mosaiksteinen beklebt ist. Um die Anhöhe liegen Menschen in der Sonne. Sie lächelt fast ungeniert in die Kamera. Sie kann das, auch in befremdlichen Settings locker bleiben. Muss sie in ihrem Job. Nora weiß auch genau, aus welchem Winkel sie gut aussieht. Von unten zum Beispiel nicht so. Es sei heiß, sagt sie jetzt. "So warm ist es doch gar nicht", erwidert der Fotograf. "Doch, in dieser exponierten Situation wird einem warm", sagt sie. Und fügt noch provokant und gleichzeitig belustigend hinzu, ob er tauschen wolle.

Dann zeigt sie auf die Schaukel, auf die der Fotograf gerade zusteuert. "Schlimmes Motiv!" Nora ist bestimmt, ohne dabei egozentrisch zu wirken. Das liegt wohl an der unprätentiösen Art. Da trifft eine selbstbewusste Erscheinung auf angenehme Leichtigkeit.

Frauen wird weniger zugetraut

Es würde einen auch wundern, wenn sie, die regelmäßig im Namen ihres Unternehmens in Verhandlungen und Investorengesprächen sitzt, nicht pointiert formulieren könnte. Und da ploppt von ganz alleine die nächste Frage auf. Fast merkwürdig, immerhin dürfte das doch gar keine mehr sein. Aber die Realität zeigt anderes: Wie ist es als Frau in einer überwiegend von Männern dominierten Manege?

Sie muss nicht lange nachdenken, denn im Alltag begegnet sie immer wieder Kleinigkeiten, die ihr zeigen, dass in Sachen Gleichberechtigung noch viel passieren muss. "In Finanzgesprächen muss ich immer ein Stück deutlicher zeigen, dass ich mich mit Finanzthemen auskenne – das Gegenüber fragt oft viel genauer nach, gerade wenn man wie ich keinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund hat." Natürlich bestätigen da Ausnahmen die Regel, aber oft wird spürbar, dass Frauen weniger zugetraut wird.

Jeden Monat über 500.000 Nutzer

Dabei ist "Edition F" bereits ein erfolgreiches Online-Produkt, das sich zwar noch nicht ganz selbst trägt, aber auf einem guten Weg dahin ist. Mittlerweile haben sie über 500.000 Unique User jeden Monat. Offenbar haben sie eine Lücke geschlossen. Etwas kreiert, das inhaltlich weit über klischeehafte Frauenthemen hinausgeht. An "Refinery29" oder "Broadly", Onlinefrauenmagazine, die nun nachziehen, sieht man, dass solche Formate gewünscht sind. Und das, obwohl damals in Nora und Susanns neunmonatigen Konzeptionsgesprächen die großen Verlage das Gegenteil behauptet hatten. Umfragen hätten gezeigt, dass "die Frau" auf Stereotype abfährt, auf wenig Intellektuelles.

"Ich wohne übrigens im LSD-Viertel", sagt Nora, als wir in die Duncker­straße biegen. Bitte was? "Lychener, Stargarder, Duncker." Wir müssen grinsen. Drogen passen so gar nicht zu dieser Prenzlauer Berg-Blase voller Bio und ausgeschlafener Familien. Man vermutet auch, wenn man Nora so betrachtet, dass sie nie mit so etwas Unvernünftigem wie Drogen hantiert hat.

Rastlosigkeit als Überlebensmechanismus

Heute sowieso nicht mehr. "Mit Familie ist das mit Partys nicht mehr so einfach", sagt sie. Außerdem hat man als Single eh viel mehr Energie. Nora erklärt das aus strategischer Sicht so: "Man muss aktiver sein, weil man alleine für sich verantwortlich ist und sonst vielleicht alleine wäre." Die Rastlosigkeit als Single ist ein Überlebensmechanismus.

In Berlin fand sie es sehr schwer, einen Partner zu finden. Die Stadt ist groß, schnelllebig, flüchtig. Und wo kam ihr Freund um die Ecke? Über die Dating-Plattform Tinder, antwortet sie geradeheraus. Das war genau so, als würde man jemanden auf einer Party treffen – da weiß man auch zunächst nicht, wohin die Begegnung führt. Später dann, im echten Leben, verliebt man sich vielleicht oder auch nicht.

Erstes Date im Café Liebling

Nora zeigt mir die "Bekarei", wo sie sich manchmal hausgemachtes portugiesisches Gebäck holt. Danach biegen wir links in die Stargarder Straße, wieder links in die Pappelallee. Prenzlauer Berg lebt von seinen Klischees, den 'ach so schönen' Dingen. Wer die mitlebt, der lebt gut. In diesem Karree könnte sich Nora tagelang aufhalten, von einem zum nächsten Lädchen pilgern.

Zeit zu sitzen. Im "Café Liebling", das mag sie. Sogar das erste Date hatte sie hier mit ihrem Freund. Nora bestellt stilles Wasser. Die Sonne scheint ihr genau ins Gesicht, sie behält die Sonnenbrille auf. "Irgendwie wusste ich, dass wir Erfolg haben werden", sagt sie. Das klingt nach Selbstbewusstsein. Genau das braucht man auch ganz dringend, wenn man sich selbstständig macht, weil da plötzlich niemand mehr ist, der einem auf die Schulter klopft und sagt: 'Das hast du toll gemacht!' "Natürlich war da auch immer die große Angst, zu scheitern", sagt Nora. Sie zitiert ihre Kollegin Susann: "Das Wasser, in das man springen muss, wird nicht wärmer." Da ist nie ein Sicherheitsnetz.

Schwierige Sache mit der Finanzierung

Geld spielt dabei natürlich eine große Rolle. Anfangs von Eltern und Erspartem gelebt, konnten sie früh mit Privatinvestoren kooperieren und etwas Geld verdienen. Heute fahren sie gut mit einem Mischmodell aus Investorengeldern, Advertorials und Jobanzeigen, die sie schalten. "Darf ich?", fragt Nora. Sie legt eine Packung leichter Zigaretten auf den Tisch. Klar. Wir rauchen gemeinsam. "Mit dem Rauchen hat man plötzlich eine wenn auch unliebsame Gemeinsamkeit mit Fremden. Ich bin manchmal schüchtern, auch wenn man das vielleicht nicht gleich denkt. Zigaretten helfen da, ins Gespräch zu kommen", sagt sie. Dann fasst sie sich an den Kopf und sagt lachend, dass sie damit jetzt aber keine Werbung machen will.

Themenwechsel: "Edition F" bedient weibliche Interessen. Was bedeutet Feminismus für Nora? Sie überlegt kurz und antwortet dann: "Es geht ja über das rein Feministische hinaus. Ich finde, es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen – von Frau zu Frau, von Frau zu Mann und andersherum." Feminismus wirkt fast schon wie eine Modeerscheinung. Heute muss das jeder sein: Obama, Justin Trudeau, Beyoncé. Klar, sonst fällt man aus dem akzeptierten Raster. Das Gute an dem Trend: Pro Frau sein, ist per se etwas Wertvolles.

Inspiriert von Sheryl Sandberg

"Dabei übersieht man aber", sagt Nora, "dass da noch einiges getan werden muss: Elternzeit muss auch für Väter noch selbstverständlicher und Gehälter müssen angepasst werden". Wird der Begriff "Feminismus" durch die Kommerzialisierung bagatellisiert? "Heute sagt man schneller, man sei feministisch. Aber der Feminismus, den ich meine, ist nicht unbedingt der, den Frauen wie Alice Schwarzer geprägt haben, vor denen ich größten Respekt habe – es geht eben viel mehr um dieses Miteinander", sagt Nora.

Und es geht um Selbstvertrauen. Da fällt ihr die Geschäftsführerin von Facebook ein, Sheryl Sandberg. Eine der vielen Frauen, die sie inspirieren. Auch deshalb, weil sie eine prägende Begegnung mit ihr hatte. "Als ich noch bei 'Gründerszene' war, gab es eine Fragerunde mit ihr. Damals leitete ich meine Frage ein mit 'Kann sein, dass die Frage total bescheuert ist, aber ...'." Sandberg sei danach zu ihr gekommen und habe ihr den Tipp gegeben, sich zukünftig nicht mehr mit so einem Vorlauf die Glaubwürdigkeit zu nehmen.

Nora macht das nicht mehr. Trotzdem befindet sie sich bis heute in einem ewigen Lernprozess. Trainieren muss sie vor allem noch, auch mal den Istzustand zu genießen. "Als Gründer ist man selten zufrieden und mit dem Kopf nach jedem Erfolg wieder zwei, drei Schritte weiter", sagt sie. Auf dem goldenen Anhänger ihrer Kette steht "good things will come soon". Ist bei Nora schon alles gut oder worauf wartet sie? Der Satz drückt aus, was sie am Ende wohl so erfolgreich macht. Er könnte sagen: Da geht immer noch mehr!

Leben Nora-Vanessa Wohlert ist in Hannover geboren und ziemlich bald nach dem Abitur nach Berlin gezogen. Hier studierte sie einen "wilden Mix", wie sie selbst sagt: Politik, Islamwissenschaften und Publizistik. Heute lebt und arbeitet sie in Prenzlauer Berg.

Arbeit Nach journalistischen Hospitanzen und Bewerbungen an Journalistenschulen gelangte sie schließlich zu "Gründerszene" – ein Onlinemagazin für Gründer, Unternehmer und Start-ups. Dort wurde sie ziemlich schnell zur Redaktionsleiterin ernannt. Danach machte sie sich mit "Edition F." selbstständig.

"Edition F." Dies ist ein Onlinemagazin für Frauen, das die Rolle der Frau stärken will und das Nora-Vanessa Wohlert mit ihrer Kollegin Susann Hoffmann entwickelt hat. In zwei Jahren sind sie mit der Plattform zu einer interessanten Community gewachsen, die auch ihre Leserinnen in Artikeln zu Wort kommen lässt. Wahrscheinlich liegt darin das Geheimnis ihres Erfolgs der 500.000 Nutzer monatlich: Lebensnähe.

Der Spaziergang begann in der Lychener Straße in Prenzlauer Berg, führte durch Wohlerts Heimatkiez rund um den Helmholtzplatz, mit seinen vielen Kneipen und Cafés. Dort im "Café Liebling" an der Raumerstraße machen wir Rast. Der Spaziergang endete wieder in der Lychener Straße.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.