Berlin Varoufakis: "Lasst uns Europa wachrütteln"

Yanis Varoufakis spricht von einem „Werbefilm“, als er kurz danach die Bühne der Berliner Volksbühne betritt

Foto: DAVIDS/Boillot / DAVIDS

Yanis Varoufakis spricht von einem „Werbefilm“, als er kurz danach die Bühne der Berliner Volksbühne betritt

Griechenlands Ex-Finanzminister wirbt in der Volksbühne für seine „Demokratie-Bewegung“. Und schaltet Julian Assange zu.

Berlin.  Der Auftritt des selbsternannten Retters der europäischen Demokratie beginnt mit 16 Minuten Verspätung – und einem Film. Bilder von Politikern in Brüssel, Flüchtlingen, Aktienhändlern, dazu die drohenden Worte, die man von ihm schon oft gehört hat: "Autoritarismus", "Austerität", "Desintegration". Das Ganze untermalt mit wummernder Musik. Harter Stoff.

Yanis Varoufakis spricht von einem "Werbefilm", als er kurz danach die Bühne der Berliner Volksbühne betritt, und genau darum geht es ja auch. Varoufakis ist gekommen, um für seine neue Bewegung zu werben. "Democracy in Europe Movement 2025", kurz DiEM25. Ein Netzwerk, das Europa einen neuen, demokratischen Anstrich verpassen will.

Der Auftritt des ehemaligen griechischen Finanzministers mobilisiert. Schone eine Stunde vorher haben sich vor den Kassen lange Schlangen gebildet, ein paar Restkarten soll es noch geben. Und wer kein Glück hat, kann trotzdem bleiben. Die Veranstaltung wird per Livestream in das Foyer des Theaters übertragen. Im Internet selbstverständlich auch. Dass das auch etwas mit seiner Vision zu tun hat, wird Varoufakis später erläutern.

Warnung vor dem Verlust des sozialen Zusammenhalts

Zunächst beginnt der Mann, der trotz nur fünf Monaten Amtszeit so viel polarisiert hat wie kaum ein europäischer Minister vor ihm, mit einer Anklage. Er zielt gegen das, wie er es nennt, Establishment der EU, das mit Angst regiere. Er warnt vor dem Verlust des sozialen Zusammenhalts. Es dürfe nicht dasselbe passieren wie in der Zeit ab 1930. "Lasst uns Europa wachrütteln", ruft er. "Sanft, aber bestimmt."

Die Kunst der geschliffenen Rhetorik hat Varoufakis nicht verlernt. Seit er im Juli seinen Posten als Finanzminister aufgab, macht er vorrangig das, was die EU-Finanzminister einst unisono aufstöhnen ließ: Er hält Vorträge. Und gibt Interviews. Für eines mit dem italienischen Radiosender kassierte er 24.000 Euro – 1000 Euro pro Minute, was die italienischen Steuerzahler dann nicht sehr lustig fanden. In einem anderen Interview mit dem "stern" stellte er sich als Opfer einer "Rufmord-Kampagne" hin, nannte Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) den "schlimmsten Politiker, den ich getroffen habe", bekundete aber auch Respekt gegenüber Kanzlerin Angela Merkel und seinem damals stärksten Widersacher, Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU). Beide erwähnt er am Dienstagabend nicht.

Jetzt also die Rückkehr nach Berlin. Er wollte explizit in die Volksbühne, wie eine Sprecherin sagt. Was nicht verwundert. Bereits im Oktober war Varoufakis Gast einer Podiumsdiskussion mit dem Arbeitstitel "Im Zentrum des Übels – Plan B für Europa?". Angekündigt wurde er als einer mit "Intelligenz, Mut und Integrität zur politischen Praxis", dem genau dies aber nicht verziehen werde. Varoufakis, bekanntermaßen nicht frei von Eitelkeit, wird das gern gehört haben.

Berlin habe er aber auch gewählt, sagt Varoufakis bei einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen, da ohne Deutschlands Beteiligung keine Veränderungen in Europa erreicht werden könnten. Die Hauptstadt steht für den 54-Jährigen auch für eine verfehlte Krisenpolitik. Hier also soll die Revolution beginnen. Am Mittwoch, kündigt Varoufakis an, wolle er die Chefs von EU-Rat, Euro-Gruppe und EZB mit seiner Kampagne konfrontieren. "Wir sind radikal", sagt er, "aber das muss man als liberaler Demokrat auch sein".

"Ein Manifest zur Demokratisierung Europas"

Um was genau es ihm geht, erläutert er den rund 800 Zuhörern in der Volksbühne im Laufe des Abends. Es ist auch in einem sechsseitigen Schreiben nachlesbar, das DiEM25 im Netz veröffentlicht hat – laut Überschrift nicht weniger als "ein Manifest zur Demokratisierung Europas". Die Forderungen: Alle Sitzungen wichtiger EU-Gremien sollen per Livestream verfolgbar, Sitzungsprotokolle des EZB-Rats nach ein paar Wochen zugänglich sein. Zudem soll es ein Register aller Lobbyisten inklusive deren Vergütung geben. Totale Transparenz also, die Forderungen könnten auch dem Parteiprogramm der Piraten entspringen.

Um eine neue Partei und Parteipolitik geht es Varoufakis aber nicht. Für ihn ist die angestrebte paneuropäische Bewegung eine Antwort darauf, dass Politiker aus seiner Sicht nicht wirklich an der Macht sind. Diese würden vielmehr von einer "Schattenwelt der Bürokraten, Bankiers und nicht gewählten Beamten" gelenkt. Die etablierten Parteiensysteme und der parlamentarische Rahmen hätten für Veränderungen nicht die Kraft, glaubt Varoufakis.

Wie genau er alles ändern will, verrät Varoufakis nicht, er leugnet nicht mal, dass sein Vorhaben utopisch ist. Immerhin kann er am Dienstagabend einige Mitstreiter vorstellen. Darunter auch Linken-Parteichefin Katja Kipping. Seinen größten Coup präsentiert Varoufakis nach knapp zwei Sunden: Per Live-Schaltung meldet sich Julien Assange. Auch er warnt wortreich vor einem Verlust des europäischen Zusammenhalts. "Sonst droht uns eine lange Nacht".

Der Livestream erweist sich am Ende als nicht ganz krisensicher, mehrmals stürzt er ab. Der Weg zur Demokratisierung Europas kann mitunter holprig sein.

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