16.03.12

OECD-Studie

Warum bis 2050 der ökologische Kollaps droht

Artensterben, Klimawandel und Luftverschmutzung - die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnet in einem Bericht eine düstere Zukunft unserer Welt. Aufgrund der rapide wachsenden Bevölkerung droht die Überlastung. Es gibt aber auch gute Nachrichten.

Von Tobias Kaiser
Foto: dpa/DPA
Weltwassertag
Hohe Geburtenraten, Klimawandel, Industriegifte und Verschwendung führen zu weltweiter Wassernot. Die OECD fordert ein Umdenken

Die Warnung ist eindringlich. "Wir riskieren unumkehrbare Umweltschäden, die unseren in zwei Jahrhunderten errungenen Lebensstandard gefährden." So steht es in einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Ein 300 Seiten starkes Papier, das eine düstere Zukunft zeichnet. Eine sehr düstere.

Die Autoren des "Umweltausblicks bis 2050" erwarten, dass den Ökosystemen aufgrund der rapide wachsenden Bevölkerung die Überlastung droht. Bis 2050 sollen sich das Artensterben, der Klimawandel, der Wassermangel und die Luftverschmutzung weiter beschleunigen.

Basis des Szenarios sind eigentlich zwei zunächst erfreuliche Entwicklungen: Die Menschheit wächst und wird wohlhabender. In den kommenden 40 Jahren werde die Weltbevölkerung um zwei Milliarden auf dann neun Milliarden Menschen anwachsen, rechnen die Forscher vor. Fast zwei Drittel davon werden 2050 in Städten leben, und die globale Wirtschaftsleistung werde sich bis dahin vervierfachen.

Doch es ist ein Wachstum, das nicht ohne Folgen für die Umwelt bleibt. Eine viermal größere Weltwirtschaft wird nach den Berechnungen trotz Energiesparmaßnahmen rund 80 Prozent mehr Energie verbrauchen als heute. Weil der Energieverbrauch vor allem in den großen Schwellenländern wachse, die weiter auf fossile Energieträger wie Öl und Gas setzen, werde der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase trotz internationaler Vereinbarungen zunehmen – die Experten rechnen mit einem Plus von 50 Prozent bis 2050.

Tod durch verschmutzte Atemluft

Gesundheitsgefährdende Chemikalien sind ein weiteres Problem. Während in den wohlhabenden OECD-Ländern zunehmend untersucht wird, wie Chemikalien im Boden, im Wasser und in Produkten des Alltags die Gesundheit der Menschen beeinflussen, haben die Schwellen- und Entwicklungsländer nach Ansicht der Autoren damit kaum begonnen.

Auch die Luft in den Städten und Metropolregionen wird schlechter, urteilen die Forscher der OECD, einem Thinktank mit Sitz in Paris, der von 34 zumeist wohlhabenden Staaten finanziert wird, darunter Deutschland, Frankreich und die USA. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, dürften in vierzig Jahren mehr Menschen an den Folgen verschmutzter Atemluft sterben als an verunreinigtem Trinkwasser oder mangelnder Hygiene.

Mitte des Jahrhunderts erliegen demnach jedes Jahr 3,6 Millionen Menschen Atemwegserkrankungen, die durch Abgase und Chemikalien ausgelöst werden – doppelt so viele wie heute. Vor allem die Bewohner der Metropolen in Indien und China leiden unter der Belastung der Luft mit Feinstaub. Die wohlhabenden Industrieländer bleiben allerdings von diesen Problemen nicht verschont: Die Rate der Städter, die wegen der hohen Ozonbelastung sterben, soll weiter steigen. Verantwortlich dafür sind die alternde Bevölkerung und die Verstädterung.

Wasserbedarf steigt bis 2050 um mehr als 50 Prozent

Die Pariser Forscher rechnen mit enormen ökonomischen und menschlichen Kosten, wenn die internationale Politik die Umweltzerstörung nicht energischer bekämpft. "Die Folgen für die Lebensqualität der Menschen weltweit wären desaströs", warnen sie. Zum Beispiel werde sich der Kampf um Wasser verschärfen: Der weltweite Bedarf soll bis 2050 um mehr als 50 Prozent steigen. Das daraus resultierende Ringen um die Verteilung könnte dazu führen, dass im Jahr 2050 rund 40 Prozent der Menschheit in Gebieten mit extremer Wasserknappheit leben werden, vor allem in Afrika, Südasien und Zentralasien. Das wären 2,3 Milliarden Menschen mehr als heute.

Auch der zunehmende Schwund der Artenvielfalt ist mit hohen Kosten verbunden. Rodungen, Monokulturen, wachsende Städte und der Klimawandel werden nach den Berechnungen der OECD dafür sorgen, dass bis 2050 die Artenvielfalt an Land um zehn Prozent abnimmt. Betroffen seien besonders Europa, Asien und das südliche Afrika. In Flüssen und Seen seien bereits ein Drittel der Arten ausgerottet, und dieser Prozess werde sich weiter fortsetzen.

Allein der Verlust an Artenvielfalt, der durch die Rodung von Wäldern entstehe, koste die Menschheit jedes Jahr bis zu fünf Billionen Dollar. Angel Gurría, der Generalsekretär der Organisation, erklärt die Folgen am Beispiel der Fischerei: "Wir haben bereits beobachtet, dass einige Fanggründe wegen Überfischung zusammengebrochen sind und diese Entwicklung viele Gemeinden an den betroffenen Küsten schwer belastet."

Angesichts dieser Prognosen fordert die OECD rasches und ehrgeiziges Handeln – selbst wenn die Datenlage nicht immer klar sei. Ein Umdenken sei nötig. "Die bisherige Politik des schrittweisen Vorankommens wird in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr genügen." Die Forschung belege, dass Entwicklungen in der Natur ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aufgehalten werden könnten und sich sogar beschleunigten.

Es gibt auch gute Nachrichten

Die gute Nachricht: Die Wissenschaftler haben konkrete Vorschläge für Maßnahmen, die dabei helfen könnten, die Umweltbelastung in den kommenden Jahrzehnten zu reduzieren und die Entwicklung sogar umzukehren. Dazu müsse es vor allem teurer werden, die Umwelt zu belasten. Das kann zum Beispiel durch einen Markt für Emissionsrechte, wie er in der Europäischen Union existiert, erreicht werden. Oder durch Steuern auf Energieträger und schädliche Emissionen. Die OECD verweist dabei auf einen positiven Nebeneffekt: Solche Abgaben brächten den Staaten zusätzliches Einkommen und könnten dafür genutzt werden, die Arbeitskosten zu senken. Als Beispiel dafür gilt die deutsche Ökosteuer beziehungsweise ein ganzes Bündel an Regeln, das so bezeichnet wird.

Außerdem plädieren die Forscher dafür, Subventionen abzuschaffen, die etwa Landwirten oder Fischern gezahlt werden und damit Anreize für umweltschädliches Verhalten setzen. Ein Pilotprogramm, das gerade in Mexiko läuft, illustriert, wie solche Maßnahmen wirken können. Dort hat die Regierung aufgehört, den Strom zu subventionieren, den Bauern für den Betrieb ihrer Bewässerungsanlagen nutzen. Stattdessen wird das Geld, das zuvor in die Subventionen geflossen ist, direkt an die Bauern ausgezahlt. Die Folge: Der Strom ist teurer, und die Bauern versprühen auf ihren Feldern weniger Grundwasser.

Wasser soll mehr kosten

Die Autoren der Studie kritisieren besonders Subventionen, die Benzin billiger machen. Solche Begünstigungen sind in vielen Ländern wie Indien oder dem Iran üblich. Allein im Jahr 2010 hätten Entwicklungs- und Schwellenländer Benzin, Öl und andere fossile Brennstoffe mit mehr als 400 Milliarden Dollar subventioniert. Aber auch in den wohlhabenden Staaten der OECD wurden die Produktion und der Verbrauch von fossilen Brennstoffen in den vergangenen Jahren subventioniert – im Schnitt flossen dafür zwischen 45 und 75 Milliarden Dollar pro Jahr.

Viel versprechen sich die Experten auch davon, dass Bauern, Unternehmen und Haushalte künftig mehr dafür bezahlen müssen, wenn sie natürliche Ressourcen wie Wasser verbrauchen – das sei bisher in vielen Regionen der Welt nicht der Fall und führe zu Verschwendung. Denn noch fehlen Marktpreise für Ökosysteme oder die biologische Artenvielfalt. Diese ökonomischen Überlegungen stecken allerdings noch in den Kinderschuhen. Das muss sich bald ändern. Andernfalls – die Experten der Studie betonen es noch einmal – drohen uns "unumkehrbare und potenziell katastrophale Entwicklungen nach 2050".

Was wäre, wenn . . . ?

. . . die Industrieländer ihre Zusagen zur Minderung von Emissionen aus dem Abkommen von Cancún vollständig einhalten und ihre eingesparten Emissionsrechte auf dem Markt verkaufen würden? Dann könnten diese Länder pro Jahr Gewinne in Höhe von rund 250 Milliarden Dollar (190 Milliarden Euro) machen.

. . . die Insekten keinen Lebensraum mehr hätten und aussterben würden? Dann hätte das – neben gravierenden Auswirkungen auf das Ökosystem der ganzen Welt – auch wirtschaftliche Konsequenzen. Der Wert, den Insekten durch Bestäuben weltweit leisten, liegt Schätzungen zufolge bei 192 Milliarden Dollar.

. . . die Emissionen von Stickstoffdioxd, Schwefeldioxid und Ruß bis 2050 um 25 Prozent reduziert werden würden? Dann wäre das immer noch zu wenig. Laut OECD ließe sich an der prognostizierten Verdopplung der Todesfälle durch Feinstaub wenig ändern. Dafür ist die Luftverschmutzung in vielen asiatischen Städten zu groß.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Treibhaus Erde

Unser Heimatplanet ohne Eis

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Starke Unwetter Erneut Überschwemmungen im Westen
Geplatze Wasserleitung Neun Meter hohe Fontäne überschwemmt Teile von…
Paris Die Luxus-Ratten vom Louvre
US-Sanktionen "Das ist kein neuer kalter Krieg"
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftUkraine-KriseWer hält die Sanktionen länger aus? Europa oder Putin?
  2. 2. DeutschlandGesundheitspolitikJeder Vierte wartet mehr als drei Wochen auf Arzttermin
  3. 3. Wall Street JournalStaatsbankrottRettet ein Geheimplan Argentinien vor Pleite?
  4. 4. AuslandGaza-KonfliktGranaten treffen Flüchtlinge in UN-Mädchenschule
  5. 5. GeldanlageStaatsanleihenDeutschland droht die japanische Zinsfalle
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Solinger Uhrenmodel

Ben Dahlhaus, der Hype um das neue Sex-Symbol

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote