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25.02.12

Afghanistan

Die Bundeswehr flüchtet aus der Verantwortung

Nach Protesten gegen die Koranverbrennungen in Afghanistan räumt die Bundeswehr ihren Stützpunkt und sendet eine verheerende Botschaft nach außen.

© dapd/DAPD
aufgebrachte Afghanen
Aufgebrachte Afghanen rufen anti-amerikanische Slogans. Nach den Koran-Verbrennungen von US-Soldaten richtet sich der Zorn nun auch gegen die Bundeswehr

Talokan, dieser Ortsname hat für die Bundeswehr einen unheilvollen Klang. Es war am 28. Mai 2011, als in der nordafghanischen Provinzhauptstadt ein Sprengsatz explodierte . Mit Generalmajor Markus Kneip wurde erstmals in diesem seit zehn Jahren währenden Einsatz der deutschen Streitkräfte ein hoher Kommandeur schwer verletzt.

Zwei der Mitarbeiter des obersten Repräsentanten der internationalen Truppen im Norden Afghanistans fielen, die Taliban-Propaganda schlachtete das Attentat aus. Niemand ist vor uns sicher, das war die Botschaft der Terroristen.

In dieser Woche wurde der 200000-Einwohner-Ort erneut zu einem Menetekel. Der landesweite Volkszorn, organisiert von den Taliban und entfacht durch einige Koranexemplare, die unter noch ungeklärten Umständen in eine amerikanische Müllverbrennung geraten waren, erreichte den deutschen Stützpunkt in Talokan.

Es flogen Steine auf das Camp, General Kneip ordnete den Rückzug der 50 dort stationierten Soldaten an . Sie nahmen nur das Nötigste mit, schweres Gerät blieb zurück.

300 aufgehetzte Afghanen reichen, um die Bundeswehr zu vertreiben

Nun versucht das Verteidigungsministerium zu beschwichtigen. Der Außenposten sei militärisch unbedeutsam, er sollte im März ohnehin geräumt werden. Das Signal an die Afghanen aber ist ein anderes. Es lautet: 300 aufgehetzte Demonstranten reichten, um die Bundeswehr zu vertreiben. Die Schutzmacht zog nicht ab, sie machte sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub.

Die Flucht aus Talokan droht zu einem symbolischen Akt zu werden, unter der Überschrift: Der Wettlauf zum Ausgang hat begonnen. All die in politischen Fensterreden formulierten Beteuerungen des Westens werden damit ad absurdum geführt.

"Wir lassen die Afghanen nicht im Stich", hieß es bei der jüngsten Afghanistankonferenz in Bonn. Die Kampftruppen werden bis 2014 abgezogen, aber nur "soweit es die Lage erlaubt und ohne dadurch die Nachhaltigkeit des Übergabeprozesses zu gefährden", so steht es im Mandat des Bundestags.

Doch konfrontiert mit der Realität, entpuppt sich die auf dem Papier wohlklingende "Übergabe der Verantwortung in Verantwortung" als hohle Phrase.

"Goodbye Hindukusch" hört man aus dem amerikanischen Wahlkampf

Natürlich, der Takt des Abzugs wird nicht von Berlin bestimmt, sondern von Washington. Von den Wahlkämpfern in Amerika ist zu hören, man solle dem Hindukusch "goodbye" sagen und nicht weiter Blut und Geld an die Afghanen verschwenden.

Auch in Deutschland ließe sich hinter diesem Schlachtruf eine Mehrheit versammeln. Aufbau eines leidlich funktionierenden Staatswesens, geopolitische Einhegung der auf Instabilität bedachten Regionalmächte Pakistan und Iran, Schutz der Menschenrechte, all das verliert in der unter Schuldenkrisen und Kriegsmüdigkeit leidenden westlichen Wertegemeinschaft an Bedeutung.

Diese Entwicklung war nicht zwangsläufig, sie fußt auf einer langen Fehlerkette. Zu lange hat sich der Westen keine Gedanken über eine Exit-Strategie gemacht, zu lange das korrupte Regime in Kabul gewähren lassen, zu lange auf einen militärischen Sieg über die Taliban gesetzt.

Und der vor zwei Jahren gestartete Versuch der USA, die im Irak erprobte Strategie der Aufstandsbekämpfung an den Hindukusch zu übertragen, hatte einen entscheidenden Geburtsfehler: Das richtige Konzept, die "Herzen und Köpfe" der Bevölkerung zu gewinnen, gleichzeitig den militärischen Druck zu erhöhen und die Taliban an den Verhandlungstisch zu zwingen, war schon in dem Moment gescheitert, als es mit einem Abzugstermin verknüpft wurde. Warum sollte verhandeln, wer weiß, dass er nur lange genug durchhalten muss?

Maxime einer "Kultur der militärischen Zurückhaltung"

Der sich nun abzeichnende überstürzte Abzug ist das letzte Glied in dieser Kette. Er droht in einen neuen Bürgerkrieg zu münden, der alle Fortschritte in wenigen Wochen wieder zunichtemachen wird.

All die Apostel eines neuen Isolationismus sollten deshalb die Frage beantworten, wie sie den an die Versprechen von Freiheit und Demokratie glaubenden Afghanen die Flucht aus der freiwillig übernommenen Verantwortung erklären.

Die internationalen Anstrengungen, so hat es gerade der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck gesagt, könnten nur Früchte tragen, wenn man sich in Geduld übe. Das Land einfach sich selbst zu überlassen, widerspräche jedenfalls seinem Verantwortungsideal.

Die Mehrheit in Deutschland denkt anders, nicht nur im Volk. Die Anordnung, den kleinen Stützpunkt Talokan aufzugeben, ist ohne Zustimmung Berlins nicht vorstellbar. Die Flucht passt zur außenpolitischen Regierungsmaxime einer "Kultur der militärischen Zurückhaltung", die sich schon in Libyen der Übernahme von Verantwortung verweigerte.

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